Die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges saßen noch tief in den Knochen und in der Seele. Trotzdem dichtete Paul Gerhardt ein starkes "Lobe den Herren". Woher kommt so eine Resilienz?
Sendetext:
"Bet‘, Kinder, bet‘, morgen kommt der Schwed‘". Als schwedische Soldaten durch Mitteleuropa zogen und kaiserliche Truppen auch, als Evangelische gegen die Katholischen kämpften, da sangen Mütter ihren Kindern dieses Lied. Nicht das später gewohnte "Schlaf, Kindlein, schlaf". Ihre Angst vor dem Morgen brach sich Bahn in der Kriegsvariation: "Bet‘, Kinder, bet‘, morgen kommt der Schwed‘".
Begonnen hatte das Elend mit dem Prager Fenstersturz, vor mehr als 400 Jahren. Es folgte eine Horrorzeit über 3 Jahrzehnte. Die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges noch in den Knochen und in der Seele dichtete der Geistliche Paul Gerhardt gegen das Entsetzen ein Morgenlied: "Lobet den Herren alle, die ihn ehren". Gott loben, wo es von außen betrachtet wenig Grund zu loben gab. Wo nahm er diese Glaubenskraft her, die seitdem Menschen in allen Lebenslagen, in Kriegs- und in Friedenszeiten tröstet und ermutigt?
Paul Gerhardt ermuntert, am frühen Morgen Gott zu loben, weil wir doch am Leben sind und "Händ und Füße, Zung und Lippen regen" können. Was wir nichts anderem zu danken haben als Gottes reichem Segen. Paul Gerhardt und die Seinen wissen genau, wie wenig selbstverständlich dies ist. "Dass Dieb und Räuber unser Gut und Leiber nicht angetast und grausamlich verletzet." Und dass es nicht gebrannt hat: "Dass Feuerflammen uns nicht allzusammen mit unsern Häusern unversehns gefressen, das macht’s, dass wir in seinem Schoß gesessen." Und nach jedem Vers ein Halleluja: "Lobet den Herren!"
In seinem Roman "Tyll" hat der Schriftsteller Daniel Kehlmann Bilder aus dem Dreißigjährigen Krieg gezeichnet. Darin klagt etwa der Abt vom Kloster Andechs einem Gast, wie hungrig alle seien und voller Angst vor dem Wolf und vor der Pest. Es haben ja etliche Ortschaften erlebt, dass erst die einen Soldaten kamen und dann die anderen Soldaten kamen und dann nochmals die einen, und sie raubten und zerstörten und mordeten. Es machte keinen Unterschied, von welcher Seite die Soldaten kamen. Die Menschen waren ohne Halt und maßlos ihre Untaten. So schließt der Abt mit den Worten: "Nur wenn man sich daran erinnert, hat all das Leiden einen Sinn gehabt."
Ich erinnere an die Kraft, die den Geistlichen Paul Gerhardt immer wieder durch das Dunkel bitterer Lebenserfahrungen in das Licht des Glaubens hineinsingen lässt. "Und wo wir schwach sind", dichtet Paul Gerhardt, "da gib du uns Stärke", um auch diese Strophe zu beenden wie jede andere Strophe dieses Liedes: "Lobet den Herren."
Es gilt das gesprochene Wort.
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