Kassing / fundus-medien
Schiefe Klänge
Jede:r singt anders, trotzdem gemeinsam
10.05.2026 07:05

"Du singst besser nicht mit, sondern bewegst nur die Lippen." Diese Erfahrung kennen einige aus Chören – auch aus Kirchenchören. Warum gilt gemeinsames Singen nur als schön, wenn es möglichst einheitlich ist?

Sendetext:

Die menschliche Stimme. Sie ist individuell. In ihr hört man viel von der Biografie eines Menschen. Wie wurde ich angesprochen, in welcher Höhe, mit welcher Sprache und welcher Gefühlslage? Wie klang meine Stimme als Kind? Wie hat sie sich verändert, als ich erwachsen wurde? Das hört mit dem Älterwerden nicht auf, im Gegenteil. Wie eine Stimme klingt, erzählt vom Innenleben eines Menschen. Was ich fühle, überträgt sich auf meine Stimme. Jede kleine Unsicherheit schwingt mit. Die Stimme ist nie dieselbe. Sie kann einmal weich klingen oder einmal angespannt, brüchig oder volltönend. 

Das gilt besonders für die Singstimme. Klar und rein singen können, ist eine Begabung. Gleichzeitig kann man Singen üben. Es ist gut, wenn jemand zu seiner oder ihrer Stimme findet. Wenn sie oder er entdeckt: Das sind meine Möglichkeiten an Klängen. Sie sind mehr und weiter, als ich ursprünglich gedacht habe. Und: Ich kann damit andere Menschen bewegen und anrühren.

In dem französischen Film aus dem Jahr 2004 "Die Kinder des Monsieur Mathieu" gibt es eine Schlüsselszene für die rettende Kraft des Singens bei einem ungewöhnlich guten Chor. In dem Spielfilm macht ein zugezogener Hilfslehrer, Clement Mathieu, aus einer Gruppe von schwer erziehbaren und wilden Jungs etwas Neues. Er rettet die Kinder vor ihrem Anderssein, durch das Singen. Für den Höhepunkt des Filmes ist der Knabenchor vor einem adrett angezogenen Publikum aufgestellt. Alle tragen weiße Hemden, stehen mit gekämmten Haaren aufrecht und aktiv, die Hände hinter dem Rücken. Sie singen.

Wenn wilde Jungs so schön singen können, müssen sie brav geworden sein. Sowohl Clement Mathieu als auch das Publikum sind entzückt. Jetzt, endlich, ist aus diesem Haufen von Chaoten eine Gruppe geworden. Sie sind zusammengewachsen. Der Hilfslehrer hat mit dem Singen die resozialisiert und in die Gesellschaft zurückgebracht, die nicht reingepasst haben. Der Gesang repariert und rettet die Jungen. Das nostalgische Musikdrama erreichte zehn Millionen Zuschauer und wurde beworben mit den Worten "Gänsehaut garantiert". 

Aber wenn ich mir die Szene genauer anhöre und anschaue, entwickelt sich ein Unbehagen. Der Film zeigt hier nämlich, wie eine Einzelstimme in die Gruppe aufgenommen und angepasst wird. In der Szene bleibt ein Junge, er heißt Pierre, zunächst immer noch anders als die anderen, räumlich abgetrennt. Er trägt kein weißes Hemd. Er steht in einer Ecke, mit wütendem Blick. Dann streckt Monsieur Mathieu ihm eine geöffnete Hand einladend entgegen. Pierre stößt sich von der Steinmauer ab, richtet sich auf, nimmt die Hände hinter den Rücken. Dann beginnt auch er zu singen. Seine Stimme verstärkt und übernimmt die Gruppe. Pierre verkörpert Talent, Empathie und persönliche Wandlung durch Musik. Erst ist er im Film rebellisch und distanziert, dann selbstbewusst durch die Kraft seiner Stimme. Er wiederholt, was die anderen schon geschafft haben. Das macht ihn stärker und sicherer. Aber erstmal musste er sich anpassen.

Dann gibt es noch ein Detail. Ein anderer Junge ist größer als seine Altersgenossen. Er fängt mit dem ersten Taktschlag von Mathieu auch an mitzusingen. Doch der Hilfslehrer schüttelt den Kopf. Er ist nicht gut genug, um mitzusingen. Mathieu holt ihn nach vorne und lässt ihn die Noten halten. Das kann man als Inklusion verstehen, weil er einbezogen wird. Aber ich werde das Gefühl nicht los: Er bleibt ausgeschlossen.

Clement Mathieu versteht Singen im Chor als soziales Besserungs-Training. Es geht darum, einen vorgegebenen perfekten, hohen, reinen Klang zu erreichen und sich selbst zu verändern. In Anpassung an die Noten und an den Lehrer entsteht Gemeinschaft. 

