Gemeinfrei via Fundus/ Hans-Georg Vorndran
Obdachlosigkeit begegnet in Berlin in jeder S-Bahn, an jeder Ampel. Das könnte abstumpfen lassen. Tut es aber nicht.
Kältebus
Wie aus Schrecken Solidarität wurde
22.01.2026 06:20

Obdachlosigkeit begegnet in Berlin in jeder S-Bahn, an jeder Ampel. Das könnte abstumpfen lassen. Tut es aber nicht.

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Der Januar ist eine Zumutung. Auch wenn wir nur noch eine gute Woche überstehen müssen: Ich brauche in diesen Tagen Optimismus. Ich habe einen kleinen Vorrat davon bekommen durch das, was Ende Dezember hier in Berlin passiert ist.

Es ging los mit einem Schrecken. Einer der Kältebusse der Berliner Stadtmission ist auf seinem Parkplatz angezündet worden und brannte völlig aus. Auch der daneben geparkte zweite Bus wurde beschädigt. Kältebusse gibt es in vielen Städten. Sie helfen obdachlosen Menschen, durch die kalten Winternächte zu kommen. Sie bringen warme Kleider und heiße Getränke oder fahren Menschen zu Notübernachtungen.

Ein solcher Kältebus war angezündet worden. Kaum war die Nachricht veröffentlicht, war die Welle der Solidarität riesig. Praktisch über Nacht gab es ausreichend Spenden für die Anschaffung neuer Busse. Und auch mehrere Angebote, Busse auszuleihen, damit der Kältebus weiter fahren kann, bis die neuen einsatzfähig sind.

"Gestern waren wir sprachlos, weil jemand unseren Kältebus abbrannte, heute sind wir sprachlos über eure Solidarität, eure Hilfsbereitschaft, eure mutmachenden Nachrichten und eure Spenden", bedankte sich die Berliner Stadtmission.

Mich macht das optimistisch. Die Solidarität mit den vielen tausend Wohnsitzlosen in Berlin ist viel größer, als man vermuten könnte. Denn die Folgen von Obdachlosigkeit begegnen uns hier in Berlin jeden Tag. Der Müllhaufen unter der S-Bahn-Brücke, bei dem man fast übersieht, dass dort ein Mensch schläft. Der Geruch im S-Bahn-Abteil, der schwer auszuhalten ist. Und die vielen, die an den Straßenkreuzungen stehen und betteln, während die Ampel rot ist.

All das könnte einen abstumpfen lassen. Aber das passiert nicht. Es ist eher so, als gäbe es in dieser Stadt ein gemeinsames ernstes Wissen darum, wie leicht ein Leben aus der Bahn geraten kann, durch eine schwierige Kindheit, eine Krankheit an Körper oder Seele, durch eine Trennung, durch den Verlust des Arbeitsplatzes oder der Wohnung.

"Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan." Das sagt Jesus einmal zu seinen Freunden. Ein Satz aus der Bibel, der es in die als nicht besonders fromm bekannte Stadt Berlin hineingeschafft hat. Die Berliner Stadtmission musste nicht groß missionieren, damit dieser Satz wahr wird.

Mich macht das zuversichtlich. Trotz viel sozialer Kälte haben wir doch noch ein Gespür dafür, wann Menschen Hilfe brauchen. Und helfen dann auch. So ein kleiner Kältebus parkt wohl doch in mehr Herzen, als ich denke. Und kommt zum Einsatz, wenn er gebraucht wird.

Es gilt das gesprochene Wort.

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