epd-bild / Uwe Anspach
Feiern, klettern, arbeiten
Neues Leben in alten Kirchen
05.04.2026 07:05

Richtung Sonnenaufgang sind Kirchen weltweit gebaut. Das macht jede Kirche zu einem Zeichen der Osterhoffnung: neues Licht, neues Leben. Was wird daraus, wenn immer mehr Kirchen aufgegeben und anders genutzt werden?

Sendetext:

Ostersonntag. Die Sonne ist vor 20 Minuten hier an meinem Wohnort Garbsen über dem Mittelandkanal aufgegangen. In vielen Kirchen wird zu dieser Stunde die Osternacht gefeiert. Sie beginnt vor Sonnenaufgang noch im Dunkeln. Und dann mit dem Licht des neuen Morgens wird Ostern gefeiert: Christus ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden! Das Licht ist stärker als die Finsternis, das Leben stärker als der Tod. Als Zeichen für diesen Glauben sind die meisten Kirchen weltweit in Richtung Osten gebaut, in Richtung der aufgehenden Sonne. Jede Kirche ein Zeichen der Hoffnung auf Licht und Leben. 

Darum schmerzt es mich, wenn ich fast wöchentlich die Meldung lese: Schon wieder eine Kirche weniger. Die Kirchen müssen sparen. Der Unterhalt von Gebäuden verschlingt viel Geld. Warum also so viel Geld in Kirchen stecken, die selten gebraucht werden und dann auch noch von immer weniger Menschen besucht werden? Eine vernünftige Frage. 

Dennoch: Mich betrübt das. Jede Kirche ist doch ein Gotteshaus, denke ich. Jede Kirche ist ein Angebot an Menschen, am Sonntag, aber auch im Alltag einen Ort der Besinnung zu finden. Zur Ruhe zu kommen. Nachzudenken über das, was wichtig ist. Über das Glück und das Scheitern. Über das Leben, auch über den Tod. Kirchen sind Orte zum Beten. Und um zusammen Gottesdienst zu feiern. Ja, es wird sicherlich auch weiterhin genügend Kirchen dafür geben. In den Städten sind sie gut zu erreichen. Wer sie wirklich besuchen will, wird auch eine Viertelstunde länger gehen oder fahren. Aber auf dem Land, in den Dörfern?  

Was macht es mit der Seele einer Gesellschaft, wenn diese alten Orte der Besinnung für immer geschlossen werden? 

Jede dritte Kirche, so haben Fachleute errechnet, könnte bis zum Jahr 2050 geschlossen werden. Nein, ich muss mich korrigieren: Nicht geschlossen werden – sondern "profaniert". Das bedeutet so viel wie "entwidmet" oder einer rein weltlichen Nutzung zugeführt. Wenn eine Gemeinde ihre Kirche verkauft, steht sie ja weiter im Dorf oder in der Stadt. Und sie kann anders genutzt werden. In solchen Kirchen entstehen Restaurants. Skaterhallen. Studentenwohnungen. Die Kirchentüren werden nicht geschlossen. Wer künftig durch sie hindurchgeht, erlebt nur anderes als bisher. Neues Leben zieht in diese Kirchen ein. 

Nachrichten über solche neuen Nutzungen von Kirchen mildern meine Trauer etwas. Die Kirchen bleiben ja stehen als steinerne Zeuginnen ihrer gemeindlichen Vergangenheit. Aber sie machen sich offen für Neues. 

Was ist das denn? Wie fühlt es sich an in Kirchen, die anders genutzt werden? 
Das möchte ich wissen und mache mich auf den Weg. Ich nehme Sie mit auf einen gedanklichen Osterspaziergang zu Kirchen, die neu genutzt auferstehen. 

"Elbdudler." – "Elbdudler"?! Steht da groß an der Kirche, die viele Jahre meine Heimatgemeinde war. In der St. Stephanus-Kirche im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel war viel los, damals, als ich in Hamburg lebte. Der Pastor konnte gut predigen, die Küsterin begrüßte mich mit einem freundlichen Lächeln, ein Kirchenchor sang herzig alte Weisen, und ich spielte in der Kirchenband "Ingrid und die Postillione" – da gab‘s heiße Konzert-Partys im Kirchenkeller.

Jetzt, bei einem Besuch in meiner alten Heimat, komme ich an der Kirche vorbei und wundere mich: "Elbdudler" steht da in goldener Schrift. Darüber ein altes Kirchenfenster mit einem Engel, das kenne ich noch von früher.