Geht es auch anders? Ohne Vereinheitlichung. So, dass jede Stimme in ihrer individuellen Klangfarbe zur Geltung kommt und trotzdem auf die anderen abgestimmt ist. 

Chor-Singen liegt im Trend. Viele finden, es ist ein erhebendes Erlebnis, wenn aus vielen Stimmen ein Klangkörper wird. Der und die Einzelne spürt dabei die Macht der Musik, die verbindet. Studien zeigen, dass Chorsingen das Cortisol-Level reguliert und wirksam ist gegen Vereinsamung und Depression, Stress und Angst. Ähnlich wie Yoga fördert Chorsingen das Immunsystems und trainiert das Atmen. (1)

Durch den gemeinsamen Gesang entdecken Menschen sich selbst neu und treten mit anderen in Kontakt. 42,6 Millionen Amerikaner*innen und 2,14 Millionen Brit*innen singen regelmäßig in Chören. Ungefähr 5 Millionen Deutsche sind in über 60.000 Chören organisiert. Das ist eine erstaunlich große und kulturell bedeutende Gruppe. 

Kirchen haben schon lange mit klassischen Chören ebenso wie seit einiger Zeit mit Popmusik-Beauftragten das Singen als Rückgrat und als Reformgruppe verstanden. Die Evangelische Kirche in Deutschland ist gerade dabei, ein neues Gesangbuch auszuprobieren. Dem Wandel des Singens folgt ein Wandel der Kirche und des Gottesdienstes – und auch der Vorstellung davon, wie man beim Singen Gott erleben kann.

Gesang ist weit über die Kirchen hinaus ein universeller Bestandteil der menschlichen Kultur. Manche behaupten: Gesang und Sprache haben sich in der Evolution des menschlichen Gehirns gemeinsam entwickelt. Gesungen wird beim Fußballspiel, in der Kirche oder unter der Dusche. Das macht Laune. Es drückt Gefühle aus. Oft wird Singen als ein Gefühl der Verbundenheit mit etwas Größerem beschrieben. Singen ist eine Form, Sinn zu finden. Es hat dadurch eine spirituelle Dimension. Das findet nicht nur im Kopf statt. Beim Singen ist der ganze Körper beteiligt: der Atem, die Stimmbänder, der Hals, das Zwerchfell, meine Haltung, wie ich stehe oder sitze. All das spielt beim Singen eine Rolle.

Aber was ist mit denen, die nicht gut singen können, wie der Junge im Film "Die Kinder des Monsieur Mathieu"? Was ist mit den Stimmbrüchigen, die ihre Stimme durch Hormonveränderungen aller Art nicht klar in das Muster von Sopran-Alt-Bass-Tenor einpassen können – oder wollen? Ist es wirklich Teilhabe, wenn alle zu einer einheitlichen Stimme finden müssen, wenn eben nicht alle dabei sein dürfen? Wo und wie wird nicht nur Perfektion, sondern auch Vielfalt hörbar?

Wo gibt es Räume des Singens, in denen ich so singen darf, wie ich singen kann, auch wenn es brüchig, brummig, unsauber klingt? Als Pfarrer kenne ich den etwas peinlichen Moment: Ich versuche zum Beispiel bei einer Trauung die Leute zu animieren mitzusingen. Ich sage dann so etwas wie: "In Gottes Ohr sind alle Stimmen schön." Aber kaum jemand traut sich. Vielleicht sind wir in unserer Kulturgeschichte tatsächlich darauf trainiert, dass Singen perfekt klingen muss oder man lässt es lieber ganz. Vielleicht gibt es die Vorstellung: Nur die klaren, reinen Stimmen erreichen Gott. 

In der Corona-Zeit wurde besonders gefragt: Welches Singen ist wichtig? Weil die mehr oder weniger Geübten in der Gemeinde nicht gemeinsam singen durften, setzten viele Kirchengemeinden auf Solist:innen oder kleine professionelle Gesang-Ensembles, die mit Abstand zueinander gesungen haben. Das war ein schönes Hörerlebnis. Aber für mich war das kein Ersatz für das gemeinsame Singen. Damals wurde mir klar, warum Martin Luther den Gemeindegesang so geschätzt hat und warum er so typisch evangelisch ist: Er ist so herrlich normal, allsonntäglich. Alle sind einbezogen, wenn sie es wollen. Priestertum aller Getauften, heißt das in der evangelischen Theologie. Das ist die Glaubensüberzeugung: Es braucht keine Mittlerinnen oder Mittler zwischen mir und Gott. Jede und jeder hat unmittelbaren Zugang zu Gott.  

