Eine zufällige Begegnung in der U-Bahn wird für unseren Autor zu einem eindrücklichen Erlebnis.
Sendetext:
In der U-Bahn, ich sitze eingezwängt zwischen zwei Schülerinnen und einem Schüler. Sie reden über den Mathelehrer, der doof ist, weil ungerecht. ‚Wie alles in der Schule‘, sagt die eine. Das andere Mädchen stimmt ihr zu. Nur der Junge mir gegenüber ist still. Schweigt. Aber ich sehe, wie es in ihm arbeitet. Dann steigen die beiden Mädchen aus. Mein Gegenüber bleibt sitzen. Ich schaue ihn an, er merkt es. "Freunde" sage ich, wie ein Seufzer, als könne man sich die nicht aussuchen. Er schaut weg, sagt kein Wort. Ich auch nicht, andere setzen sich neben uns, steigen wieder aus. Die Türen knallen zu.
Dann schaut er mich doch an, sagt: "Keine Freunde". Ich sage: "Keine guten Freunde." Er nickt. "Der Mathelehrer ist der beste Freund meines Vaters" sagt er. Hm, denke ich, das ist blöd. Und frage: "Wissen es die Mädchen?" "Nö. Ich sag nix." Eine Mutter mit Kind setzt sich für zwei Stationen zu uns. Als sie wieder weg sind, frage ich: "Magst du ihn, den Mathelehrer, den Freund deines Vaters?" Er nickt. "Schwierig für dich" sage ich. Er nickt nochmal. Dann schaut er mich an und fragt: "Warum interessiert Sie das?" Ich antworte: "Mir ist aufgefallen, dass du geschwiegen hast. Ich habe gesehen, dass es dir nicht gut geht. Nur das, sonst nix." "Was haben Sie gesehen?" fragt er zurück. "Dich" sage ich. Er schaut wieder weg. Das Gespräch ist zu Ende, merke ich. Und ich sage auch nichts mehr.
Im Grunde weiß ich nichts von ihm. Was ihm wichtig ist, was nicht. Wer er ist. Es war grad nur ein Moment der Begegnung. Für mich war er okay. Ob es für ihn anders war? Irgendwann steht er auf, andere drängen auch in Richtung Tür. Ich sehe ihn nicht mehr. Die U-Bahn ruckelt, bremst hart, kurz vorm nächsten Halt. Plötzlich steht er wieder neben mir und sagt, etwas verlegen: "Danke." "Bitte" sag ich und lächle. Dann verschwindet er durch die offene Tür und unter den vielen Leuten. In der Bibel heißt es manchmal: "Er hat mich gesehen." Das kann Gott sein, aber auch ein Mensch. Selbst wenn sich wenig ändert – mich tröstet der, der mich sieht (1. Mose 16,13). Ich bin nicht allein. Danke.
Es gilt das gesprochene Wort.
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