Wilde Jagd und Weihrauch, alte Bräuche und biblische Weisheit: Wie wir die Tage zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag nutzen können, um Vergangenes loszulassen und mit Klarheit ins Neue zu gehen.
Sendetext nachlesen:
28. Dezember. Der erste Sonntag nach dem Christfest. Heiligabend und die beiden Weihnachtstage liegen hinter uns, Silvester und Neujahr kommen. Wir befinden uns zwischen den Jahren. Alle Jahre wieder denke ich, diese Tage wären zeitlos. Da passt unendlich viel rein.
Ich sage zu Freund:innen: "Wenn wir es vor Weihnachten nicht mehr schaffen, uns zu treffen, dann machen wir das zwischen den Jahren." Oder: "Wir telefonieren dann mal in Ruhe zwischen den Jahren." Oder: "Lange Spaziergänge mit den Hunden und ausspannen, das mache ich dann zwischen den Jahren."
Bislang hat das meistens nicht geklappt. Die Zeit zwischen den Jahren hat gar nicht so viele Tage, wie ich füllen will. Es ist oft trubeliger, als ich denke. Plötzlich kommt doch mehr Besuch als geplant oder wir wollen noch bei jemandem vorbeischauen. Auf der Arbeit brennt irgendetwas an, obwohl doch alles so schön vorgearbeitet war. Oder mein Mann hat sich To-Dos in den Kopf gesetzt, für die die Zeit zwischen den Jahren doch ideal ist. Die Abstellkammer aufräumen zum Beispiel oder Möbel rücken, die wir schon lange verstellen wollen.
Ich habe mir angewöhnt, die Zeiten so zu nehmen, wie sie kommen. Selige Momente stellen sich von alleine ein - in aller Ruhe und Stille, aber auch, wenn es zugeht wie bei der wilden Jagd. Die Tage zwischen den Jahren erlebe ich als eine besondere Zeit. Eine Schwellenzeit zwischen dem, was noch nicht abgeschlossen ist, und dem, was vor uns liegt. Das alte Jahr ist noch da, aber geht zu Ende. Das neue kommt. Und wir bewegen uns im Zauber des Dazwischen.
Eine magische Zeit. Die christliche Weihnachtszeit hat sich verbunden mit dem alten europäischen Volksglauben der Raunächte. Das sind die zwölf Nächte vom 25. Dezember bis zum 6. Januar. Um die Raunächte ranken sich Sagen und alte Bräuche. Der christliche Glaube mischt sich mit germanischen und keltischen Vorstellungen.
Schwellenzeiten wie die Tage zwischen den Jahren gelten da als durchlässiger für die geistige Welt. Die Geister und die Seelen der Verstorbenen haben freien Ausgang und ziehen als wilde Jagd durch die Lande. Die Lebenden müssen sich hüten, damit sie nicht mitgerissen werden. So die Legenden.
Es gibt einen richtigen Hype um die Raunächte. Viele haben sie neu für sich entdeckt. Zwölf Nächte für dich, um Klarheit zu schaffen. Lass los, was war, und stell dich auf das Neue ein.
Ich selber will keinen Hokuspokus betreiben. Aber ich mag alte Sagen und Bräuche. Mich fasziniert, wie sie sich mit christlichem Glauben verknüpft haben. Und ich lasse mir von den biblischen Erzählungen und den Raunacht-Ritualen Impulse geben, wie ich die Zeit zwischen den Jahren gestalten kann.
Warum überhaupt heißt diese Zeit "zwischen den Jahren"? Warum soll man in den Raunächten keine Wäsche aufhängen? Wer ist die wilde Jagd und was hat sie mit Weihnachten zu tun? Tauchen wir ein in den Zauber dieser Zeit!
Hörst du‘s nicht, wie die Zeit vergeht? Hören. Lauschen. Ich kann mir vorstellen: Das hat früher dazugehört auf dem Land in der Zeit zwischen den Jahren. Die Landwirtschaft ruhte nicht. Es gibt auf einem Bauernhof auch im Winter genug zu tun. Die Tiere müssen versorgt werden, das Saatgut vorbereitet. Die Bauersfamilie nutzt die kurzen Stunden, in denen es hell ist, und repariert die Sachen, die übers Jahr kaputt gegangen sind.