Neben den Solist:innen in den Gottesdiensten während der Corona-Zeit gab es aber auch digitale Experimente für das Singen. Am Music Centre der Winchester Cathedral entstand ein Zoom Peace Choir, also ein Friedenschor. Damals konnte man über das Online-Videokonferenzsystem Zoom noch nicht gemeinsam singen. Das Programm entschied, welche Stimme die dominante ist. Alle anderen wurden nicht übertragen. Die Probleme der Technik machte der Peace Choir zur Tugend. Er begann mit einer neuen, eigentlich ganz alten Gesangstechnik, dem Droning. Das ist ein dröhnender, summender Dauergesang. So hat der digitale Chor Zoom ausgetrickst. Denn das System konnte in dem Brummen und Summen keine dominante Stimme herausfiltern. 

Droning ist eine wunderbare Weise und Übung für inklusives Singen. Droning ist einfach. Jede und jeder kann mitmachen. Das Zoom-Programm springt von einer Stimme zur nächsten, die sich aneinander annähern. Man kann dabei auch das eigene Mikrophon auslassen, mitsingen und sich an das gemeinsame Tönen anpassen – dabei sein, ohne übertragen zu werden.

Der Zoom Peace Choir hat, gerade durch diese Schutzmechanismen, viele Menschen dazu gebracht hat, wieder zum Singen zurückzufinden. Teilnehmende berichten, dass sie auf ganz neue Weise zu singen gelernt haben. Sie haben zuerst etwas verlernt: Sie haben sich von der Vorstellung verabschiedet, dass Gesänge nur dann etwas in der Kirche und in der Gemeinschaft zu suchen haben, wenn sie rein, klar und perfekt klingen. Sie mussten nichts erreichen, leisten, zeigen oder darstellen. Sie hatten nicht das Gefühl, von anderen beurteilt zu werden. Ein Teilnehmer hat gesagt: "Zuerst war es seltsam. Ich musste meiner eigenen Stimme zuhören. Ich dachte, ich werde das wohl nicht hinkriegen. Aber ich wurde immer sicherer beim weiteren Singen, und dann wollte ich nicht mehr, dass es aufhört. Ich habe selbst mehr improvisiert. Ich fühlte mich verbunden mit der ganzen Welt. Es war eine gute Erfahrung." (4) 
Viele Sängerinnen und Sänger machen das ja schon lange so. Wer den Text nicht weiß, aber dabei sein möchte, summt mit. Ich finde, Summen ist ein unterschätztes Mittel der Beteiligung.

Die Kirchen-Online-Chöre sind wieder verschwunden und vieles von dem, was sie uns hätten lehren können. Aber es gibt immer mehr Online-Chöre außerhalb der Kirche. Digitales Chorsingen kann nicht nur für Menschen mit eingeschränkter Mobilität, sondern auch mit unterschiedlichen Befähigungen ein Flaggschiff für digitale Inklusion werden. Wenn ich mich laut oder stumm schalten kann, Videofunktion ein oder aus, dann spielt es keine Rolle, wie ich aussehe, wie alt ich bin, ob Mann, Frau, non-binär, divers, ob gut situiert oder knapp bei Kasse.

Ich finde, wo gemeinsames Singen gelingt, wenn sich genug Menschen sicher und beteiligt fühlen, dann ist es das Spirituellste und Inklusivste, das ich erleben kann. Gänsehaut garantiert. Dann vermischen Menschen ihre Stimmen in einer Vielfalt, in der man auch mal abweichen, sich auch mal anders ausprobieren kann.

Ich mag den ganz normalen, brüchigen, mittelmäßigen Gemeindegesang. Ich gehe in eine x-beliebige Kirche. Mal sind nur knapp zehn Menschen da, mal sind es viel mehr. Kann sein, dass nicht alle den Ton treffen oder nicht beim Tempo der Orgel mitkommen oder nicht jeden Einsatz finden. Aber wir singen gemeinsam. So schlecht oder so gut, wie wir das können. Es gibt die sicheren Stimmen, an die ich mich anlehnen kann, und die brummenden, die auch dazugehören. So ein Grundrauschen, in dem ich mich ausprobieren und fallen lassen kann. 

Ich steuere meinen Klang und meine Töne bei und beeinflusse das ganze Klanggewebe, ohne dass man gleich hört, dass ich diese Töne von mir gegeben habe. Es muss mir nicht peinlich sein. Ich kann auch mal husten oder röcheln. Dann wird auch das kompensiert, und ich kann wieder neu einsteigen. Selten kann ich irgendwo so schön schief singen und zugleich so fürsorglich Kooperation und Gemeinschaft erleben. 

