Normalerweise hat unsere Autorin immer etwas Süßes auf dem Schreibtisch. Aber sie hat sich vorgenommen, weniger Zucker zu essen. Sie hat eine andere Art entdeckt, wie man das Leben versüßen kann.
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Man braucht einigen Optimismus, um gut durch den Januar zu kommen. So, wie ich manchmal am Schreibtisch einfach etwas Süßes brauche, um weiter arbeiten zu können. Aber weil ich auch noch gute Vorsätze habe und nicht immer so viel Süßes essen will, suche ich mir meinen Optimismus auf eine andere Art. Zum Beispiel so:
Im Supermarkt hat mich eine Frau angesprochen. Etwas hilflos zeigt sie mir einen handgeschriebenen Einkaufszettel. Die zittrige Handschrift einer offenbar betagten Dame kann ich nur mit Mühe entziffern. Wie viel schwerer muss das für die Frau sein, die ihn mir gerade vor die Nase hält. Wahrscheinlich ist sie eine Pflegekraft aus Osteuropa. Hier bei mir in meinem Stadtteil, in den großen Wohnungen und in den gutbürgerlichen Verhältnissen, organisieren viele Menschen im Alter ihre Pflege so. "Zucchini" entziffern wir gemeinsam, und sie geht sie schnell holen.
Etwas später kommt sie noch einmal auf mich zu. Fast alles ist von ihrer Liste abgehakt. Nur bei "2x Haribo Colorado", da weiß sie nicht weiter. Und ehe ich ihr umständlich erkläre, was das ist und wo sie es findet, gehe ich mit ihr zum Regal und zeige ihr die Tüten. Sie bedankt sich sehr.
Und ich denke, nicht zum ersten Mal: Wie einfach es eigentlich ist, freundlich zu sein. Das hört sich immer gleich so kitschig und auf eine viel zu harmlose Weise weltverbessernd an. Aber es ist einfach wahr.
Und es gehört zu den Dingen, die Jesus gesagt hat, die ausnahmsweise einmal einfach umzusetzen sind: "Wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch." (Lukas 6,31). Das ist nicht einmal der originelle Einfall von Jesus. Das ist die sogenannte "Goldene Regel", die es auch in anderen Religionen gibt. Es sind wirklich goldene Worte. Wie du behandelt werden willst, so behandele auch andere.
Denn das mit den Gummibärchen-Tüten hat mich nicht einmal zwei Minuten meiner Zeit gekostet. Aber es hat nicht nur die Frau im Supermarkt froh gemacht, sondern auch die, die zuhause auf sie wartet. Ich kann mir vorstellen, wie es sein muss, nicht mehr selbst einkaufen gehen zu können und darauf angewiesen zu sein, dass andere es für einen tun. Ich denke mir, dass dann schon die vergessenen oder die falschen Süßigkeiten die Stimmung sehr herunterziehen. So würde es mir jedenfalls gehen.
Diese zwei Tüten Süßigkeiten haben viele Menschen froh gemacht. Die Pflegerin, die ich getroffen habe. Die alte Dame, die ich nicht einmal kenne. Und mich, völlig kalorienfrei sogar. Denn wir haben ja nicht einmal davon gegessen.
Es gilt das gesprochene Wort.
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