Wir opfern keine Tiere mehr auf den Altären und erst recht keine Menschen. Aber nach wie vor werden viele zu Opfern gemacht. Oder opfern sich selbst. Oder wollen als Opfer anerkannt werden. Welchen Sinn hat Opfer?
Sendetext:
Wer von einem "Opfer" spricht, kann damit sehr Verschiedenes ausdrücken. Wenn in den Nachrichten von Opfern die Rede ist, sind Menschen gemeint, die bei einem Unfall, im Krieg oder bei einer Katastrophe umgekommen sind. Etwas anders ist es in der Justiz. Dort gilt als Opfer die Person, die durch eine Straftat zu Schaden gekommen ist und vor Gericht eine Wiedergutmachung beanspruchen kann. Der Prozess muss ergeben, ob es sich um ein Opfer handelt und wie hoch die Ansprüche sein können.
Nochmals anders ist die Bedeutung in der Sprache der Jugendlichen. Dort gilt der Begriff als Schimpfwort. Wenn unter Teenagern jemand "Du Opfer" sagt, ist das verächtlich gemeint und gilt als Beleidigung. Das Opfer ist dort eine Art Versager, der auf der Seite der Verlierer steht, mit dem man nichts zu tun haben möchte. Umgangssprachlich ist es ganz und gar nicht eindeutig, was mit einem "Opfer" gemeint ist.
Und dann gibt es noch den Begriff des Opfers in der Religion. In allen Religionen gibt es Handlungen, die als Opfer verstanden werden. In den antiken Glaubensvorstellungen waren es ursprünglich sogar Menschenopfer, die von Griechen, Römern und Germanen gleichermaßen praktiziert wurden. Dann setzte es sich allmählich durch, statt Menschen Tiere zu opfern, zusammen mit Getreide und Früchten. Auf diese Weise wollte man die Götter umschmeicheln, damit der Boden besonders fruchtbar werde, Regen die Pflanzen wachsen und Sonne die Früchte reifen lasse. Auch das Vieh sollte sich reichlich vermehren. Alles Faktoren, die damals so gut wie gar nicht von den Menschen beeinflusst werden konnten. Die Priester erklärten deshalb die Götter für zuständig und ermahnten das Volk, diese durch ihre Opfer gnädig zu stimmen.
Auf den ersten Blick scheint es, als hätten diese so unterschiedlichen Redeweisen vom Opfer gar nichts miteinander zu tun. Aber das täuscht. Es gibt eine Entwicklung: In der Antike war das Opfer eine Handlung. Heute dagegen sprechen wir meistens davon, wer ein Opfer ist. Ein Opfer bereiten oder Opfer sein – das ist ein großer Unterschied. Es lohnt sich, etwas genauer hinzuschauen. Denn diese Wandlung des Begriffs macht das Opfer heute wieder interessant und sehr aktuell.
Der griechische Dichter Hesiod war einer der ersten, der in einem Mythos erklären wollte, warum Menschen den Göttern Opfer darbringen. Das war rund 700 Jahre vor Christi Geburt. Damals erzählte Hesiod die Geschichte von Prometheus. Eine spannende Geschichte. Sie erklärt und kritisiert den Opferkult.
Prometheus gehörte zu den Titanen, galt jedoch als ein Freund der Menschen. Deshalb versuchte er den Göttervater Zeus auszutricksen. Der forderte unter allen Göttern die kostbarsten Tieropfer. Mit einer List will Prometheus Zeus täuschen. Er zerlegt das Opfertier und gibt das köstliche Fleisch den Menschen. Der Göttervater hingegen erhält nur die blanken Knochen in Fett-Haut gehüllt. Zeus entdeckt die betrügerische Absicht, wählt aber – und das ist wichtig - trotzdem den minderwertigen Teil. Als Strafe entzieht er den Menschen jedoch das Feuer. Prometheus will das nicht hinnehmen. Er stiehlt den Göttern das Feuer und bringt es den Menschen. Daraufhin wird Prometheus selbst gefesselt und erst nach gebührender Zeit begnadigt. Seitdem, so heißt es in dem Mythos, verbrennen die Menschen auf der Erde den Unsterblichen weiße Knochen auf den duftenden Altären.
Das letzte Detail, das Hesiod in seiner Erzählung erwähnt, ist wichtig: Denn bei den dargebrachten Tieropfern war das zarte Fleisch für die Menschen, während die Götter mit Knochen und Fett abgespeist wurden. Das ist keineswegs nur Mythos. Es entspricht den kultischen Handlungen, die es tatsächlich genau so gegeben hat.
