Eine kleine Gruppe von Menschen in Berlin trifft sich jeden Abend – nur, um "Der Mond ist aufgegangen" gemeinsam zu singen. Warum tun sie das?
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Heute vor 111 Jahren ist Matthias Claudius gestorben. Das ist nun kein großes Jubiläum. Aber ich mag ihn sehr. Matthias Claudius hatte ein wunderbares Gespür für die kleinen, alltäglichen Dinge, die er in seinen Texten groß und besonders gemacht hat. Er staunte über den ersten Zahn seines Kindes und über die Pellkartoffeln auf dem Tisch. Ich vermute, ihm hätte es gefallen, die kleine Gruppe von Menschen zu treffen, die seit fast sechs Jahren jeden Abend um 19 Uhr bei mir in der Nähe vor einer Kirche stehen.
Die meisten von ihnen sind im Rentenalter. Einige wohnen um die Ecke, einer fährt eine halbe Stunde mit dem Bus extra für die wenigen Minuten. Ein paar haben Instrumente dabei. Dann singen sie gemeinsam "Der Mond ist aufgegangen", das wohl berühmteste Lied von Matthias Claudius. Einmal Mond mit allen Strophen, das dauert ungefähr vier Minuten. Dann gehen sie wieder nach Hause. Manchmal ist der Mond zu sehen, manchmal halb und manchmal auch gar nicht. Sie werden inzwischen die Mondsänger genannt, Heidi, Erika, Jörg und die anderen.
Angefangen haben die Mondsänger mit ihren Treffen in der Zeit der Pandemie, gleich nach dem ersten Lockdown Mitte März 2020. Da war ja nichts anderes erlaubt, als sich draußen zu treffen. Viele solcher Aktionen im Lockdown sind längst wieder eingeschlafen. Außer die Mondsänger - und das, obwohl sie jeden Tag dieses berühmte Abend- und Einschlaflied singen.
Was ihnen mit am besten gefällt: Die Zeile "Und lass uns ruhig schlafen und unsern kranken Nachbarn auch" in Matthias Claudius‘ Lied. Dass man aneinander denkt und sich ein bisschen umeinander kümmert. Inzwischen sind die Mondsänger nämlich zu einer richtigen Gemeinschaft geworden. Sie haben eine WhatsApp-Gruppe. Wer in den Urlaub fährt, gibt Bescheid, damit sich die anderen keine Sorgen machen. Und wenn jemand fehlt, ohne dass jemand weiß, warum, dann rufen sie noch am gleichen Abend kurz an.
Ich finde, die Mondsänger haben einen Weg gefunden, mit einer großen Herausforderung umzugehen: Wie schafft man es, einander zu Nachbarn zu werden? Das ist nicht nur ein Problem der großen Städte wie Berlin. Auch auf den Dörfern und in Kleinstädten gibt es viel Einsamkeit hinter heruntergelassenen Jalousien.
Was dagegen hilft: Feste Verabredungen. Eine Gruppe, die sich über jeden freut, der kommt, in der man nicht alleine ist und doch frei bleibt. Sich nicht jedes Mal fragen, ob man gerade Lust hat hinzugehen. Hauptsache, man kommt zusammen. Über die Kraft, die von diesem seinem Lied bis heute ausgeht, würde Matthias Claudius bestimmt staunen. Und sich darüber freuen.
Es gilt das gesprochene Wort.
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