Die Abende und Nächte sind lang. Man hört es knacken im Gebälk, weil das Holz arbeitet, wenn es wärmer oder kälter wird. Draußen heult der Winterwind. Drinnen in der Stube sitzen die Menschen zusammen. Sie erzählen einander Geschichten, was sich verbergen könnte hinter dem Ächzen im Haus und dem Seufzen draußen. Gott lob war schon Wintersonnenwende am 21. Dezember! Man weiß: Es ist zwar noch kaum spürbar, aber die Tage werden doch wieder länger. Das Licht kehrt zurück. Die Finsternis der langen Nächte muss man jedoch noch eine Zeit lang aushalten.
"Zwischen den Jahren". Das erinnert daran, dass früher der Mondkalender galt. Dann wurde auf den Sonnenkalender umgestellt. Der Mondkalender ist elf Tage beziehungsweise zwölf Nächte kürzer als der Sonnenkalender. Diese Zeitspanne der Zwölf blieb also frei als Puffer.
In diese Extra-Zeit, in diese Übergangszeit fallen die Raunächte. Für den Namen gibt es zwei Erklärungen. Das Wort "rau" hat die alte Bedeutung "haarig, ungeglättet, kratzig". (1) Der Sage nach treiben in den Nächten zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag raue, behaarte Gestalten ihr Unwesen, die legendäre "wilde Jagd". Sie besteht aus tobenden Reitern, Geistern, Hundegeheul, Sturmrauschen. Eine Mischung aus Naturgewalt und Jenseitswesen. Die wilde Jagd treibt die Seelen der Verstorbenen vor sich her. Wer ihr begegnet, ist in Gefahr, mitgerissen oder zu Tode gejagt zu werden.
Wenn Wäsche draußen aufgehängt ist, kann sich die wilde Jagd leicht darin verfangen. Dann wird das Bettlaken zum Leichentuch. Deshalb dürfe man zwischen den Jahren keine Wäsche waschen und erst recht nicht aufhängen. Mit dieser grausigen Vorstellung kann man anderen und sich selbst kräftig Angst einjagen.
In der alpinen Sagenwelt führt eine besondere Gestalt die wilde Jagd an: Frau Percht. Das ist eine Art Frau Holle, eine frühere Wintergöttin. Als "Schön-Percht" beschützt sie Kinder und Frauen. Als "Schiach-Percht", hässliche Percht kontrolliert sie, ob im Haus Ordnung herrscht und alle Räder stillstehen, wie sie es in der Zeit der Raunächte sollen. Wenn nicht, straft Frau Percht und lässt die wilde Jagd los.
Das sind also die rauen Wesen, von denen der Ausdruck Raunächte stammen könnte. Eine zweite Erklärung leitet ihn vom Räuchern her. Um die Geister zu vertreiben, räuchern Priester alle Zimmer des Hauses und die Ställe der Tiere mit Weihrauch aus. Das Christentum zeigt hier, wie es mit Widersprüchen umgeht. Es konnte die vorchristlichen Vorstellungen nicht verdrängen. Also hat es sie umarmt und integriert.
Die Kirche, insbesondere die katholische bietet die Mittel des Glaubens an, um die Angst vor Dämonen zu vertreiben. Weihrauch brachten die Weisen aus dem Morgenland zum Jesuskind in der Krippe. So steht es in der Bibel. Später, als Erwachsener, wird Jesus selbst Dämonen austreiben. Der Weihrauch symbolisiert diese Kraft. Bis in die letzte Zimmerritze soll er die Segenskraft von Christus verbreiten. Die Botschaft dahinter: Gottes Macht in Jesus Christus ist stärker als alle Geister.
Wer Gott an seiner Seite hat, ist stärker als die unheimlichen Wesen, die einen in mancher Nacht heimsuchen. Da wird selbst ein Dämon zum Segensbringer. Davon erzählt eine Geschichte im Alten Testament. Es ist eine Nachtgeschichte, in der jemand mit seinem Dämon kämpft.
