Es gibt Dinge, die du nicht ändern kannst. Wer mit Wind und Wetter am Meer aufgewachsen ist, hat das verinnerlicht. In religiöser Sprache heißt diese Haltung: Gelassenheit.
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Ich habe so meine Probleme mit dem Januar. Es ist aber auch ein Monat, dem schwer etwas abzugewinnen ist, finde ich. Weihnachten ist vorbei, weder Ferien noch Brückentage sind in Sicht und dunkel ist es auch immer noch viel zu früh. Vom angeblich schon wieder zunehmenden Licht ist wirklich erst ab Lichtmess, also ab dem 2. Februar etwas zu merken. Da muss ich wohl noch eine Woche warten. Es nützt ja nichts.
Jedes Mal, wenn ich aus welchen Gründen auch immer in eine Stimmung komme, die sich wie ein verlängerter Januar anfühlt, denke ich diesen Satz. Allerdings noch etwas verschärft, in der Version meiner schleswig-holsteinischen Heimat: Nützt ja nix.
Das ist die norddeutsche Variante dessen, was man in der Philosophie "stoisch" nennen würde. Und es wird den Norddeutschen nachgesagt, dass eine solche stoische Haltung zu ihren Wesensmerkmalen zähle. Als wäre Norddeutschland so eine Art Naturschutzgebiet, in dem die selten gewordene Spezies der Unaufgeregten überlebt hat.
Auch wenn ich von dort komme, das mit dem "Nützt ja nix" ist bei mir nicht selbstverständlich. Ich kann mich sogar sehr gut aufregen. Aber ich bemühe mich, zwischen Dingen zu unterscheiden, die veränderlich sind, - und denen, die es einfach nicht sind. Manchmal muss ich auch erst durch all meine Empörung hindurch, bis ich beim "Nützt ja nix" ankomme.
Wenn es gut geht, sage ich mir dann diesen Satz mit einem Lächeln. Er ist so schön bodenständig. Er verbindet mich mit dem, was mich seit meiner Kindheit geprägt hat: Es gibt Dinge, die nicht zu ändern sind. Den Wind wirst du nicht am Wehen hindern, auch allgemein das Wetter nicht und die Jahreszeiten.
Wem das norddeutsche "Nützt ja nix" ein bisschen zu wortkarg ist: Man kann das alles natürlich auch noch anders ausdrücken. Etwa so, wie es der Theologe Reinhold Niebuhr in seinem berühmten "Gelassenheitsgebet" formuliert hat: "Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden." Dass es darin nicht nur um stoische Gelassenheit geht, finde ich besonders gut. Ein "Nützt ja nix" spricht nur jemand aus, der mit Worten generell sparsam ist, Und deswegen vorher überlegt und geprüft hat, ob es nicht doch etwas gibt, das etwas nützen könnte. Gelassenheit, Mut, Weisheit, diese drei großen Worte stecken auch in den drei kleinen: "Nützt ja nix". Sie passen nicht immer und überall. Aber diese drei kleinen Worte stehen zur Verfügung. Nur für den Fall, dass sich unvermutet so etwas wie Januar irgendwann in diesem Jahr noch einmal einstellt.
Es gilt das gesprochene Wort.
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