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Auszug des Freskos von Michelangelo im Vatikan
Das Jüngste Gericht
Hölle oder Gnade – was kommt zum Schluss?
02.11.2025 07:05

Der November hat etwas Endzeitliches. Die Weltlage verstärkt dieses Gefühl. Das stellt die alte Frage neu: Was verdient unterzugehen und worauf dürfen wir hoffen?

 

Sendetext lesen:

Der November kann schön sein, wenn man einen Sinn hat für den Zauber der verschiedenen Grautöne. Aber der November hat auch etwas Endzeitliches. Die Natur zieht sich zurück. Und was in der Welt passiert, lässt ohnehin schon seit einiger Zeit apokalyptische Stimmung aufkommen. Vieles, was bislang beständig und sicher schien, kommt ins Wanken. 

Schon früher einmal bin ich in den Sog endzeitlichen Denkens geraten. Das war Anfang der 80er Jahre. Die Hochrüstung in Ost und West steuerte auf ein unkalkulierbares Risiko zu. Was, wenn einer den roten Knopf drückt? Das war so ein Satz, der die Angst vor der Eskalation ausgedrückt hat. 
Manchmal dachte ich: Es ist auch viel kollektive Hysterie dabei. Ich habe immer wieder versucht, mich und andere zu beruhigen. Später kam heraus, wie nahe die Welt einer Katastrophe war. Eine falsche Entscheidung, und es hätte zu einer atomaren Apokalypse kommen können. 


Apokalypse. Das ist ein Begriff aus der Welt des Glaubens. Er verbindet sich mit der Vorstellung: Eines Tages geht diese Welt zu Ende. Und dann kommt alles auf den Tisch. Das Gute und das Böse. Das, was geglückt, und das, was misslungen ist. Die große Abrechnung. Das Jüngste Gericht. 
Selbst dort, wo die Religion ausgedient hat, bleibt die Vorstellung lebendig: Irgendwann wird der Menschheit die Rechnung präsentiert. Und dazu bedarf es keines göttlichen Strafgerichts. 

Es ist die Quittung für den Raubbau an der Natur, für den mitverschuldeten Klimawandel. Es sind die katastrophalen Lebensverhältnisse für so viele Menschen. Manchmal mischt sich selbst da noch die Hoffnung hinein: Die Eskalation der Probleme könnte doch noch zu Einsicht und Umkehr führen.
Jede Zeit hat ihre eigenen Vorstellungen vom Weltuntergang. Aber es geht dabei immer um eine Standortbestimmung. Worauf richten sich meine Ängste? Worauf hoffe ich? Was verdient unterzugehen und was zeichnet eine neue Weltzeit aus?


Die gegenwärtige Weltlage lässt viele Menschen verzweifeln. Politik und Wirtschaft scheinen den Herausforderungen der Zeit nicht gewachsen zu sein. Gleichzeitig sehnen einige den Zusammenbruch geradezu herbei. Milliardäre in den USA wie Peter Thiel und Elon Musk teilen den skeptischen Blick auf die gegenwärtige Kultur. Sie misstrauen den demokratischen Prozessen. Sie setzen auf ihre wirtschaftlichen Erfolge. Sie glauben an den grenzenlosen Fortschritt. Sie wollen den Weltraum besiedeln und die Menschheit optimieren. 

Das Stichwort heißt "Transhumanismus". Technologie soll die Mängel der Schöpfung beseitigen. Transhumanisten sagen dem Unvollkommenen den Kampf an. So sollen zum Beispiel elektronische Bauteile im Hirn körperliche Defizite beheben. Die Verbindung des menschlichen Geistes mit Künstlicher Intelligenz soll ganz neue Möglichkeiten erschließen und Grenzen, die uns bislang gesetzt sind, überwinden.

Der Tech-Unternehmer Peter Thiel hat dabei ein sehr spezielles Interesse für Religion entwickelt. Ihn fasziniert die Rede vom Antichristen. Er meint, hinter den aktuellen Problemen stehen "dunkle Mächte", die alles regulieren und dabei im Mittelmaß verharren. Sich selbst sieht Thiel als "Katechon", als Aufhalter, der sich dem Verfall entgegenstellt und damit zum Vorboten einer "neuen Welt" wird. 

