Gemeinfrei via Fundus/ EKHN
Hiroshima
Heute vor 81 Jahren fiel die erste Atombombe.
06.08.2026 06:20

Unsere Autorin sang als Teenagerin lauthals: "Fly, little bird, to Hiroshima!" Sie dachte an Friedenstauben. Dabei bedeutet der Song der Band "Wishful Thinking" etwas völlig anderes.

Sendetext:

Ich muss bei Hiroshima immer an etwas ganz anderes denken: An Jan, also, ich glaube, er hieß Jan. Ich hab Blues mit ihm getanzt. So ganz eng. Wir sind da vielleicht 14 Jahre alt und auf einer Teenie-Party der Evangelischen Kirchengemeinde. Es riecht nach Gummibärchen, Fanta und Chips. Und das Leben liegt vor uns. Die Welt. Alles. Das spüre ich ganz deutlich, während wir Blues tanzen.

Jan ist kaum größer als ich. Ich versuche, meinen Kopf an seine Schulter zu legen. Eigentlich mag ich ihn gar nicht besonders, außerdem müffelt sein Flanellhemd. Aber er hat mich halt aufgefordert. Und das Gefühl finde ich schon toll. Vor allem mag ich auch das Lied, zu dem wir tanzen: Hiroshima.

Die Band Wishful Thinking hat Anfang der Siebziger Jahre ein Album unter diesem Titel herausgebracht: Hiroshima. Der Song wird der einzige Hit bleiben, den die Band je haben wird, und er wird schnell zum Klassiker. In dem Lied geht es um den Atombombenabwurf am 6. August 1945. "In a wonderland at Hiroshima 'neath the August moon…" – in einem Wunderland, in Hiroshima, unter dem Augustmond. Es klingt so schön. Kuschelrock.

Ich summe beim Tanzen leise mit und singe, alles andere als textsicher, in das Flanellhemd. An einer Stelle stimmen wir fast alle ein, richtig laut: "Fly, little bird, to Hiroshima." Das gefällt mir damals total. Als würden wir alle einen kleinen Vogel dahin schicken. Friedenstaube los! Fly, little bird! Ich war, wie gesagt, alles andere als textsicher. Und ich glaube, die anderen waren es auch nicht… Denn Jahre später habe ich den Text des Liedes irgendwo gelesen, und da fliegt gar kein kleiner Friedens-Vogel in das zerstörte Gebiet. In dem Lied geht es um einen Vogel aus Metall. Das Flugzeug mit der Bombe. Fly, metal bird.

Das will ich nicht singen. Nicht als Jugendliche, nicht als Erwachsene. Nie.

Ich will vom Gegenteil singen. Das Gegenmittel herbeisingen, den kleinen Vogel Frieden.

Seit Hiroshima sind andere Ortsnamen dazugekommen. Atomreaktorunglücke: Tschernobyl. Fukushima. Und Kriegsschauplätze ohne Ende. Bis heute fliegen Metall-Vögel am Himmel und werfen Bomben ab, zerfetzen Städte, Häuser, Menschen. Das ist die grausame Wirklichkeit.

Ich will mich daran nicht gewöhnen, nicht an die Metall-Vögel gewöhnen. Ich will von Friedenstauben singen. Und um Frieden bitten.

Es gilt das gesprochene Wort.

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