Eine Frau schwebt in der Eingangshalle der Frankfurter Uni. Was abgehoben aussieht, birgt viel Kulturgeschichte in sich und die Frage: Welche Haltung nehme ich ein?
Sendetext:
Eine Frau schwebt über dem Boden – in der Eingangshalle des IG-Farben-Universitätsgebäudes in Frankfurt am Main. Das Gesicht nach vorne gerichtet, die Augen geschlossen, die Arme über der Brust verschränkt, die Beine weit nach hinten gestreckt. Sie strahlt eine beinahe übernatürliche Ruhe aus. Etwa zwei Meter hoch schwebt sie waagerecht über dem Boden – in der Luft gehalten von orangenen Bändern. Studierende bleiben stehen und schauen, fragen sich, was es mit dieser Schwebenden auf sich hat.
Die schwebende Frau ist die Berliner Künstlerin Finja Sander. "Für morgen" heißt ihre Performance, mit der sie die Figur "Der Schwebende" von Ernst Barlach als Performerin nachahmt bzw. neu interpretiert. Für etwa eine Stunde nimmt sie die Haltung der Bronzeskulptur von Barlach ein: Geschlossene Augen, vor der Brust verschränkte Arme, der kompakte Körper pfeilartig nach vorne gerichtet. So ist der Schwebende im Dom zu Güstrow oder in der Kölner Antoniter Citykirche zu sehen.
Ernst Barlach hat seinen "Schwebenden" 1927 ursprünglich als Mahnmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges für den Dom in Güstrow geschaffen. 1937 wurde er durch die Nationalsozialisten als "entartete Kunst" aus dem Kirchenraum entfernt und 1941 für die Kriegswirtschaft eingeschmolzen. Nachgüsse kamen nach dem Zweiten Weltkrieg in die Antoniter-Kirche in Köln und später auch wieder in den Güstrower Dom. Seither fasziniert die Skulptur durch ihre stille, meditative Haltung. Ein Schwebender, ein Engel ohne Flügel.
Wer ist dieser Engel? Ich denke an Walter Benjamins "Engel der Geschichte". Der Philosoph Walter Benjamin hat sie mit Blick auf eine Zeichnung des Künstlers Paul Klee beschrieben: Ein Engel, der mit weit geöffneten Augen auf die Trümmer des 20. Jahrhunderts blickt und versucht, die Bruchstücke wieder zusammenzusetzen. Es gelingt ihm nicht, weil ihm "der Wind des Fortschritts" ins Gesicht weht und sich die Bruchstücke eines Jahrhunderts nicht wieder zusammenfügen lassen.
Barlachs Schwebender hält die Augen geschlossen. Es ist, also ob er aus der Innenschau Kraft sammelt. Als ob sich über den Trümmern des Krieges ein neues Bild formen soll. "Ein neuer Himmel, eine neue Erde." (Offenbarung 21,1) Die Berliner Performance-Künstlerin Finja Sander tut es ihm gleich – und lädt uns ein, uns selbst in diese Haltung zu bringen. Für den Frieden. Heute. Für morgen.
Es gilt das gesprochene Wort.
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