Gemeinfrei via Fundus/ Rolf Oeser
BETEN
Worte, die ich in- und auswendig kann
07.08.2026 06:20

"By heart", "par coeur" – durch das Herz heißt auswendig im Englischen und Französischen. Unsere Autorin findet: Das gilt besonders für die Gebetsworte, die trösten, stärken, danken. Herzensworte.

Sendetext:

Dein Heiliger Engel sei mit mir, dass der böse Feind keine Macht an mir finde.

Jeden Morgen bete ich den Morgensegen von Martin Luther. Manchmal auf dem Fahrrad, im Bus, manchmal gleich, wenn ich aufwache, oder bei der zweiten Kanne Tee. Es ist keine feste Zeit. Ich bete ohne Kerze, ohne Händefalten, ohne Kreuz. Ich hülle mich in diese alten Worte – und weiter geht´s.

Es gibt so viele Arten zu beten. Und sie verändern sich auch im Lauf des Lebens.

Wie ich Gott anrede, worum ich bitte, wofür ich danke, wie viele Worte ich mache, wie tief ich schweige und höre. Auch, welche alten Gebete ich auswendig sprechen kann. Im Englischen heißt auswendig "by heart" – vom Herzen.

Das gefällt mir. Es im Herzen tragen. Von dort kommt die Kraft. Nicht mein Hirn - mein Herz sucht die Nähe zu Gott. Was ich inwendig bei mir trage, unsichtbar, unhörbar – kann ich heraussprechen. Das Vaterunser, Der Herr ist mein Hirte, Befiehl du deine Wege und eben Luthers Morgensegen. Ich kann es in- und auswendig. Mein Körper kann es.

Ich berge mich in solche Gebetsworte wie in ein Haus, in eine Höhle, wie in eine Umarmung. Ich bringe mich in Sicherheit, bete mich in Sicherheit.

Und es ordnet mich. Weil alles schon da ist. Weil mich darin orientieren kann und einen Weg finde.

So geht es mir auch in Kirchenräumen. Besonders in alten. Nur hineingehen und der Raum birgt mich. Ich muss nichts mitbringen. Es ist alles schon da. Ungezählt viele Menschen vor mir haben hier gesungen, gebetet, aus der Bibel gelesen. Der Raum, die Steine, die Fenster und Farben – sie haben das gespeichert. Und behalten es nicht für sich. Sie geben die Energie weiter.

"…mein wort belauscht die steine…" So heißt es in einem Psalm-Gedicht des deutsch-iranischen Dichters Said. Da geht es nicht um Kirchenräume – Said betet draußen, in der Natur, "zu wind und ebene". Und er betet sich in Gottes schweigende Nähe. "…mein wort belauscht die steine/um einen weg zu dir zu finden".

Das passt zu meinem Beten im Kirchenraum: Bevor ich Worte mache, erst mal hinschauen, da sein, die Steine belauschen. Oder draußen: die Bäume, eine Katze, die sich putzt, die Frau, die mir im Zug gegenüber sitzt, Johann Sebastian Bach oder die Beatles, Glühwürmchen im Gebüsch – die Welt um mich herum belauschen – und beten. Dass der böse Feind keine Macht an mir finde.

Es gilt das gesprochene Wort.

Literatur zur Sendung:

Angaben: SAID, Psalmen, Verlag H.C.Beck, München 2007, S. 80

 

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