Tatsächlich verbrannte man im Tempel nur einen Teil des geopferten Tiers auf dem Altar, darunter Knochen und Fett, damit der wohlduftende Rauch zu Gott aufsteigen sollte. Der größere Teil blieb für die Menschen reserviert: Einen Teil erhielten die Priester. Das meiste jedoch wurde von der Familie des Opfernden verspeist. Bei dem Tempelopfer handelt es sich im Grunde genommen also um einen Akt der Entschuldung.
Und das hat einen einfachen Grund. Fleisch war nicht nur teuer, sondern auch mit einem Makel behaftet: Um Fleisch genießen zu können, musste ein Tier getötet werden. Aber in den Geboten heißt es eindeutig: "Du sollst nicht töten!" Um diese Klippe zu umgehen, stellte man das Schlachten der Tiere in einen rituellen Kontext. Mithilfe der Priester sollte eine Entschuldigung erwirkt werden, indem das Tier zunächst Gott dargeboten wurde. Genau das war der Sinn des rituellen Opfers. Durch diese kultische Klausel wurde ein ethischer Minimalkodex garantiert. Man nahm Leben, um selber zu leben, gab aber einen Teil davon zurück an Gott, den Ursprung allen Lebens.
Ein Tier opfern. Es auf einen Altar legen und rituell töten. Das betrachten wir heute meistens mit einer gewissen Abscheu. Es erscheint unvorstellbar, dass Gott die Opferung eines lebenden Wesens gutheißen könnte. Allerdings übersehen wir bei dieser Einschätzung den humanen Charakter. Viele von uns essen Fleisch einfach so. Die Menschen damals taten es mit einer Abbitte. Verglichen mit der Kühltheke im Supermarkt, aus der man einfach eine Packung Kotelett oder Hähnchenbrust herausholt, erscheint der Umgang in der Antike sogar verantwortungsbewusster. Die Massentierhaltung, auf der unsere Ernährungsindustrie beruht, liefert fein hygienisch verpackt, stets verfügbar und anonym das Fleisch. Jeder Anflug eines schlechten Gewissens soll möglichst gar nicht erst aufkommen. Demgegenüber wirkt die Praxis des Opfers in der Antike und in der Bibel gewissenhafter. Auf jeden Fall wurde nicht verdrängt, dass für unser Essen ein Tier sein Leben gelassen hat.
Trotzdem gab es schon zu biblischen Zeiten Kritik am Opfer. Nicht etwa, weil es als blutrünstig galt, sondern aus Gründen des Glaubens. Beim Propheten Hosea spricht Gott:
"Ich habe Lust an der Liebe und nicht am Opfer, will lieber Erkenntnis Gottes als Brandopfer." (Hosea 6, 6)
Im Prophetenbuch Amos wird Gott noch deutlicher:
"Ich hasse und verachte eure Feste und mag eure Versammlungen nicht riechen (…) an euren Speisopfern habe ich kein Gefallen, und euer fettes Schlachtopfer sehe ich nicht an." (Amos 5,21f)
Jesus reiht sich in diese Kritik ein und zitiert den Propheten Hosea:
"Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer!" (Matthäus 9,13 / Hosea 6,6)
Eindeutige Aussagen. Man könnte meinen, damit sei Schluss mit Opfern. Aber so einfach ist das nicht. Denn Christus selbst wird als Opfer verstanden. Eine Deutung des Todes Jesu ist mit der Vorstellung vom Sühneopfer verbunden: Christus sei stellvertretend am Kreuz gestorben, um für die Menschen Erlösung zu erwirken. Aber wie verträgt sich dieser theologische Ansatz vom Tod Christi als Sühneopfer mit der Kritik am Opferkult?
Dieser scheinbare Widerspruch erklärt sich erst dadurch, dass Christus eben nicht als Mensch gesehen wird, sondern in seiner göttlichen Natur. Das Kreuz auf Golgatha markiert insofern beides: Schluss mit Opfern! Es braucht kein Blutvergießen mehr zur Versöhnung, weil Gott sich selbst hingibt durch seinen eigenen Sohn. Das, was als Sühneopfer Christi bezeichnet wird, ist sowohl Opfer als auch dessen Überwindung. Der Philosoph Robert Spaemann spricht deshalb von einem "Metaopfer", um diesen symbolischen Gehalt herauszustellen. Metaopfer – das Opfer über allen anderen Opfern. Das Opfer, nach dem es kein anderes mehr braucht, das alle Opfer beendet.
Der Begriff Opfer ist umstritten. Dadurch wird das Reden über Opfer prinzipiell missverständlich. Schon der zeitliche Abstand zu historischen Opferhandlungen führt zu falschen Einschätzungen. Ursprünglich sahen Menschen im Opferkult die Chance, Kontakt zu dem Heiligen aufzunehmen. Das ist inzwischen vollkommen überlagert von der Bezeichnung "Opfer" als Personenbeschreibung. Opfer meint nicht mehr eine Handlung, sondern eine Person. Hinzu kommt die veränderte Bedeutung in der Umgangssprache. "Du Opfer" drückt kein Mitleid aus. Auch keine Achtung vor der Tat, mit der jemand sich für andere aufopfert. "Du Opfer", das meint: "Du Schwächling, Versager!"
