Gemeinfrei via Fundus/ Katarina Pfuhl
Einer nimmt sich, was er will. Die anderen schauen ohnmächtig zu oder applaudieren sogar. Nur einer widerspricht. Die alte, immer neue Geschichte von König David und dem Propheten Nathan.
Willkür
Warum Macht Kontrolle braucht
27.02.2026 06:35

Einer nimmt sich, was er will. Die anderen schauen ohnmächtig zu oder applaudieren sogar. Nur einer widerspricht. Die alte, immer neue Geschichte von König David und dem Propheten Nathan.

Sendung lesen:

Willkür herrscht. An der Spitze steht einer, der sich an nichts hält außer an das, was ihm nützt. Ihm ist nichts heilig außer sein eigener Vorteil. Verträge sind zum Brechen da, wenn sie nicht mehr seinen Zielen dienen. Was heute gilt, fegt er morgen weg. Gerichte haben sich seinem Willen zu beugen. Werte wie Respekt oder Würde sind hinderlich. Was zählt, ist Erfolg. Und den hat er.

Wenn er etwas sieht, das er will, nimmt er es sich. Die anderen sind nur Schachfiguren auf dem Spielbrett seiner Macht.

Und die anderen – kuschen. Niemand sagt etwas. Niemand widerspricht. Sie stehen sogar auf und klatschen, wenn er eine seiner demütigenden Reden gehalten hat. Sie loben, wenn er einmal ein bisschen weniger ausfällig geworden ist. Niemand traut sich, ihm die Wahrheit zu sagen.

Doch. Einer traut sich. Einer wagt sich an die Spitze und erzählt dem Machthaber von zwei Männern. Beide wohnen in derselben Stadt. Der eine ist reich, der andere arm. Der Reiche hat sehr viele Schafe und Rinder. Der Arme hat nur ein einziges kleines Schaf. Das liebt er wie ein Kind. Er hat es selbst großgezogen, lässt es in seiner Nähe herumspringen und in seinem Schoß schlafen. Der reiche Mann will ein Abendessen für einen Gast ausrichten. Seine eigenen Tiere sind ihm dafür zu schade. Er nimmt dem armen Mann sein Schaf weg und schlachtet es. (2. Samuel 12)

Als der Willkürherrscher das hört, fährt er vor Wut aus der Haut. Er schreit: "Der Mann, der das getan hat, ist ein Kind des Todes!" Der andere, der ihm den Fall geschildert hat, sagt ruhig: "Du bist der Mann."

Diese Geschichte von dem Willkürherrscher und dem Menschen, der ihm erzählt von dem Reichen und dem Armen, steht in der Bibel. Der Willkürherrscher ist König David auf der Höhe seines Erfolges. Er gewinnt einen Krieg nach dem anderen. Er meint, er könne alles haben. Auch die Frau, die er begehrt, ganz gleich, ob sie will oder nicht. Ganz gleich, ob sie mit einem anderen verheiratet ist oder nicht. Er tut, was ihm gerade einfällt. Egal, welches Leben er damit zerstört.

Der Mann, der ihm von dem Reichen und dem Armen erzählt und von dem kleinen Schaf, das ist der Prophet Nathan. Sein Gleichnis zeigt, wie Willkür funktioniert: Einer, der genug hat, meint, er dürfe einem anderen auch das Wenige nehmen, das der hat. Einfach, weil er es kann. Der Große, Mächtige, Vermögende fällt über den Kleineren, Schwächeren her. Die Grenzen von Recht und Anstand spielen keine Rolle. Sie werden verschoben oder ganz von der Landkarte gewischt.

Willkür ist zeitlos. Es gibt sie zu allen Zeiten und in allen Ländern. Manchmal hat die Willkür eine ganze Gesellschaft im Griff - oder sogar die Weltgemeinschaft. Manchmal findet sie im Privaten statt, zwischen zwei Menschen oder in einer Familie, in der alle der Rücksichtslosigkeit eines einzelnen ausgeliefert sind. Willkür ist am Werk, wenn ein Land das andere überfällt, wenn einzelne Machthaber die Welt in Schrecken versetzen mit ihren Entscheidungen - heute hierhin, morgen dorthin.

Deshalb: Ein Hoch auf alle Mechanismen, die die Menschheit entwickelt hat, um die Willkür in Schach zu halten: Menschenrechte, Gewaltenteilung, Machtkontrolle, Pressefreiheit, unabhängige Gerichte. Und wie gut, wenn diese Mechanismen greifen – so wie vor einer Woche in den USA. Der oberste Gerichtshof hat dort Trumps Zölle für unrechtmäßig erklärt. Noch ist nicht klar, was daraus folgt. Aber das Gericht hat der Willkür einen Riegel vorgeschoben. (1)

In der Bibel schickt Gott den Propheten Nathan zum selbstherrlichen König David. Nathan bringt den König mit seiner Erzählung so weit, dass dieser selbst das Urteil über sein eigenes Fehlverhalten spricht. Danach muss der Prophet nur noch sagen: "Du bist der Mann."

Das Erstaunliche ist: König David sieht seine Schuld ein. Die Welt braucht viele Nathans. Und viele Davids, die sich die Wahrheit sagen lassen und ihr Verhalten ändern.

Es gilt das gesprochene Wort.

Literatur dieser Sendung:

(1) https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/us-gericht-zoelle-trump-102.html

Feedback zur Sendung? Hier geht's zur Umfrage!