Gemeinfrei via Fundus/ Joachim Lenz
"Pfarrer litten unter Herzinfarkten, Kinos brannten." So kommentierte später Hildegard Knef die Aufregung um ihren Film "Die Sünderin". Vor 75 Jahren kam er in die Kinos und zeigt bis heute viel.
Die Sünderin
Ein Film, ein Shitstorm und das Recht, anders zu sein
19.01.2026 06:20

"Pfarrer litten unter Herzinfarkten, Kinos brannten." So kommentierte später Hildegard Knef die Aufregung um ihren Film "Die Sünderin". Vor 75 Jahren kam er in die Kinos und zeigt bis heute viel.

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Heute vor 75 Jahren kam er dann doch noch in die Kinos: Der Film "Die Sünderin" des Regisseurs Willi Forst. Beinahe wäre seine Premiere ausgefallen, denn die Freiwillige Selbstkontrolle wollte diesen Film nicht freigeben. Was ich nicht wusste: Der Grund dafür war gar nicht die berühmte, nur sekundenlange Nacktszene mit Hildegard Knef, sondern die Themen Prostitution, Tötung auf Verlangen und Suizid, die in diesem Film vorkommen.

Insbesondere die katholische Kirche protestierte heftig. "Pfarrer litten unter Herzinfarkten, Kinos brannten", so kommentierte es die Hauptdarstellerin Hildegard Knef später in ihren Memoiren.

Alle Aufregung hatte sich auf sie konzentriert. Heute würde man sagen: Ein Shitstorm fegte über sie hinweg. Die Häme und Verurteilung, die ihr damals begegneten, ist Hildegard Knef nie mehr so ganz losgeworden. Vielleicht auch deswegen, weil sie sich anders verhalten hat, als alle es von ihr erwartet haben. Anstatt von nun an besonders brave Rollen zu wählen, tat sie genau das Gegenteil. Sie floh vor der nachkriegsdeutschen Spießigkeit in die USA und machte Karriere am Broadway.

Und auch den Rest ihres Lebens war sie nicht bereit, allgemeinen Erwartungen zu entsprechen. Heute kann man sich eine solche Aufregung um einen Film kaum mehr vorstellen. Aber nach wie vor ist nicht völlig selbstverständlich, dass Frauen selbstbestimmt leben wollen und keine Lust haben, in alten Rollenbildern zu bleiben.

"Die Sünderin": Bei dem Titel des Films denke ich sofort an die Geschichte von Jesus und einer Frau, die in der Bibel als "Sünderin" bezeichnet wird. Sie kommt unerwartet in eine Gesellschaft von Männern, bei denen Jesus gerade zu Gast ist. Sie salbt Jesu Füße mit sehr teurem Öl. Und jeder am Tisch weiß, womit sie das Geld verdient hat, um dieses Öl zu bezahlen. Alle sehen auf die Frau herab. Aber Jesus sieht vor allem eines: Ihre Liebe und ihre Hingabe. Und er sagt einen Satz über diese Sünderin, der einer von meinen liebsten Jesus-Sätzen ist: "Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel geliebt; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig." (Lukas 7,47)

Ich bin weit entfernt davon, eine Diva wie Hildegard Knef zu sein, leider. Und ich möchte auch nicht erleben, was sie nach der Premiere der "Sünderin" erleben musste oder später in ihrem Leben mit seinen vielen Höhen und Tiefen. Aber etwas möchte ich trotzdem haben: Das Recht, anders zu sein, als andere es vielleicht von mir erwarten. Nicht gleich verurteilt zu werden, weil ich nicht den Maßstäben entspreche, die andere an mich haben. Und dass es gesehen wird, wie viel Liebe und Hingabe in meinem Leben ist, trotz meiner Fehler und meiner Schwächen. Hildegard Knef ist mir darin zu einem Vorbild geworden.

Es gilt das gesprochene Wort.

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