Zurück im Hotel recherchiere ich im Internet: "Elbdudler – Kreativagentur aus Hamburg". Auf der Website entdecke ich "neun Gebote" – so nennen sie ihre Firmenwerte. Da steht zum Beispiel: "Wir lügen nicht. Auch nicht für Umsatz." Und: "Kompetenz schlägt Hierarchie." Ich stutze. Ausgerechnet in einer profanierten Kirche hängen wieder Gebote an der Wand. Vielleicht ist das nur Agentur-Humor. Vielleicht ist es auch der Raum, der solche Sätze anzieht.

Am nächsten Morgen gehe ich nochmals zur Kirche. Ich habe mich per Telefon angemeldet. Ein freundlicher Mann empfängt mich: Christopher Rohs, einer der Geschäftsführer der Elbdudler. Durch das Portal führt er mich hinein. 
Ich staune. Einerseits sieht die Kirche noch aus wie meine alte Kirche. Andererseits aber auch nicht: Überall stehen Schreibtische! Vorne an der Altarwand das vertraute Mosaik: Jesus, übergroß, mit segnenden Händen.

Christopher Rohs:
Gehen wir doch mal hoch auf die Galerie. Ja und hier oben, wo früher die Orgel stand, sitzt ganz unaufgeregt mittlerweile unsere Buchhaltung. Und wir haben hier oben noch mitten zwischen der Galerie quasi zwischen den beiden Seiten eine Hochebene eingezogen, wo die sogenannte Almhütte steht. Mittlerweile also ein kleiner Meetingraum, den wir oben unterm Dach eingezogen haben. Über uns sehen wir die alten Balken der Kirche, wo noch christliche Sprüche und Zitate drauf sind, auch denkmalgeschützt: "Ich bin der gute Hirte".

Wie lange mussten die Elbdudler suchen, bis sie eine so außergewöhnliche Location fanden?

Christopher Rohs:
Leider ist die die Realität ganz banal. Wir haben nach einem größeren Büro gesucht, 2012 und da haben wir die Kirche tatsächlich auf einer Immobilienplattform gefunden und ja, das war quasi Liebe auf den ersten Blick. Man vergisst es hier und da, wenn man tagtäglich hier sitzt, aber es ist natürlich dann doch so ein besonderer Charme so und gerade für uns im Kreativ-Kontext, da passt das Gebäude einfach.

Und ist das ein besonderes Gefühl, in einer Kirche zu arbeiten?, will ich wissen.

Christopher Rohs:
Ehrlich gesagt im Tagesgeschäft nicht. Also ich würde uns nicht als besonders christlich jetzt hervorheben wollen. Ich glaube, das wäre falsch, aber es ist, ich glaube, die Ehrfurcht ist vielleicht so, was man am ehesten dann doch mit sich bringt, wenn man reinläuft. 

Das empfinde ich auch. Obwohl ich doch eigentlich in einem Büro bin – der Kirchenraum wirkt weiter. Und manchmal stehen Menschen plötzlich im Kirchenschiff und merken: Hier war einmal ein Stück Biografie.

Christopher Rohs:
Ja, so spannende Erlebnisse ergeben sich eigentlich tatsächlich immer, wenn Menschen vorbeikommen, die dann auf einmal im Kirchenschiff stehen und sagen: Hier wurde ich mal getauft zum Beispiel. Das sind immer ganz interessante Begegnungen und wir lassen die Leute ehrlich gesagt dann auch immer gern mal rein, weil wir es irgendwie schön finden, dass sie so die Möglichkeit haben, einmal in ihre Vergangenheit irgendwie zu blicken und dann so ein bisschen ja mit Neugier auch darauf zu schauen, was wir hier so machen, tagtäglich und was daraus geworden ist.

Draußen bleibe ich noch einmal stehen. Früher: Orgel und Kirchenlieder. Heute: Buchhaltung. Und trotzdem: Der Engel im Fenster ist derselbe. Vielleicht ist das der Schmerz – und vielleicht auch der Trost.

Meine nächste Station des Osterspaziergangs zu entwidmeten Kirchen führt mich in die Pfalz, nach Altleiningen. Ein verträumter Ort. In der Dorfmitte: ein Café, ein Metzger – und gegenüber eine kleine Kirche. 200 Jahre lang beteten hier mennonitische Christinnen und Christen. Seit ein paar Jahren gehört das Gebäude dem Architekten Wolfgang Barthel.

Innen: Kanzel, Fenster, Licht. Und dann das Unkirchliche: ein Sofa, eine Küche, oben auf der Empore ein Doppelbett. Wolfgang Barthel hat aus der Kirche gemeinsam mit seiner Frau eine Ferienwohnung gemacht.