Ein biblischer Anknüpfungspunkt für dieses Weltbild ist die Geschichte von der Sintflut und der Arche Noah. Menschen wie Peter Thiel und Elon Musk meinen, an einer neuen Arche zu bauen. Sie retten die Menschen in ein neues Zeitalter hinein. Sie besiedeln den Weltraum und sichern so unser globales Überleben. 

Demokratie halten sie für unfähig, Lösungen im großen Stil zu finden. Mit Verachtung schauen sie wohl auch auf die Masse der Menschen, die den Herausforderungen unserer Zeit nicht gewachsen sind. Wieder einmal soll der "alte Mensch" überwunden werden.

Aber die biblische Geschichte von der Sintflut und der Arche taugt nicht für Fantasien von einem optimierten, neuen Menschen. Denn die Menschen nach der Sintflut sind immer noch die alten. Gott erkennt: "Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf." (1. Mose 8,21) Genau mit diesen unvollkommenen Menschen und mit der verletzlichen Schöpfung schließt Gott seinen Bund. Der Regenbogen ist das Zeichen: Auch wenn die Menschen nicht perfekt sind, Gott hält an ihnen und der Welt fest. 

Auf die Geschichte von der Arche Noah folgt in der Bibel die Erzählung vom Turmbau zu Babel. Die Menschheit hat gerade eine Apokalypse hinter sich. Die Sintflut hatte alles Leben hinweggerafft. Nur Noah und seine Familie haben überlebt. Die Ursache für die Sintflut war die Bosheit der Menschen. Die Lehre, welche die Nachgeborenen daraus gezogen haben, war allerdings keine Korrektur ihres Lebenswandels. Sie wollten der Bedrohung mit technischer Raffinesse begegnen. 
Das große Fortschrittsversprechen heute heißt Künstliche Intelligenz. Zu biblischen Zeiten war es die Erfindung von neuem Baumaterial. Damit konnte man schier grenzenlos in die Höhe bauen:

Sie sagten zueinander: Auf, formen wir Lehmziegel und brennen wir sie zu Backsteinen. So dienten ihnen gebrannte Ziegel als Steine und Erdpech als Mörtel. Dann sagten sie: Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis in den Himmel! So wollen wir uns einen Namen machen, damit wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen. Da stieg der HERR herab, um sich Stadt und Turm anzusehen, die die Menschenkinder bauten. Und der HERR sprach: Siehe, ein Volk sind sie und eine Sprache haben sie alle. Und das ist erst der Anfang ihres Tuns. Jetzt wird ihnen nichts mehr unerreichbar sein, wenn sie es sich zu tun vornehmen. Auf, steigen wir hinab und verwirren wir dort ihre Sprache, sodass keiner mehr die Sprache des anderen versteht. Der HERR zerstreute sie von dort aus über die ganze Erde und sie hörten auf, an der Stadt zu bauen. Darum gab man der Stadt den Namen Babel, Wirrsal, denn dort hat der HERR die Sprache der ganzen Erde verwirrt und von dort aus hat er die Menschen über die ganze Erde zerstreut. (1. Mose 11,2-9)

Babel, das war der Traum vom menschengemachten Paradies. In der Mitte der Turm. Er erinnert an den Lebensbaum mitten im Garten Eden. Ein Paradies, das jeder Bedrohung trotzt und keines Gottes mehr bedarf. 

An die Geschichte vom Turmbau zu Babel denke ich, wenn ich den US-amerikanischen Tech-Unternehmer Marc Andreessen sagen höre: "Wir können zu einer weitaus höheren Lebensweise vorstoßen und zu einem höheren Sein. (…) Wir glauben, dass Technologie befreiend ist. Sie befreit das menschliche Potential. Sie befreit die menschliche Seele, den menschlichen Geist." 

So weit Marc Andreesen. Der Plan, Gott mit Technik auszutricksen, ist in Babel gescheitert. Diese Warnung gehört zum Menschheitswissen. Dabei geht es nicht um Technologiefeindlichkeit. Aber wer Fortschritt für allmächtig hält, folgt einem falschen Selbstbild: Wir spielen Gott, wenn wir den Menschen neu erfinden wollen. 

