Gemeinfrei via Fundus/ ELKB
Quälereien
… und ein Klang von Unendlichkeit
07.07.2026 06:20

"840 Mal wiederholen" schrieb der Komponist Erik Satie unter sein Stück "Vexations", zu Deutsch: Quälereien. Aber es ist keine Quälerei, sondern ein Erlebnis, wie Ewigkeit sich anhören könnte.

Sendetext:

840 Mal wiederholen. So steht es ganz oben, am oberen Rand des Notenblattes. Darunter das Stück: Gerade einmal eine DIN A4-Seite Noten. Der Pianist spielt das erste Blatt. Sobald er es fertig gespielt hat, lässt er es auf den Boden gleiten, nimmt das nächste Notenblatt von einem Stapel und spielt weiter, lässt das Blatt wieder zu Boden gleiten, nimmt das nächste, und so weiter. Nach etwas über zehn Stunden Klavierspiel ohne Pause ist der Stapel aufgebraucht, die Blätter übersäen den Kirchenboden.

Der französische Komponist Erik Satie hat dieses Stück geschrieben. Niemand weiß so genau, ob seine handschriftliche Anmerkung "840 Mal wiederholen" ein Witz oder ernst gemeint war. Vorsichtshalber hat er das Stück "Vexations", zu Deutsch: "Quälereien" genannt. Dabei ist die Musik – zumindest für die Hörerinnen und Hörer – ganz und gar keine Quälerei, sondern eher eine Begegnung mit der Ewigkeit.

Es ist enorm, was mit mir geschieht, wenn ich in eine gefühlt unendliche Schleife von Wiederholungen eintrete. Man fühlt sich wie in einer Achterbahn, die unentwegt fährt, rauf und runter, geradeaus und in gewundenen Kurven und doch immer wieder am Ausgangspunkt ankommt.

Der Pianist Igor Levit hat das Stück während der Pandemie zu Hause in seinen eigenen vier Wänden gespielt und eine Internetgemeinde teilhaben lassen. Ein Symbol der Abgeschiedenheit und der Sisyphusarbeit – aber auch eine Meditation über Zeit und Ewigkeit.

Musik ist eine Zeitkunst – und beherrscht zugleich Techniken der Ewigkeit. Eine beglückende Erfahrung: Mitten in der Zeit können wir in Momente der Ewigkeit eintreten. Die Künste können dabei helfen können, einen Hauch von Ewigkeit zu erfahren.

In Halberstadt läuft seit dem 5. September 2001 ein Orgelstück des amerikanischen Avantgarde-Komponisten John Cage in der dortigen St. Buchardi-Kirche. "As slow as possible" hat der Komponist sein Werk überschrieben. Das nahmen die Initiatoren des Projektes beim Wort: 639 Jahre soll das Stück dauern und nur alle paar Jahre seinen Ton wechseln. Mit jedem neuen Ton wächst die Orgel, eine neue Orgelpfeife wird angebaut. Die Lange-Weile kann ihren Reiz haben.

Eine Erfahrung der Ewigkeit mitten in der Zeit.

Es gilt das gesprochene Wort.

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