Mark Twain soll gesagt haben:
"Dance like nobody's watching. Love like you've never been hurt. Sing like nobody's listening. Live like it's heaven on earth."

Tanze, als würde niemand zusehen. Liebe, als wärst du nie verletzt worden. Singe, als würde niemand zuhören. Lebe, als wäre es der Himmel auf Erden. 

Chorsingen - nicht um Perfektion zu präsentieren, sondern als eine Form von Inklusion und Beteiligung. 

Das ist ungewohnt. Jahrtausende lang wurde die Vielfalt, die Unsauberkeit und das Schiefe des menschlichen Singens unterdrückt. Auch im Christentum. Der christliche Theologe Clemens von Alexandrien setzte schon 150 nach Christus Reinheit und Harmonie eines Liedes mit Jesus Christus gleich. Der Gesang bringe Menschen in die göttliche Sphäre, mache den Menschen zu einem heiligen Instrument Gottes, das körperliche Mängel überwindet. Über den Kirchenvater Augustinus und das Mittelalter, die Aufklärung und die Moderne setzt sich dieses Denken fort: Die Unterschiedlichkeit von singenden Körpern ist irgendwie suspekt. Wenn es einheitlich klingt, gilt es als schöner und näher dran an Gottes Harmonie und Klarheit. Nur die Stimmen, die diesem Schönheitsideal entsprechen, haben in dieser Tradition etwas mit dem Himmel zu tun.

Aber in der Bibel gibt es eine ganz andere Vorstellung, die die Unterschiedlichkeit des Körpers feiert. Der Körper der Gemeinde, so schreibt der Apostel Paulus an die Christ:innen in Rom, ist ein inklusiver, gleichberechtigter Körper. Jeder Teil ist wichtig. Es gibt nicht so etwas wie eine Kopfstimme und eine Bauchstimme. Keine herrscht über die andere. Jede und jeder gehört dazu mit ihren und seinen Stärken und Schwächen. Gerade so verkörpern sie gemeinsam das Leben und Wirken von Jesus von Nazareth. 

Der Gemeindegesang in der Kirche ist auch so etwas wie ein Körper aus ganz verschiedenen Teilen, mit Stärken und Schwächen. Gemeinsam bilden die diversen Stimmen eine Gemeinschaft in Jesus Christus. Nicht perfekt, nicht immer rein und sauber, nicht herrschaftlich. Aber gerade dadurch ein Klangkörper von Jesus Christus. Denn schließlich singen wir Christinnen und Christen in der Tradition des Wanderpredigers Jesus, der die Konventionen der Ästheten, Perfekten, Eliten und Geschulten angegriffen hat. Jesus hat alle zusammengeholt, die nicht so richtig passten. Sie mussten bei Jesus nicht perfekt werden. Aber sie haben durch ihn entdeckt, was und wer sie in Gottes Namen sein können. Bei Jesus Christus gibt es weder Mann noch Frau, weder Herr noch Sklave, und vermutlich kommt es nicht darauf an, ob jemand Sopran oder Bass, Tenor oder Alt singt oder in einer der vielen Stimmlagen dazwischen.

Schräg war dieser Jesus selber und sein Körper nicht rein und perfekt, sondern gebrochen und verletzt. Und Jesus sagte: "Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid!" Also auch und besonders die brummelnden, heiseren und unsicheren Stimmen und die dazwischen. All die Töne und Klangfarben machen ein gutes Leben aus. Wirklich alle Stimmen sind schön, wenn wir sie auf ihre eigene Weise schön sein lassen. 

Es gilt das gesprochene Wort.

Musik dieser Sendung:
1. La Nuit, aus: "Die Kinder des Monsieur Mathieu"
2. The Lumineers, Ho Hey
3. Ola Gjeilo, Northern Lights, Ubi Caritas
4. Aleksandrs Hromcovs, Luke Melville, and Callum Robert Melville, Lost Serenity
5. Bill Withers, Lean on Me
6. Arvo Pärt, Schmetterlinge

Literatur dieser Sendung:
1. Bertram Schirr, Singende Körper, gesungene Körper, Pastoraltheologie 83 (2019), 83-98.
2. Laya Silber, Bars behind bars, the impact of a women’s prison choir on social harmony, in: Music Education Research 7, 2 (2005), 251-271.
3. Martin Ashley, Singing, gender and health, perspectives from boys singing in a church chour, in: Health Education 102, 2 (2002), 180-186.
4. https://www.wholeworld-view.org/news/2020/4/29/zoom-choir-for-peace
5. Janine Hacker et al., Musik als Brücke, Überlegungen zum inklusiven
Potenzial von Online-Chorsingen, HMD Praxis der Wirtschaftsinformatik (2025) 62:1444–1462, Berlin: Springer.