Schreckensbilder kann man nicht ungeschehen machen. Aber man kann sie übermalen oder ihnen andere Bilder zur Seite stellen.
Sendetext:
Es ist ein Schnitter, heißt der Tod. Kein anderes Lied trifft den Zeitgeist in den Jahren des Dreißigjährigen Kriegs besser als diese Weise. Wer es gedichtet hat, ist unbekannt:
Es ist ein Schnitter heißt der Tod
Hat Gwalt vom großen Gott
Heut wetzt er das Messer
Es geht schon viel besser
Bald wird er drein schneiden
Wir müssens nur leiden
Hüt dich schöns Blümelein.
Hier wird nichts beschönigt. Der Schnitter mäht. Auf dem ältesten Liedblatt aus dem Jahr 1637 gibt es keinerlei Zeichensetzung – kein Komma, keinen Punkt. Vielleicht steht das dafür, wie pausenlos, wie unerbitterlich der Schnitter mäht und mäht, ohne Punkt und Komma eben. Der Dreißigjährige Krieg hat Mitteleuropa verwüstet. Tausende Soldaten kamen zu Tode, dazu kamen abertausende Tote in den Dörfern und Städten. Der Tod ist ein Schnitter, ein Sensenmann.
Heut wetzt er das Messer,
bald wird er drein schneiden.
Wir müssens nur leiden.
Hüt dich schöns Blümelein.
Das himmelsfarbe Ehrenpreis
Die Tulipan gelb und weiß
Die selberne Glocken die guldene Flocken
Sinkt alles zur Erden was wird nur draus werden
Hüt dich schöns Blümelein.
Und so weiter und so weiter. 16 Strophen lang. Ein ganzer botanischer Garten liegt niedergemäht da.
Mir kommt es so vor, als würde ein anderes Lied dagegen andichten: "Geh aus, mein Herz, und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit". Paul Gerhardt, der Dichter und evangelische Pfarrer, hat es geschrieben. Er ruft ebenfalls Tulipan, Narzissen, die ganze Gartenzier herbei. Er stemmt sich in 15 Strophen mit aller Kraft gegen die grauenvolle Erfahrung an, dass der Tod alles niedermäht. Paul Gerhardt lässt es grünen und blühen und leben.
Am Ende des Dreißigjährigen Krieges schreibt er seinen Sommergesang "Geh aus, mein Herz, und suche Freud". Eine Gegenwelt, in der die Gärten blühn, sommerlich-kraftvoll. Erst vor dem Hintergrund des Schnitter-Liedes sehe ich die ganze Leuchtkraft der Verse Paul Gerhardts:
"Die Bäume stehen voller Laub, das Erdreich decket seinen Staub mit einem grünen Kleide."
Das ist eben der Staub, zu dem all das zerfiel, was der Schnitter niedermachte. Und Narzissus und die Tulipan zeigen sich in schönster Pracht, die sogar einen König Salomo beschämen könnte.
Paul Gerhardt übermalt die Kriegsbilder. Kampfansage der Hoffnung. Traumata kann man nicht ungeschehen machen. Aber man kann ihnen andere Bilder zur Seite stellen. Der Schnitter hat nicht das letzte Wort. Es darf wieder blühen in deutschen Landen. Darum bittet Paul Gerhardt:
Verleihe, dass zu deinem Ruhm
ich deines Gartens schöne Blum
und Pflanze möge bleiben.
Es gilt das gesprochene Wort.
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