Bonhoeffers Gedanken und Gedichte gehören zu den spirituellen Kostbarkeiten. Sein Gottvertrauen beeindruckt, weil er weiß, was Einsamkeit, Angst, Verzweiflung ist. Und warum er trotzdem hofft.
Sendung:
"Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag."
Dieses Gedicht von Dietrich Bonhoeffer gehört für mich zu den Kostbarkeiten an wahren Worten. Und wie das mit Kostbarkeiten ist: Ich gehe achtsam damit um. Ich habe sie im Herzen und hole sie heraus, wenn ich sie besonders brauche. Bei Übergängen und an den Bruchstellen in meinem Leben. Wenn ich für jemanden da bin, dem es gerade schlecht geht. Wenn ich mich vergewissern will: Trotz allem, was meine Seele aufschreckt, gibt es Gottes gute Mächte.
Heute vor 120 Jahren, am 4. Februar 1906, wurde Dietrich Bonhoeffer in Breslau geboren. Das Gedicht "Von guten Mächten" hat er wenige Monate vor seinem Tod geschrieben. Da ist er 38 Jahre jung und sitzt im Kellergefängnis der Gestapo in Berlin. Als prominenter Gegner des NS-Regimes ist der evangelische Theologe seit mehr als eineinhalb Jahren in verschiedenen Gefängnissen inhaftiert.
Er darf nur sporadisch Briefkontakt haben mit seiner Verlobten Maria von Wedemeyer. Am Schluss seines Briefes vom 19. Dezember 1944 schreibt er an sie: "Hier sind ein paar Verse, die mir in den letzten Abenden einfielen." (1) Er weiß: Mit hoher Wahrscheinlichkeit wartet die Todesstrafe auf ihn. Er ist allein in seiner Gefängniszelle, getrennt von allen Menschen, die er liebt. Trotzdem dichtet er: "Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost, was kommen mag."
Bonhoeffer fühlt sich "behütet und getröstet wunderbar", obwohl seine Situation überhaupt nicht wunderbar ist, sondern zum Verzweifeln. Hoffnung hängt nicht davon ab, ob etwas gut ausgeht. Hoffnung lebt von dem Vertrauen: Gott ist bei uns, egal was kommt.
Wer oder was sind die guten Mächte? Bonhoeffer hat das konkret beschrieben: Die guten Mächte, das sind seine Verlobte, seine Eltern und Familie, seine Freunde. Er schreibt: "Ihr seid mir immer ganz gegenwärtig. Eure Gebete und guten Gedanken, Bibelworte, längst vergangene Gespräche, Musikstücke, Bücher bekommen Leben und Wirklichkeit wie nie zuvor. Es ist ein großes unsichtbares Reich, in dem man lebt und an dessen Realität man keinen Zweifel hat."
Und dann erinnert Bonhoeffer an das alte Kinderlied von den Engeln, in dem es heißt: "Zweie, die mich decken, zweie, die mich wecken." Und er schreibt dazu: "(…) diese Bewahrung am Abend und am Morgen durch gute unsichtbare Mächte (ist) etwas, was wir Erwachsenen heute nicht weniger brauchen als die Kinder."
Ich brauche das auf jeden Fall, die Vergewisserung: Gott ist bei uns mit seinen guten Mächten. Am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag. Also auch heute.
Es gilt das gesprochene Wort.
Literatur dieser Sendung:
(1) Brautbriefe Zelle 92: Dietrich Bonhoeffer, Maria von Wedemeyer 1943–1945. S. 208
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