Wolfgang Barthel:
Es gibt ja auch so ein paar Besonderheiten, auf die man reagieren muss, ja, der Boden steigt vom Eingang bis hier um zwölf Zentimeter an, dann kommt die Stufe, und das soll natürlich eine gewisse Erhabenheit auslösen und vielleicht auch eine gewisse Demut von dem, der da reinkommt. Die Längen-Breiten-Verhältnisse von der Kirche sind genau nach dem Goldenen Schnitt ausgerechnet. …  Und Sie haben hier noch ein Rednerpult gehabt und eine kleine Heimorgel zur Begleitung des Gesangs und da oben eine Schrift, mit der Hand schön gezogen, ja, schöne Typografie: "Ihr aber seid alle Brüder, ich bin euer Meister." Da haben wir lange überlegt, ob wir das Bibelwort stehen lassen. Und dann hat Annette, meine Frau, gesagt: "Das geht so nicht, wenn wir das stehen lassen, dann müssen wir es abwandeln, nämlich ihr seid alle Brüder und Schwestern." Und dann hat unsere Tochter gesagt: "Dann muss es aber heißen: ‚Ihr aber seid alle Brüder und Schwestern und Diverse.‘"

Wolfgang Barthel ist Sohn eines Baptistenpfarrers. Mit dem Glauben, wie er durch Kirchen vermittelt wird, kann er nicht mehr viel anfangen. Und doch spüre er bei vielen Gästen eine besondere Scheu vor diesem Raum.

Wolfgang Barthel:
Eine Frage wird oft gestellt: Wie das denn eigentlich ist so mit geweiht und entweiht und diesen Dingen ja. Und das ist bei den Mennoniten so, dass so eine Kirche kein sakrales Gebäude ist. Die kennen diese Begrifflichkeit gar nicht. Das ist: Ein Haus ist ein Haus ist ein Haus. Ja, deshalb kann man es auch verkaufen, ohne dass man irgendeinen rituellen Vorgang ablaufen lassen muss. Und das beruhigt die Leute dann. 

Neben der früheren Kanzel liegt ein Gästebuch. Zwei Einträge reichen, um zu verstehen, was hier passiert.

Wolfgang Barthel:
Die Aura dieser Tage an diesem besonderen Ort war eine wunderbare, reizvolle Zusammenführung von Denkmal und Modernität. Hier ist ein großzügiger Raum für Bewegung, Klang und Ruhe. Eine schöne Einstimmung zur Vorweihnachtszeit. Patricia und Gerhard.

Was für ein magischer Ort! Wir haben all die Details genossen. Den wunderbar angelegten Garten und das knisternde Feuer, welches unsere munteren und schönen Gespräche begleitet hat. Amen. Herzlichen Dank.

Ich setze mich aufs Sofa, schließe die Augen, höre in Gedanken Gebete, Tränen, Lieder. Und dann ist da diese Stille, die nicht leer ist. Der Raum ist ein durchbeteter Raum. Vielleicht bleibt das – selbst wenn oben ein Bett steht. 

Später mache ich tatsächlich Mittagsruhe auf diesem Sofa. Ich blicke zur Kanzel und stelle mir im Zeitraffer vor, wie viele Menschen hier gesessen haben: mit Hoffnung, mit Schuld, mit Dank. Und jetzt: Urlaub. Feuer im Ofen. Knistern. Ein "Amen" im Gästebuch. Ich muss zugeben: In einer Kirche habe ich noch nie geschlafen. Höchstens mal kurz weggenickt – Sekundenschlaf, ausgelöst durch eine langweilige Predigt. Dieser Schlaf hier ist dagegen richtig erholsam. Und ich denke: Vielleicht müssten in Kirchen mehr Sofas stehen – und es müsste weniger gepredigt werden.

Meine nächste Station: Mönchengladbach. St. Peter. Ein gewaltiger Bau. 1933 eingeweiht, 74 Jahre später die letzte Messe – dann Entwidmung, Leere, die Frage: Was nun?

Simone Laube:
Als wir hier im Pfarrbüro angefragt haben, da war es so, dass der Pfarrer drei Tage da war, ein neuer Pfarrer. Und der hat uns nachher gesagt, er hätte gedacht, die Nachfahren von Luis Trenker stünden vor der Türe. Und als wir kamen, gab es keine Powerpoint-Präsentationen, sondern wir sind einfach mit dem Collegeblock da reinmarschiert. Und haben gesagt: Wir haben einen Traum, aber wir brauchen Hilfe.

Simone Laube erzählt vom Jahr 2010. Ihr Traum: eine Kletterkirche. Kein Kommerz, sondern ein Ort, der Menschen zusammenbringt. Doch zuerst mussten Regeln geklärt werden: Was darf bleiben, was darf verschwinden?