Vermutlich war es nicht Winter. Aber es war eine raue Nacht. Und es war eine Schwellenzeit in Jakobs Leben zwischen Altem und Neuem. Jakob ist eine der zentralen Figuren im Alten Testament. Eigentlich kein Held, sondern ein Betrüger. Er erschleicht sich den Segen seines Vaters. Den Segen, der eigentlich seinem älteren Bruder Esau zusteht. Dafür streift Jakob sich Tierfelle über. Sein greiser, blinder Vater hält ihn so für den wesentlich behaarteren Bruder.
Der Coup gelingt. Jakob muss fliehen. Trotzdem ist er ein Liebling Gottes. Gott beschützt Jakob und lässt ihn in der Fremde zu einem reichen Mann werden mit großen Viehherden, vielen Frauen, vielen Kindern, vielen Leuten, die für ihn arbeiten.
Nun kehrt Jakob als gemachter Mann in die Heimat zurück. Er könnte großtun, aber er fühlt sich klein. Wie die wilde Jagd verfolgt ihn das schlechte Gewissen. Er hat seinen Erfolg aufgebaut auf dem Betrug an Vater und Bruder. Der Vater ist tot, aber Esau, der Bruder lebt. Die Begegnung mit ihm steht Jakob bevor, und er hat Angst.
Er und alle, die zu ihm gehören, sind an einem Fluss angekommen. Da, auf der anderen Seite wird Jakob früher oder später seinem Bruder gegenüberstehen. Jakob bringt im Schutz der Nacht seine Familie und seine Leute sicher auf die andere Seite. Er selbst bleibt zurück. Diese Nacht vor dem Showdown muss er mit sich alleine ausmachen.
Jakob bleibt nicht allein. Am Fluss zwischen dem einen und dem anderen Ufer, zwischen belasteter Vergangenheit und ungewisser Zukunft kämpft einer mit ihm. Ist es überhaupt ein Mensch? Oder eher ein Dämon, ein Racheengel? Oder sogar Gott selbst? Das lässt die Bibel offen:
"Da rang einer mit ihm, bis die Morgenröte anbrach. 26 Und als er sah, dass er ihn nicht übermochte, rührte er an das Gelenk seiner Hüfte, und das Gelenk der Hüfte Jakobs wurde über dem Ringen mit ihm verrenkt. 27 Und er sprach: Lass mich gehen, denn die Morgenröte bricht an. Aber Jakob antwortete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn. 28 Er sprach: Wie heißt du? Er antwortete: Jakob. 29 Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel; denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gewonnen. 30 Und Jakob fragte ihn und sprach: Sage doch, wie heißt du? Er aber sprach: Warum fragst du, wie ich heiße? Und er segnete ihn daselbst. 31 Und Jakob nannte die Stätte Pnuël: Denn ich habe Gott von Angesicht gesehen, und doch wurde mein Leben gerettet. 32 Und als er an Pnuël vorüberkam, ging ihm die Sonne auf; und er hinkte an seiner Hüfte." (1. Mose 32,25-32)
Wie in vielen alten Erzählungen, die den Erfahrungsschatz der Menschheit bewahren, liegen hier Gegensätze ganz nah beieinander: Todesgefahr und Segen, Gottes Schrecken und Gottes Nähe. Der Jemand, mit dem Jakob am Fluss kämpft, ist wie der Geist der Vergangenheit oder wie die personifizierte Zukunftsangst, die Jakob vor dem Zusammentreffen mit seinem Bruder hat. Im Nachhinein sagt Jakob: Er hat in diesem Gegner Gott selbst von Angesicht gesehen. Es gibt schreckliche Stunden, die sich im Nachhinein als heilige Zeiten herausstellen, weil sich durch sie etwas Entscheidendes geändert hat.
Jakob erlebt bei diesem Kampf seine Stärke und seine Schwäche. So unheimlich der ist, mit dem er bis zur Morgenröte ringt, Jakob lässt sich von ihm nicht überwältigen. Der andere verrenkt ihm die Hüfte. Aber Jakob lässt nicht locker. Er geht aus dem Kampf gesegnet hervor. Ein Segen, den er sich nicht erschlichen hat, sondern erkämpft. Jakob hinkt mit neuem Namen in die aufgehende Sonne hinein. Noch am selben Tag wird er seinen Bruder Esau wiedersehen.