In dem Mythos aus alter Zeit mischt Gott sich direkt ein. Er wandelt gewissermaßen zwischen den Bauleuten und torpediert deren Vorhaben. Heutzutage trifft die Hybris des modernen Menschen nicht auf einen Gott, der regulierend eingreift. Aber ich bin überzeugt: Auch in der Neuzeit bleiben wir gebunden an die Grenzen des Menschlichen und an die Gesetze der Natur. 

Technischer Fortschritt hat viel erreicht und wird es weiter tun. Er bringt Segen und Fluch. Innovationen verbessern unser Leben. Aber neben dem Nutzen war bislang jede neue Technik auch mit Schaden verbunden. Die perfekte neue Welt gibt es nicht und erst recht nicht den perfekten Menschen. 

Technik kann das Leben bequemer machen und von einigen Sorgen befreien. Aber wo es darum geht, angeblich wissenschaftlich den "Neuen Menschen" zu schaffen, sind die Folgen dramatisch. Die Nazis hielten ihre mörderische Rassenideologie für Wissenschaft. Die kommunistische Ideologie vom sozialistischen Menschen hat Elend und Entfremdung hervorgebracht. Aber auch religiöse Gemeinschaften, die ihre Idee vom neuen Menschen über die Realität setzten, haben zu viel Leid geführt.

Das Menschenbild Jesu ist realistisch. Er hat das Leiden auf der Welt als eine Realität anerkannt und kein Programm verkündet, das eine leidfreie Zukunft verspricht. Er hat das Leiden vielmehr als eine Herausforderung angenommen, die uns vor Entscheidungen stellt. Es kommt darauf an, wie wir mit Leiden umgehen – und ob wir Menschen, die leiden, beistehen. In einem Gleichnis über die Endzeit sagt Jesus:

Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sich setzen auf den Thron seiner Herrlichkeit, und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken. Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: "Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt!"

Und dann begründet dieser König der Endzeit, warum die zu seiner Rechten ins Reich Gottes kommen:

Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen. 

Dann werden ihm die Gerechten antworten und fragen: Herr, wann haben wir das alles getan? Und der König wird antworten: 

Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln! … Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan. Und sie werden hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben. (Matthäus 25)

Der Einsatz für die Geringsten ist hier entscheidend. Dieser König auf dem Thron der Endzeit identifiziert sich nicht mit Erfolgreichen. Er nennt diejenigen seine Brüder, denen vieles fehlt und die leiden. Das ist ein grundlegend anderes Bild vom Menschen als das, bei dem es um die Optimierung des Menschen geht. 

Im Mittelalter bestimmte die Angst vor dem "Jüngsten Gericht" das Leben der Menschen. Die Sorge, sich vor Gottes Richterstuhl auf der falschen Seite wiederzufinden, hat den Bau des Petersdoms in Rom finanziert. Die damalige Kirche hat Ablassbriefe verkauft. Mit denen konnte man sich angeblich aus dem Fegefeuer freikaufen. "Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt", war der erfolgreiche Werbeslogan. Mit Angst und Hoffnung lassen sich gut Geschäfte machen. 
Dagegen hat Martin Luther protestiert. Der Himmel ist nicht zu erkaufen. Die Vorstellung von einem Jüngsten Gericht aber blieb auch für Luther präsent: Am Ende warten entweder Himmel oder Hölle auf uns. 

Der niederländische Maler Hieronymus Bosch hat sich besonders drastisch ausgemalt, wie die verworfenen Menschen in der Hölle gequält werden. Seine Bilder vom Jüngsten Gericht lebten in den Köpfen der Menschen.

Doch man kann das "Jüngste Gericht" auch anders verstehen. Für mich ist es das radikalste Bild für die Freiheit und die Verantwortlichkeit des Menschen. Wir sind frei zu handeln. Das ist eine Einladung, es ist auch eine Verpflichtung. Wir sind nicht nur Produkte unserer Herkunft, unserer Gene, unserer Erziehung. Es hat Bedeutung, dass wir da sind. Wie wir fühlen, wie wir denken, was wir tun. All das findet eine Würdigung. Gott würdigt, wie wir uns verhalten - das steht für mich an erster Stelle, wenn ich an das "Jüngste Gericht" denke, nicht das Aburteilen.

Um 1800 hat der evangelische Theologe Friedrich Schleiermacher das "Jüngste Gericht" neu interpretiert. Für ihn ist es kein äußerliches Ereignis, sondern ein innerer Prozess. Schleiermacher nimmt dem Bild das Angstpotential. Es gibt eine Geschichte über ihn, die das deutlich macht.

