Ursprünglich war es ein Liebeslied. Daraus wurde der Karfreitags-Choral "O Haupt voll Blut und Wunden". Die Melodie und der Text sind voller Mitgefühl. Das berührt bis heute.
Sendetext:
Karfreitag ist mit einem bestimmten Lied verbunden, für mich jedenfalls:
"O Haupt voll Blut und Wunden".
Das ist die Nummer 85 im Evangelischen Gesangbuch.
Ein sehr protestantisch geprägter Choral.
Er wurde jedoch auch ins katholische Gotteslob aufgenommen (GL 289).
Wenn ich das Lied singe, stehe ich direkt unterm Kreuz.
Mit seinen Worten schaue ich hinauf zu dem gekreuzigten Jesus:
"O Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn."
Das Lied ist auch eine Zumutung.
Den Menschen, die dieses Lied singen, mutet es zu hinzuschauen:
auf die Tortur, die dieser Mensch erleidet.
Schwer auszuhalten.
Dennoch will ich diesen Choral nicht missen.
An Karfreitag nicht. Und auch sonst nicht.
Paul Gerhardt findet innige Worte, Jesu Passion und mich sterblichen Menschen zusammen zu denken.
Zum Beispiel:
"Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir."
Eindrücklich!
Ja, auch die Sprache bringt dieses Lied zum Klingen.
Aber ganz besonders die Melodie.
Und die war ursprünglich ein Liebes-Lied!
Und wie das so ist in der Liebe:
"Mein G´müt ist mir verwirret, das macht ein Jungfrau zart,
bin ganz und gar verirret …"
So der ursprüngliche Text auf Leo Hasslers Melodie.
Ein Liebeslied inszeniert Gefühle, bringt sie zum Klingen.
Um Emotion ging es dem Komponisten Hans Leo Hassler.
Um Gefühl, um liebende Zuwendung, um Empathie ging es dem Komponisten dieses Liebesliedes, das zum Passionslied wurde. Ging es vorher um das Gefühl eines Mannes gegenüber einer jungen Frau, leitet das Lied nun zu Empathie an für einen Gefolterten: den sterbenden Jesus am Kreuz.
Paul Gerhardts Gedicht "O Haupt voll Blut und Wunden"
wurde mit der Melodie von Hans Leo Hassler verbunden.
Damit war´s aber noch nicht zu Ende mit diesem Liebeslied.
Johann Sebastian Bach war offensichtlich in die Melodie vernarrt.
Und hat sie in seinem Weihnachtsoratorium prominent verarbeitet.
Allerdings auf den Text des Adventsliedes "Wie soll ich dich empfangen".
Dieselbe Melodie hat Bach dann in seiner Matthäuspassion verwendet, jetzt mit dem Text von "O Haupt voll Blut und Wunden". Komponisten wie Mendelssohn-Bartholdy und Pachelbel, Telemann und Liszt bearbeiteten diese Melodie.
Und nicht nur in der klassischen Musik fand das alte Liebeslied Beachtung,
auch in der populären Musik!
Paul Simon von Simon and Garfunkel bezieht sich in seinem Song
"American Tune" auf dieses alte deutsche Liebeslied, das später zum Passionslied wurde. Hier kommt jetzt eine ganz neue Jazzfassung.
Arno Krokenberger, junger Kirchenmusiker in Mainz, spielt "O Haupt voll Blut und Wunden".
Paul Gerhardt, der Dichter von "O Haupt voll Blut und Wunden", hatte eine Text-Vorlage:
die Passionshymnen des Arnulf von Löwen, einem Mönch und späteren Abt aus dem 13. Jahrhundert. Seine sieben lateinischen Hymnen beginnen jeweils mit "Salve", ein bis heute gängiger Gruß in Italien.
Ad pedes, ad genua, ad latus richten sich diese Passions-Salven, also an die Füße, an die Knie, an die Körperseite Jesu.
Die siebte Hymne von Arnulf, dem Mönch aus dem 13. Jahrhundert,
richtet sich ad faciem, also an Jesu Gesicht.
"Salve, caput, also: Sei mir gegrüßt, blutiges Haupt,
über und über mit Dornen gekrönt,
entstellt und verwundet,
mit dem Rohrstock geschlagen,
mit bespucktem und verschmiertem Gesicht."
Auf Latein ist das noch eindrücklicher, weil die Worte die Schläge imitieren:
"Salve, caput cruentatum,
Totum spinis coronatum,
Conquassatum, vulneratum,
Arundine verberatum."
Die dunklen Vokale folgen hart aufeinander
sie "klingen wie Backenschläge" :
Cruentatum, coronatum, conquassatum, vulneratum, verberatum.
Genau so wird das Leiden Jesu in der Bibel beschrieben.