Für mich ist das eine starke Geschichte für die kritischen Übergänge im Leben. Wenn ich einen Fehler bereinigen muss. Wenn ich eine Sache mit jemandem zu klären habe und es mir schwerfällt, mich der Konfrontation zu stellen. Wenn ich auf eine Diagnose warte oder bei einer Bewerbung auf die Nachricht: "Sie haben die Stelle!" Vor dem Umzug in eine neue Stadt oder vor einem Jobwechsel.
Solche Übergangszeiten sind oft schwer auszuhalten. Man ist allein in dem Dazwischen. Zwischen dem, was bisher war, und dem, was kommt. So wie Jakob am Fluss. Er befindet sich noch auf der vertrauten Seite. Sie bietet die Sicherheit des bisher Gewohnten. Aber Jakob weiß: Da kann er nicht bleiben. Er muss hinüber, auch wenn ungewiss ist, was ihn dort erwartet.
Die Situation auf der gegenüberliegenden Seite wird eine andere sein. Und auch Jakob selbst muss sich verändern. Am Ende der biblischen Erzählung bekommt er einen neuen Namen. Der Unbekannte am Fluss sagt zu ihm: "Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel; denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gewonnen." Es ist ein echter Wandel, ein Übergangsprozess, von dem die Geschichte erzählt.
Übergangszeiten kosten Kraft. Sie sind manchmal gefährlich und oft schmerzlich. Man ist dabei besonders verletzlich. Aber sie können zum Segen werden so wie für Jakob, der gesegnet ans neue Ufer hinkt.
Segen am Ende von Übergängen: Mit dieser Aussicht schaue ich auf meine Zeit jetzt zwischen den Jahren. Bei mir steht gerade keine große Veränderung an. Zumindest nicht, dass ich wüsste. Aber der Wechsel vom alten zum neuen Jahr setzt eine Zäsur. Das gibt mir Gelegenheit, zurück zu schauen und nach vorne. Die Bräuche der Raunächte geben mir dafür Ideen.
Bräuche sollen Schlimmes verhindern und Gutes bewirken. Jenseits von Hokuspokus meine ich: Etwas davon steckt auch in den alten Bräuchen der Raunächte. Und es ist kein Zufall, dass sie in die Zeit zwischen Weihnachten und Dreikönigstag fallen. Das gibt ihnen einen schützenden Rahmen.
Es geht nicht darum, irrationale Ängste zu schüren vor düsteren Dämonen, gruseligen Geistern und sinisteren Seelen. Weihnachten feiert: Mit dem Jesuskind in der Krippe ist Gottes Sohn als ein Licht in die Finsternis gekommen. Der Stern von Bethlehem leitet durch Gefahren dorthin, wo Seligkeit zu finden ist.
Deshalb ist im Kirchenjahr jetzt Stern-Zeit. Die Weisen aus dem Morgenland, die den Stern des neu geborenen Königs gesehen haben, sind auf dem Weg, damit sie rechtzeitig am 6. Januar, dem Dreikönigstag, an der Krippe ankommen. Stern-Zeit.
Unter diesem Vorzeichen baue ich mir meine Raunächte-Rituale. Ich fange mit dem Weihrauch an, der böse Geister vertreiben soll. Einige haben das für sich wiederentdeckt und räuchern ihre Wohnung aus zwischen den Jahren. Ich nehme diesen Brauch im übertragenen Sinn und überlege mir: Was aus dem zu Ende gehenden Jahr will ich vertreiben und loswerden? Welchen Geist, welche Denkweise will ich abschütteln?
Zu meiner Deutung der Geister gehört auch: Wo hat sich der Kontakt zu Menschen im alten Jahr verflüchtigt? Wo habe ich Menschen "geghostet", mich einfach nicht mehr gemeldet und warum? War es aus Nachlässigkeit oder weil so viel anderes los war? Oder wurde mir der Kontakt zu viel, hat mich überfordert oder sogar belastet?
