Farben drücken Gefühle aus oder lösen sie aus. Wie ist der Tag heute gestimmt und welche Farbe würde ich ihm geben?
Sendetext:
Ist das heute ein blauer oder ein gelber Tag? Fühle ich mich heute blau-gelb oder rot-blau oder grün-rot?
Die Berliner Künstlerin Nadine Schemmann fühlt und denkt in Farben: Begegnungen und Begebenheiten erinnert sie in Farbtönen – und bringt sie als Künstlerin auf Leinen. Großformatige Stoffbahnen mit ineinanderlaufenden Farbinseln entstehen, die sich wie Landkarten emotionaler Zustände lesen lassen. Das "Chromatogramm" eines Blicks, eines Wortes, einer Berührung…
In der Berliner St. Matthäus-Kirche hat Nadine Schemmann ihre Farbbahnen in den Luftraum des Kirchenraums gehängt. Hoch über den Köpfen der Besucherinnen und Besucher umspielen sie das Luftvolumen des Kirchenraums. Ein Fluss von Farben, der Himmel und Erde verbindet, durch das Kirchenschiff bis hinein in die Apsis.
Wer mit dem Blick den Farben folgt, wandert von dunklen Violetttönen über mattes Weiß ins strahlende Himmelblau und ins leuchtende Rot der Apsis. Wer möchte, kann darin die Farben des Kirchenjahres erkennen: Violett für die Passionszeit, Weiß für Ostern und alle Christus-Feste, Rot für Pfingsten. Es gibt auch kleine grüne Felder, die für die Trinitatiszeit stehen könnten, in der wir uns gerade befinden. Nach den großen Festen Ostern und Pfingsten ist das eine Zeit des inneren Wachsens.
Das Kirchenjahr erzählt in Farben, was die biblischen Geschichten in Worte fassen. Auch in der Bibel drücken Farben Gefühle aus. Wie zum Beispiel im Hohelied Salomos, in dem eine Frau ihr Verliebtsein in Farbtönen beschreibt: "Mein Freund ist weiß und rot – auserkoren unter vielen Tausenden."
Farben untermalen, rufen Emotionen hervor, beflügeln die Fantasie: "Eine gelbe Sonne, eine grüne Sonne, eine gelbe Sonne, eine rote Sonne…", schreibt die US-libanesische Dichterin Etel Adnan in ihrem Buch "Arabische Apokalypse" – und trainiert unsere Fantasie für Farben über das Sichtbare hinaus.
"Ein gelber Morgen auf einer grünen Sonne, eine Blumeblume auf einem Blaublau…" (Etel Adnan) – Ein gelber Morgen. Was könnte das für ein Morgen sein? Wie fühlt sich dieser Morgen an? Welche Farbe würden wir heute der Sonne geben?
Neulich haben wir das mit der Künstlerin Nadine Schemmann im Familienkunstgottesdienst mit Kindern geübt: Die eigene Farbe des Tages finden, sie mit anderen teilen, ein großes Bild entstehen lassen, in der Farbe gehen. Wie auf einem großen Regenbogen. Es lohnt sich, die innere Farbpallette aufzufächern – und sie mit in den Tag zu nehmen.
Es gilt das gesprochene Wort.
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