Da flochten die Soldaten des Statthalters "eine Dornenkrone
und setzten sie ihm aufs Haupt (…) und verspotteten ihn (…)
und spien ihn an und nahmen das Rohr
und schlugen damit auf sein Haupt." (Matthäus 27,29-30)
Ich vermute:
Diese Entstehungsgeschichte des Liedes, diesen Hintergrund
hören wir mit, erspüren ihn - auch ohne davon zu wissen.
So wie die richtige Grundierung wichtig ist für eine gut haftende Farbe.
Die Grundierung ist am Ende unsichtbar,
sie bringt jedoch die Farbe zur Geltung, die darüber glänzt.
Einen lateinischen Hymnus aus dem Hochmittelalter
verwandelt Paul Gerhardt in einen barocken evangelischen Choral.
Die Worte besingen Christus-Mystik, Leidensmystik.
Aber die Stimmung ändert sich.
Statt "düster-asketischer Reue und Demut" lässt der Barockdichter
"eine natürliche, ausgewogene, zugleich herzliche und warme
Atmosphäre vorherrschen" .
Hier wird nicht weggeguckt.
Der Text schaut genau hin: auf die Dornenkrone,
auf die Spucke, die nicht wehtut, aber erniedrigt und beschämt.
Auf die geschwollenen Augen, auf die schändlich zugerichteten Lippen.
Wenn man das singt, fühlt man sich in diesen Menschen hinein,
es entsteht Mit-Gefühl, Empathie.
Empathie für den gequälten Menschen.
Und das ist ja das Karfreitags-Paradox.
Gott ist wie im Judentum oder im Islam ganz oben.
Wer unter dem Kreuz steht, muss aufschauen zu Jesus.
Und in diesem sterbenden Christus ist Gott gleichzeitig ganz unten.
Michael Seewald ist ein deutsch-französischer Priester.
2025 erhielt er den Leibnizpreis.
Von ihm stammt der Satz:
"Dieses Paradox ist das Große am christlichen Glauben.
Wenn wir wissen wollen, wie Gott ist,
müssen wir schauen, wie Jesus von Nazareth gelebt hat
und gestorben ist."
Zu diesem Schauen leitet "O Haupt voll Blut und Wunden" an.
Der Blick aufs Kreuz lehrt Mitfühlen.
Sich hineinversetzen können in das Leid des anderen.
Das prägt eine Kultur des Mitgefühls.
Das findet nicht jeder gut.
"Die grundlegende Schwäche der westlichen Zivilisation
ist Empathie."
Das behauptete der reichste Mann der Welt voriges Jahr.
Elon Musk sieht Empathie als Waffe der Mittelmäßigen und Schwachen gegen die Starken und Exzellenten.
Ich widerspreche.
Ich widerspreche mit "O Haupt voll Blut und Wunden".
Dieser Choral plädiert für Empathie.
Ach, was heißt plädiert!
Er inszeniert Mitgefühl, er stellt es dar.
Und das äußerst kunstvoll.
800 Jahre europäischen Denkens werden vereint.
Die emotionale Grundlage dieser Inszenierung ist die Melodie,
das ursprüngliche Liebeslied.
Wenn ich "O Haupt voll Blut und Wunden" singe,
erlebe ich die Kreuzigung Jesu sozusagen mit.
Die sechste Strophe fasst noch einmal zusammen:
"Ich will hier bei dir stehen, verachte mich doch nicht;
von dir will ich nicht gehen, wenn dir dein Herze bricht;
wenn dein Haupt wird erblassen im letzten Todesstoß,
alsdann will ich dich fassen in meinem Arm und Schoß."
Das ist eine mütterliche Geste.
Wenn, ganz am Ende, das Gesicht totenblass wird,
den sterbenden Menschen umarmen:
"alsdann will ich dich fassen in meinem Arm und Schoß".
Im Grunde besingt die Strophe eine pietà,
eine Darstellung Marias, der Mutter Jesu, die ihren gerade verstorbenen,
hingerichteten Sohn im Arm und auf dem Schoß hält.
So hat Michelangelo sie dargestellt.
Sie steht im Petersdom.
Georg, den alle Schorsch nannten wie üblich im Südwesten,
hat den Zweiten Weltkrieg an vorderster Front miterlebt,
als Infanterist im so genannten Russlandfeldzug, der
im Wesentlichen ein Ukraine-Feldzug war.
1903 geboren, war Schorsch damals bereits ein älterer Soldat.
Er erzählte mir: Die schneidigen jungen Soldaten, manche gerade 18 Jahre alt,
sind wagemutig nach vorne gestürmt, oft ohne Deckung
und dann niedergemäht worden.
Und fast alle hätten am Ende, als sie verbluteten, nur ein Wort gesagt
dieses Wort aber immer wieder, bis sie verstummten:
… Mama.
Am Ende und ganz am Ende geht es darum, dass uns jemand umfasst
in ihrem Arm und Schoß.
Wer die sechste Strophe von "O Haupt voll Blut und Wunden" singt,
bleibt an Christi Kreuz stehen,
dreht sich nicht weg, geht nicht weiter, bleibt und tröstet,
will den Sterbenden in die Arme nehmen.