Der Name Raunächte führt mich zu einem nächsten Schritt. Rau für "haarig, ungeglättet". Gab es haarige Geschichten in meinem 2025? Situationen, die rau und ungeglättet geblieben sind? Haben sie mich kratzbürstig gemacht oder dünnhäutig?
Ich mag den Ausdruck "die wilde Jagd". Wie bei der wilden Jagd komme ich mir manchmal im Alltag vor, wenn alles gleichzeitig auf mich einstürmt und ich schauen muss, dass es mich nicht mit wegreißt. Gab es 2025 besonders "wilde Zeiten"? Und wie habe ich sie überstanden? Weitgehend unversehrt oder bin ich angeschlagen und hinke ins Neue hinein?
In den Raunächten soll man keine Wäsche raushängen, weil sich darin die Seelen der Verstorbenen verfangen können. Mit solchen Vorstellungen kann man Menschen Angst machen. Die Mutter einer Freundin von mir hat sich nicht getraut, während der Raunächte zu waschen. Die Freundin selber hat Jahrzehnte gebraucht, bis sie sich darüber hinwegsetzen konnte. Heute wäscht sie wie ich auch in den Raunächten.
Ich wende diesen Grusel-Glauben zu einem positiven Impuls: Ich denke an die, die zu meinem Leben gehören und bereits verstorben sind. Meine Mutter. Meine Oma. Mein Schulfreund, der mit 15 gestorben ist. Die Freundin von früher, die wir dieses Jahr beerdigt haben, zu der der Kontakt abgebrochen war.
In der Zeit zwischen den Jahren bekommt die Erinnerung Raum. Aber die Raunächte gelten auch als eine Zeit, in der man einen Blick in die Zukunft werfen kann. Beliebt ist das Ritual der 13 Wünsche: Man schreibt auf 13 Zettel Wünsche fürs neue Jahr. Diese faltet man so, dass man nicht lesen kann, was draufsteht. Dann verbrennt man in jeder Raunacht einen Wunschzettel. Zwölf Stück für jeden Monat im neuen Jahr. Ein 13. bleibt übrig. Für diesen Wunsch ist man selbst verantwortlich. Für die anderen zwölf sorgt wer auch immer.
Nun sind Zettel, die man verbrennt, keine magische Wunscherfüllungsmaschine. Aber es bewirkt Klärung in mir, wenn ich mir bewusst mache: Was wünsche ich mir fürs neue Jahr? Was kann ich selbst verwirklichen? Worauf hoffe ich, dass es sich findet und fügt? Wenn ich es aufschreibe, bleibt es weniger in der Schwebe.
In der Zeit zwischen den Jahren soll man alles vermeiden, das mit kreisender Bewegung zu tun hat. Früher hieß das: kein Spinnrad drehen, keinen Teig rühren. Das Fuhrwerk für die Arbeit bleibt in der Scheune. Alle Räder stehen still. Auch hier nehme ich das nicht abergläubisch und werde trotzdem von A nach B fahren. Aber ich verstehe es als gute Mahnung: Lass mal das Gedanken-Kreisen! Dreh dich nicht non-stopp um das, was du immer machst! Tu mal – nichts!
Heißt: Ich kann, muss aber nicht diese ganze Raunacht-Ritual-Liste erfüllen. Das macht doch den Zauber der Zeit zwischen den Jahren aus. Sie ist geschenkte Zeit. Auf der Schwelle zwischen dem, was war, und dem, was kommt. Ich nutze sie: Zum Ringen, Loslassen, Weitergehen. Hoffentlich: gesegnet. Ich vertraue darauf: Ein neuer Tag wartet am Ende jeder noch so langen Raunacht.
Es gilt das gesprochene Wort.
Musik dieser Sendung:
1. Hubert von Goisern und Die Alpinkatzen - Heast as net
2. Die Meute, You & Me
3. Quadro Nuevo, Die Nacht ist vorgedrungen, Album "Dezember"
4. Gisbert zu Knyphausen, Das Licht dieser Welt
Literatur dieser Sendung:
1. Grimmsches Wörterbuch zu rauh (ungeglättet) https://woerterbuchnetz.de/?sigle=DWB&lemid=R01485