Jesus stellt in den Evangelien oft Fragen. Die kann man leicht überlesen. Aber wer die Fragen an sich heranlässt, erfährt, wie sie beleben.
Sendetext:
Fragen können unterschiedlich wirken. Mal nerven sie: Was gibt es da zu fragen? Habe ich mich nicht klar ausgedrückt? Aber es gibt auch die Fragen, die etwas anstoßen. Die mich ins Nach- und Weiterdenken bringen. Die etwas in mir berühren. In den Evangelien finden sich zahlreiche Fragen Jesu. Sie sind eingebettet in die Geschichten von Begegnungen, die Jesus hatte.
"Wen suchst du?", fragt Jesus in einer Geschichte. Die Frage stammt aus einer berühmten Szene kurz vor Ende des Johannesevangeliums: Wir sind auf einem Friedhof. Es ist früh am Morgen. Eine Frau sucht ein Grab. Sie weint. Jesus ist tot. Sie weiß nicht mehr, wo sie hingehört. Den Mann, der sie anspricht, hält sie für den Friedhofsgärtner: "Wen suchst du?", fragt der vom Tod auferstandene Jesus. Aber der Groschen fällt nicht.
Sie starrt ihn an und durch ihn hindurch und denkt vielleicht an eine andere Jesus-Geschichte. Die von der "Senfkorn-Hoffnung", die sich aussät, wo sonst nichts wächst, und aus der doch ein Baum wird. Alle Sorten von Vögeln nisten in seiner Krone. Wie es singt in diesem Hoffnungsbaum. Wie er sprechen konnte, dieser Jesus, den sie nicht finden kann. Wie er mit seinen Worten lebendig machen konnte, was tot war, und neue Wege wies. "Rabbuni" haben sie ihn genannt: "Mein Lehrer, mein Meister."
Cut. So und ganz anders kann man eintauchen in biblische Geschichten von Jesus und Co. So kann man sein Fragen hören. Die inneren Bilder kommen und gehen lassen. Den Assoziationen vertrauen. Hineinlauschen in die alten Worte. Das können Menschen auch im 21. Jahrhundert tun. Den Kirchen mag es vielleicht nicht gut gehen, dem Evangelium fehlt es eigentlich an nichts. Es findet immer wieder Leute, die sich ansprechen lassen, die sich fragend festlesen. "Wen suchst du?", fragt der Gärtner.
Und das eigene Herz geht in Resonanz: Was, wenn ich diese Frage wirklich an mich heranließe? Wen suchst du an diesem Morgen, zwischen schlechten Nachrichten und witzigen Videos, zwischen den Gräbern, in denen die Hoffnungen deines Lebens liegen? Deine Liebe vielleicht, die sich zerbrochen hat. Oder die welk gewordenen Träume vom ganz anderen Ich? Oder kniest du schon wieder vor der Kraft der Resignation, der du so gerne huldigst?
"Wen suchst du?", fragt der auferstandene Jesus. Mit echtem Interesse schaut er dich an. Freundlich. Hilfsbereit. Wie im Evangelium der Gärtner die Frau anschaut. So lange, bis sie sich wirklich gemeint fühlt. Bis sie ihren Namen hört. Bis es irgendwann Klick macht bei ihr, und die Hoffnung von den Toten aufersteht. Wer sich darauf einlässt, weiß nicht, auf was er sich einlässt. Nur, dass es lebendig wird, ist sicher. Also: Wen suchst du?
Es gilt das gesprochene Wort.
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