Schon dieser Bedeutungswandel führt dazu, dass manche Wissenschaftler heute dafür plädieren, die Bezeichnung als Opfer ganz zu ersetzen, um Missverständnissen, aber auch dem Missbrauch vorzubeugen. Die Theologin Karin Peter aus Wien geht sogar der Frage nach, ob nicht die religiöse Kategorie des Opfers grundsätzlich in Frage gestellt werden müsste:
"Nachdem eine bestimmte Form der Opfertheologie im christlichen Raum über Jahrhunderte prägend geworden ist, wird ihr gerade in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit umfassender Kritik begegnet. Aufgedeckt werden die Schwierigkeiten einer religiösen Überzeugung, in der Gott eine Bluttat zur Wiedergutmachung fordert. Ein solches Gottesverständnis, so könnte man sagen, unterbietet eigentlich die Möglichkeiten des Menschen. Angesichts dieser Schwierigkeiten wird teils erwogen, Opfer als theologische Kategorie prinzipiell aufzugeben."
Dennoch sieht Karin Peter darin keine Lösung. Es erscheint zwar einfach, den Begriff zu tabuisieren, aber die Probleme, die damit verbunden sind, können so einfach nicht beseitigt werden. Wichtiger ist es, den Bedeutungswandel näher zu betrachten.
Die Bedeutung, die in der Antike galt, ist weitgehend verloren gegangen. Damals brachte man Opfer dar, um etwas zu bewirken, was im realen Leben außerhalb der eigenen Macht lag. Das wird heute überlagert von dem Bild, ein Opfer zu sein. Wer allerdings in diesem Sinne als Opfer gilt, bleibt umstritten. Gerade weil die Geschädigten oder Benachteiligten mit Wiedergutmachung rechnen können, gibt es einen regelrechten Machtkampf um die Position des Opfers.
In den biblischen Vorstellungen gab es beim Opfer stets diese beiden Seiten: Hier der Opfernde und dort das Geopferte. Das Opfern war eine Handlung, etwas, was ich selbst anstrebe, um eine Entlastung zu erfahren. Anders ausgedrückt: Die opfernde Person gibt etwas her, verzichtet auf Liebgewonnenes, um ihr Schuldbewusstsein zu mindern. Das Opfer war die Gabe, nicht die Person. Das Opfer war die gut gemeinte Tat und nicht Ausdruck des Leids oder der Benachteiligung.
Ganz anders erleben wir es in der Gegenwart. Da werden die Seiten einfach vertauscht: Der Mensch stellt sich selbst als Opfer da. Von einer Gabe ist nicht mehr die Rede. Ein Opfer darf mit der Sympathie der Mitmenschen rechnen oder kann sie einfordern. Wer sich selbst glaubhaft als Opfer vorführt, erfährt Solidarität. Und das kann durchaus den eigenen Interessen dienen.
Nach alledem könnte der Eindruck entstehen, der Opferbegriff sei zu schillernd, um ihn überhaupt noch zu benutzen. Das gilt insbesondere für Glaubensfragen und speziell für die christliche Religion. Der theologische Denkansatz, Christus hätte sich am Kreuz geopfert und dadurch die Menschheit erlöst, stößt auf Widerstände. Er ist nicht mehr leicht zu vermitteln.
Im Kindergarten meiner Kirchengemeinde wurde so eine Diskussion geführt. Da hatten sich Eltern beschwert. Ihrer Meinung nach ist der brutal ans Kreuz genagelte Christus für Kinder nicht zumutbar. Einerseits zu grausam, andererseits wollten sie überhaupt kein Opfer mehr und auch nicht, dass sich jemand für irgendetwas opfert oder geopfert wird.