Mitgefühl bis zum Tod und über den Tod hinaus.
In Vers 6 mit seinen Worten
"im letzten Todesstoß will ich dich fassen in meinem Arm und Schoß"
stellen sich die Singenden vor,
den sterbenden Christus zu umarmen:
"Stell dir vor, du machst das!"
In Vers 9 ist es genau umgekehrt.
Da bin ich der Sterbende und Christus ist es, der mich umfasst:
Das "Ich bin bei dir in deinem Sterben"
wird hier umgekehrt in "Du bist bei mir in meinem Sterben".
So unbekannt ist dieser scheinbar merkwürdige Zusammenhang nicht.
Natürlich lese ich ein Buch, ich lese.
Und bei Büchern, die mir wichtig sind, die ich kaum aus der Hand legen kann,
kommt es mir nicht selten so vor, als lese das Buch mich.
Mit der Musik ist´s ohnehin so.
Auch von manchem Bild sagen wir, ohne groß drüber nachzudenken:
"Das spricht mich an."
Aber das Gemälde hängt bloß an der Wand und sagt nichts.
Ich schaue das Kunstwerk an.
Gefühlt jedoch spricht das Kunstwerk mich an.
Und das ist nicht nur gefühlt.
In dem Lied "O Haupt voll Blut und Wunden"
fließen mein Blick auf den sterbenden Jesus
und Christi Blick auf mich sterblichen Menschen zusammen.
Das ist eine mystische Glaubenshaltung.
Das Lied setzt diese Glaubensmystik in Szene.
Und wer mitsingt, schwingt sich in sie ein.
"Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht vor mir!"
Mehr brauche ich eigentlich nicht an christlichem Glauben
- das ewige Leben betreffend:
Ich kann nicht tiefer fallen als in diese Mutter-Arme Christi.
Postmortale Ausflüge brauche ich nicht,
in fernen Galaxien will ich nicht herumtoben.
Aufgrund der neuen Berechnungen des Weltraumteleskops Hubble
rechnet man jetzt mit 200 Milliarden Milchstraßen wie unserer.
Geht nicht in meinen Kopf, ich muss ihn schütteln angesichts dieser Zahlen.
"Die grundlegende Schwäche der westlichen Zivilisation ist Empathie",
behauptet Elon Musk.
Das muss man sagen, wenn man die Hilfe für Hungernde streicht
und Regulierungen für Milliardäre aufhebt.
Und das kann nur sagen, wer meint, er sei allmächtig und lebe ewig.
Wir sind aber Menschen - ohne Bleiberecht auf dieser Erde.
Wir werden nackt geboren
und müssen gestillt und gewickelt und getragen werden
und im Kinderwagen gefahren.
Und brauchen Körperkontakt und Wärme.
Ohne Empathie gehen Kinder zugrunde, seelisch und körperlich.
Wir sind Menschen und die meisten müssen am Ende wieder gefahren werden.
Und nicht wenige gefüttert und gewickelt.
Und ganz am Ende, wenn nichts mehr geht,
muss jemand die Lippen anfeuchten.
Sterbende brauchen Körperkontakt, Wärme und eine vertraute Stimme.
Dafür braucht es Empathie, die Fähigkeit mitzufühlen,
mich hineinzuversetzen in den anderen.
Empathie macht uns zu Menschen.
Deswegen tut es gut,
dieses alte Lied "O Haupt voll Blut und Wunden" mit seiner 800-jährigen Geschichte zu singen.
Und sich in seine mystische Glaubenshaltung einzuschwingen.
Der letzte Vers inszeniert noch einmal, abschließend,
diese doppelte Blickrichtung.
Ich schaue auf Christus in seiner Kreuzesnot, ich drücke ihn an mein Herz.
Und er erscheint mir zum Schild in meinem Sterben, in meiner Kreuzesnot.
"Erscheine mir zum Schilde, zum Trost in meinem Tod,
und lass mich sehn dein Bilde in deiner Kreuzesnot!
Da will ich nach dir blicken, da will ich glaubensvoll
dich fest an mein Herz drücken.
Wer so stirbt, der stirbt wohl."
Es gilt das gesprochene Wort.
Musik dieser Sendung:
1. Melodie EG 85,1 (CD Geistliches Wunderhorn, Große Deutsche Kirchenlieder, Windsbacher Knabenchor Nr. 13)
2. Jazzimprovisation zu EG 85
3. Jazzimprovisation zu EG 85
4. EG 85,2-3 (CD Geistliches Wunderhorn, Große Deutsche Kirchenlieder, Windsbacher Knabenchor Nr. 13)
5.-6. Jazzimprovisation zu EG 85
7. EG 85,9 (CD Geistliches Wunderhorn, Große Deutsche Kirchenlieder, Windsbacher Knabenchor Nr. 13)
8.-9. Jazzimprovisation zu EG 85