Eine junge Frau erkundigte sich besorgt nach dem Schicksal ihres verstorbenen Vaters. Er war kein wirklich guter Mensch. Aber heißt das tatsächlich, dass er nun in der Hölle leiden muss?, so fragte die Tochter den großen Theologen. Schleiermacher fragte zurück, wie sie sich denn den Himmel vorstelle. Etwas verwirrt über die Gegenfrage antwortete sie, dass der Himmel für sie der Gegensatz zur Hölle sei, nämlich vollkommene Glückseligkeit. Darauf Schleiermacher: Gesetzt den Fall, sie kämen tatsächlich in den Himmel, wie könnte die himmlische Glückseligkeit für Sie vollkommen sein, wenn Sie wüssten, dass Ihr Vater in der Verdammnis leiden muss? Der Schluss daraus: Schon um des Mitleids der Gerechten willen gehört die Hölle abgeschafft. 

Schleiermacher meinte: Es geht im Tod um die individuelle Begegnung mit Gott, nicht um ein kollektives Weltgericht. Sünde ist für ihn kein juristisches Vergehen, sondern ein Mangel an Gottesbewusstsein – das "Gericht" korrigiert diesen Mangel. 

Mich erinnert das daran, was Menschen erzählen, die dicht an der Schwelle des Todes gewesen sind. Viele von ihnen erzählen von einem großen Licht. Manche haben im Rückblick auf ihr Leben geschaut. Auch auf das, was sie falsch gemacht haben, wo sie versagt haben, wem sie etwas schuldig geblieben sind. Das war schmerzhaft. Aber kein Aburteilen. Ich sehe darin eher eine Würdigung: Das gehört zu dir und zu deinem Leben dazu. Es wird in seiner Gänze ausgeleuchtet in diesem großen Licht. 

Die Vorstellung von einem "Jüngsten Gericht" hat für mich auch gesellschaftliches Gewicht. Es gibt Menschen, deren Taten sind unglaublich schrecklich. Das kann niemals hier auf Erden gesühnt werden. Der Gedanke, dass sie sich ihrer Verantwortung ewig entziehen können, ist für den Gerechtigkeitssinn unerträglich. 

"Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr", steht in der Bibel. (5. Mose 32,35) 
In der Bergpredigt sagt Jesus: "Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet." (Matthäus 7,1)
Ich verknüpfe beide Aussagen mit der Vorstellung eines göttlichen Gerichts. Wobei das Wort Rache wohl eher unseren Bedürfnissen entspricht als der Handlungsweise Gottes. 

Ich halte mich an Schleiermacher, der meinte: Nach dem Tod begegnet jede und jeder Einzelne Gott. Also auch die Menschen, die anderen abgrundtiefes Unrecht angetan haben. Wie diese Begegnung mit Gott aussehen wird, darüber muss ich nicht spekulieren. Das kann ich getrost Gott überlassen. "Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet." Möglicherweise übersehe ich ja gern, wo ich selbst versage.  
Ich glaube: Der Schmerz der Einsicht in verfehltes Leben wird mir zugemutet werden. Freispruch gibt es nicht zum Nulltarif. Auch nicht beim Jüngsten Gericht. Aber: In jedem Fall hoffe ich auf Freispruch. 

Dazu ermutigt auch Paulus in der Bibel. Er zeichnet ein Bild von der Liebe Gottes: 

Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin. (1. Korinther 13,12)

Es gilt das gesprochene Wort.

 

Musik der Sendung:
1. Mönchschor Abtei Niederaltaich, Kondakion und Ikos
2. Mönchschor Abtei Niederaltaich, Kanon
3. Igor Stravinsky, Fireworks
4. Igor Stravinsky, Mort de Katchel
5. Mönchschor Abtei Niederaltaich, Trisagion

6:. Igor Stravinsky, Danse infernale

Literatur der Sendung:
1. Thiel, Peter. Peter Thiel on Political Theology (Ep. 210). Gespräch mit Tyler Cowen, aufgezeichnet Miami, 21. Februar 2024.  
2. Online unter: "Conversations with Tyler" Podcast
3. Frei nach: Schleiermacher, Friedrich, Der christliche Glaube §163