Simone Laube:
Man wusste zum Beispiel nicht: Darf der Altar abgerissen werden oder darf er bestehen bleiben? Darf er umbaut werden, darf er sichtbar sein oder nicht? Diese Dinge wusste man nicht. Die mussten erst geklärt werden, und das dauerte. Wie ist es möglich, dass wir sakrale Gegenstände sichtbar lassen, zum Beispiel die Bänke? Die wollte niemand und wir haben diese gesamte Gastro mit den ehemaligen Kirchenbänken gebaut. Und alle Fenster sind sichtbar geblieben. Das Taufbecken ist sichtbar geblieben. All diese Dinge wollten wir vereinen, weil es halt mit der Philosophie des Klettersports übereinstimmt. 

Schnell wird mir klar: Hier geht es um mehr als Sport. Beim Klettern hängt das Leben am Vertrauen.

Simone Laube:
Beim Klettern geht es nicht darum, wer als erstes den Ball ins Tor schießt, sondern es geht darum, dass man sicher ist, dass man bewusst Kontrolle abgibt und der andere ganz bewusst die Verantwortung für mich zum Beispiel als Kletterer übernimmt und sagt: "Ja, du bist sicher." Das ist eine ganz besondere Philosophie. In den Bereichen kommt es auch zu ganz anderen Gesprächen. Man öffnet sich, man weiß: Ich bin hier sicher. Man spricht über Ängste, was gerade in der heutigen Zeit so gut wie gar nicht mehr der Fall ist.

Im Kirchenschiff ragen Kletterwände auf, unten ein Café. Und doch ist die alte Idee noch da: Menschen tragen einander.
Im Foyer hängen Fotos aus alten Kirchenzeiten: Prozessionen, geschmückte Kleriker, volle Reihen. Wo sich früher Priester umzogen, duschen heute verschwitzte Kletterinnen und Kletterer. Es ist ein harter Schnitt – und zugleich wirkt es, als würde der Raum einfach weiterarbeiten: nur mit anderen Menschen, anderen Bewegungen, anderen Bitten.

Simone Laube:
Wir haben unglaublich viele Familien hier. Wir haben sehr viele Institutionen, Menschen mit körperlicher oder geistiger Beeinträchtigung, Menschen mit Multipler Sklerose, die hierherkommen. Schlaganfallpatienten, die anfangen, eigenständig an ihrer Bewegung zu arbeiten. Das hat am Anfang niemand gewusst, dass das so wird.
Zum Beispiel haben wir ja auch Institutionen, die mit Angst oder Suchtpatienten kommen. Da steht man auch schon mal weinend am Seil und sichert. Weil man einfach so gerührt ist, dass jemand, der so schlimme Angst hat, einem das Vertrauen schenkt, das doch zu machen.

Ich ziehe Kletterschuhe an und wage ein paar Züge. Die Matte beruhigt mich. Ein Satz aus Kindertagen steht plötzlich im Raum: "Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand."

Unten zischt die Cappuccino-Maschine. Ich erzähle Simone Laube von meinen Gedanken – und staune über ihre Erfahrung.

Simone Laube:
Ich behaupte einfach mal: Es gibt hier mehr Stoßgebete als in ganz vielen anderen Kirchen.

Das ist tröstlich: In vermeintlich aufgegebenen Kirchen könnte heute mehr gebetet werden als vorher. Wenn Kirchen profaniert oder entwidmet werden, muss das nicht bedeuten, dass der Glaube dort nicht weiter gelebt wird. 
Die Architektur, die Kirchenfenster, manche alten Ornamente und auch immateriell die Gebete, die in den Kirchenräumen gesprochen wurden: Diese Überbleibsel der Vergangenheit wirken für sich und auch ohne kirchlichen Auftrag. Und das Ostermorgenlicht wird sowieso weiter in sie hineinleuchten.

Dass Kirchengemeinden manche ihrer Gebäude abgeben – das ist unvermeidlich. Mit Fantasie und unternehmerischem Mut ist es möglich, in die alten Räume neues Leben hineinzulassen – und darin Gott wieder zu entdecken. Denn immerhin: In die umgebauten Kirchen kommen nun auch Menschen, die vorher keine Kirchen besucht haben. Kirchen, die alten und die neu genutzten, werden zu Räumen für Kreativität, für gute Gespräche bei knisterndem Kaminfeuer. Räume für die Erfahrung: Ich bin sicher, ich werde gehalten. Räume, die man beschwingt verlässt. Das nehme mich mit hinein in diesen Ostersonntag.  

Es gilt das gesprochene Wort.

Musik dieser Sendung: 

1. Take me to Church, Hozier
2. Let The Church Say Amen, Andrae Crouch
3.  Church, Tasha Cobbs Leonard
4. My Church, Maren Morris
5. Church In The Wildhood, June Carter Cash
6. Climbing Higher Mountain, Aretha Franklin
7. Crying in the Chapel, Elvis Presley
8. Church, Coldplay
9. Sounds of Silence, Pat Metheny