Die Haltung ist verständlich. Sie ist verbreitet und ich kann sie auch nachvollziehen. Und doch zögere ich. Es könnte ein Missverständnis des Opfergedankens vorliegen. Um dem zu begegnen, interpretiert der Züricher Theologe Thomas Schlag den Opfertod Jesu ganz aus der sozialen Beziehung. Nämlich aus der realen Erfahrung, wie jemand an der gnadenlosen menschlichen Gewalt scheitert:
"Die Überlieferung bezieht ihre entscheidende Dynamik somit nicht aus der Vorstellung eines unbarmherzigen oder gar sadistischen Gottes, der seinen Heilswillen gegen alles Leid durchzusetzen trachtet, sondern aus der berichteten Erfahrung eines Gottes, der mit seinem Sohn und der leidenden Kreatur mitleidet. Im Zentrum steht somit nicht die brutalst mögliche Handlung Gottes, sondern dass der brutalst möglichen Handlung menschlicher Gewalt- und Opferungsbereitschaft sichtbarer Ausdruck gegeben wird." (3)
Was geben wir auf, wenn wir die Deutung des Todes Christi als Opfer verabschieden? Die Gefahr besteht, dass sein Tod dann sinnlos erschiene. Das könnte auch das Leid nivellieren der vielen Menschen, die zum Opfer gemacht wurden. Und auch der Trost könnte verlorengehen, der aus der Gewissheit entsteht: Gott selbst hat sich zum Opfer gemacht, er zeigt sich auf einer Ebene mit den Leidenden und Geschundenen. Vor diesem Hintergrund frage mich weiter: Ist eine Welt ohne Opferbereitschaft vorstellbar? Ja wünschenswert?
Bei aller schillernden Vielfalt des Begriffs gibt es doch ein bleibendes Moment, das alle Reden von Opfern verbindet: Es ist die ethische Seite. Immer wenn vom Opfer die Rede ist, geht es um Fragen von Schuld und Verantwortung. Ich kann den Begriff des Opfers aus dem Sprachgebrauch löschen und ebenso die dazugehörenden Bilder. Aber die Idee des Opfers, bei dem jemand etwas gibt, um anderen zu helfen, oder gar sich selbst gibt, um Leben zu retten, diese Vorstellung bleibt.
Wenn wir den Opfergedanken streichen, ist das Risiko groß, dass wir zugleich das Nachdenken über Schuld, Vergebung und Verantwortung aus dem Alltagsleben tilgen. Rituale wie jene des Opfers haben schließlich nicht nur eine religiöse Dimension, sondern stets auch eine soziale Aufgabe.
Gerade die sozialen Aspekte sind der Theologin Karin Peter wichtig. Um sie zu retten, fordert sie ein Umdenken und deshalb schon im sprachlichen Umgang verschiedene Opfer-Grammatiken. Das "gottgefällige" Leben ist für sie gleichermaßen eine Gemeinschaft mit Gott wie mit meinen Mitmenschen. Und das Sühneopfer Jesu versteht sie als "Lebensopfer". Alles Reden und Tun von Jesus war Hingabe. Sein Tod am Kreuz ist die Konsequenz eines Lebens im Dienst für Menschen:
"Im Opfertod kulminiert so Jesu Engagement zugunsten der Menschen, durch den ein unzerstörbarer, endgültiger Zugang zur Gemeinschaft mit Gott gewährleistet wird. (….) Jede Bereitschaft, eigene Einschränkungen zugunsten größerer Lebensmöglichkeiten anderer, gerade Schwächerer in Kauf zu nehmen, kann als von diesem Modell geprägt gesehen werden." (4)
In dieser Deutung zeigt sich das Opfer Jesu als Solidarität mit Menschen in Not. Wenn ich das Leid anderer teile, wenn ich denjenigen zu ihrem Recht verhelfe, die unterdrückt und verfolgt werden, tauche ich in diese Deutung des Opfers ein. Das Opfer hat dann nichts mehr zu tun mit jenen Menschen, die ihr Schicksal herausstellen, sich als Opfer stilisieren. Es ist vielmehr mit Hingabe gleichzusetzen, einer Hingabe, bei der ich selbst als Handelnder aktiv werde. Opfer im Sinne von Jesus Christus bedeutet: Ich opfere etwas von mir, damit andere nicht zu Opfern werden, sondern leben können. Diese Symbolik trägt das Kreuz Christi. Es bietet die Chance, das Leiden in der Welt zum Ausdruck zu bringen, um es zu überwinden.
Es gilt das gesprochene Wort.
Musik dieser Sendung:
1. Karl Goldmark, Der gefesselte Prometheus op. 38
2. Between Rivers, Rages
3. Between Rivers, Karawane
4. Strawinsky, Le sacre du printemps, Teil 2 - Das Opfer
5. Strawinsky, Le sacre du printemps, Teil 2 - Das Opfer
Literatur dieser Sendung:
1. Robert Spaemann, Ist ein opferloses Christentum möglich? [https://www.kath-info.de/opfer.html]
2. Karin Peter, Leiterin des FWF Elise-Richter-Projekts 'Religionspädagogische Analysen zur Opferthematik' am Institut für Praktische Theologie der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien [https://rat-blog.univie.ac.at/?p=3646]
3. Thomas Schlag, Kann man heute noch über Opfer sprechen? -
Überlegungen zur religiösen Kommunikation mit Jugendlichen über ein unzeitgemäßes Thema
[https://ub01.uni-tuebingen.de/xmlui/bitstream/handle/10900/160541/Schlag_466.pdf?sequence=1]
4. Karin Peter, ebenda.