gemeinfrei via wikimedia commons / Matthias Grünewald
Auszug Isenheimer Altar in Colmar
Prophet, Prediger, Palast-Opfer: Johannes der Täufer ruft kompromisslos zur Umkehr auf und lebt sie selbst. Sein Klartext gibt Mut zu einem anderen Leben – damals wie heute.
Jenseits der Komfortzone
Was der Täufer Johannes heute zu sagen hat
14.12.2025 07:05

Prophet, Prediger, Palast-Opfer: Johannes der Täufer ruft kompromisslos zur Umkehr auf und lebt sie selbst. Sein Klartext gibt Mut zu einem anderen Leben – damals wie heute.

Sendetext lesen:

Der Mann auf dem Gemälde fesselt mich. Er ist mittleren Alters. Wie ein wilder Kerl sieht er aus mit seinen langen, lockigen Haaren. Sein Körper steht aufrecht. Er ist eher dürr, bekleidet nur mit einem sackartigen Gewand. Seine rechte Hand hält er in die Höhe, den Zeigefinder mahnend erhoben. Vor den Füßen des Mannes steht ein silbernes Tablett. Darauf liegt ein Kopf - mit seinem Gesicht. Offenbar ist es sein Kopf. Abgeschlagen. Was hat es damit auf sich? Dazu später mehr.

Erst einmal möchte ich bei dem Gemälde bleiben. Es ist eine Ikone, ein Heiligenbild. Es zeigt Johannes den Täufer als einen starken, unbeugsamen Mann. Mich lässt sein Blick nicht mehr los. Seine Augen schauen mich so intensiv an, als könnten sie mir tief in die Seele blicken. Ich höre ihn sagen: "Mach mir nichts vor! Und dir selbst auch nicht. Werde, was du sein sollst."
Ob Johannes einer ist, von denen wir heute mehr brauchen? Das frage ich mich. Denn die Welt ist in Unordnung. Viele sind verunsichert, stehen unter Stress, bangen um die Zukunft. 

Da braucht man Leute, die keine Angst haben. Die auch unbequeme Wahrheiten aussprechen und Orientierung geben. Die zudem persönlich so glaubwürdig sind, dass man ihnen das auch abnimmt. Ist der Täufer Johannes so einer? Das will ich herausfinden.

Miriam
Wer war Johannes, der den Beinamen "der Täufer" trägt? Nach Jesus ist er unangefochten die Nummer Zwei in den Evangelien der Bibel. Niemand sonst kommt dort so prominent und häufig vor wie Johannes der Täufer. Was macht ihn so wichtig? Darüber würde ich gerne mit Personen aus seiner Zeit sprechen. Leider kann ich das nicht. Aber ich kann es mir vorstellen und lasse sie aussprechen, was ich über Johannes herausgefunden habe.

Meine erste Zeitzeugin nenne ich Miriam. Sie lebt in Jerusalem und ist eine Jüngerin von Johannes. Sie beantwortet meine Frage: "Was hat dich zu Johannes an den Jordan gezogen?"

Miriam antwortet: "Meine innere Leere. Jeden Tag rackern, die Familie durchbringen - und innerlich im Grunde genommen nicht wissen, wofür. Das Leben fühlte sich falsch an. Die Herrschaft der Römer saugte uns aus. Unsere eigene Elite hatte sich damit arrangiert. Sie war korrumpiert. Die Priesterschaft am Tempel zelebrierte ihren Kultus, aber der fühlte sich für mich nicht mehr lebendig an. Da war kein Sinn mehr zu spüren." 

Und dann erzählt Miriam, was bei Johannes anders war: "Er lebte als Prediger in der Wüste einfach und echt. Er lebte, was er predigte. Er sagte nicht: ‚Haltet durch, das muss so sein. Das lässt sich nicht ändern. Später wird alles besser.‘ Johannes sagte vielmehr: ‚Stopp! Kehrt um! Tut Buße! Lebt jetzt anders, denn Gott und sein Himmelreich sind nicht mehr fern.‘" 

Miriam beschreibt den Täufer: "Johannes war mutig und auch radikal. Er kritisierte den König und seine Frau. Er kritisierte die Priester und die lauen Gläubigen. Er kritisierte einfach alle. Er legte ihre Doppelmoral offen, brandmarkte ihre kleinen und großen Gaunereien. Das machte er so gut, dass man es ihm abnahm. Er war der Prophet, der im Auftrag Gottes die Menschen zurechtstutzte. ‚Jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen‘, so drohte Johannes. Aber er sagte auch, wie man besser leben kann, im Einklang mit Gott. Zum Beispiel, indem man seinen Überfluss teilt: ‚Wer zwei Hemden hat oder mehr als genug zu essen, der soll davon denen etwas abgeben, die das nicht haben.‘ Den Zöllnern sagte er: ‚Nehmt nur den rechtmäßigen Steuersatz, nicht mehr.‘ Den Soldaten sagte er: ‚Tut niemandem Unrecht und habt genug an eurem Sold.‘"

Johannes hat gepredigt, dass man Buße tun soll. Was Johannes damit meint, hat Miriam erlebt. Sie sagt: "Dazu gehörte für Johannes, dass man ehrlich und liebevoll mit seinen Mitmenschen umgeht. Davon war ich beeindruckt, geradezu begeistert. Da wollte ich dazugehören. Wie viele andere auch. Wir ließen uns taufen. Erfrischt und gereinigt an Körper und Seele bin ich aus dem Wasser des Jordan gestiegen. Als neuer Mensch kam ich wieder nach Hause. Dort wartete das normale Leben auf mich. Aber es fühlte sich jetzt anders an. In mir brannte das Feuer des Glaubens, das Johannes entfacht hatte. Und das gab mir den Mut, anders aufzutreten. Frei im Angesicht Gottes. Als ich von seinem Tod hörte, war ich schockiert und traurig."

Herodes Antipas
Wer war Johannes der Täufer? Was ich über ihn herausgefunden habe, entfalte ich fiktiv im Gespräch mit Personen seiner Zeit. Nun bin ich bei Herodes Antipas. Er war damals König in Jerusalem, eingesetzt und abhängig vom Römischen Reich. 

Meine Frage an ihn lautet: "Du hast Johannes ins Gefängnis stecken lassen. Er hat dich und deine Frau Herodias heftig kritisiert. Warum hast du Johannes nicht einfach beseitigt?"

Seine Antwort überrascht mich. Er sagt: "So skrupellos bin ich nicht. In meiner Position als Herrscher muss ich zwar bereit sein, Menschen zu töten. Aber ich überlege es mir gut. Bei Johannes gab es zwei Gründe, ihn am Leben zu lassen. 
Zum einen: Er war bekannt, geradezu berühmt. Viele Leute verehrten ihn als Propheten, manche als Inkarnation des Propheten Elia oder sogar als Messias. Diese Leute wollte ich nicht gegen mich aufbringen. Selbst als absoluter Herrscher muss man immer auf die Stimmung im Volk achten. Man ist darauf angewiesen, dass die große Mehrheit mitmacht und sich still verhält."

Dann erzählt König Herodes Antipas von seinem zweiten Grund, Johannes nicht einfach gleich hinrichten zu lassen. Er sagt: "Ich habe Johannes persönlich geschätzt. Er war ehrlich, klar und innerlich frei. Als Herrscher ist man von vielen Leuten umgeben, die einem nach dem Mund reden. Johannes war das Gegenteil. Er kritisierte, dass ich mich mit Herodias eingelassen habe. Sie war die Frau meines Halbbruders und Mitkönigs. Sie und ich haben unsere Ehen gebrochen. Aus religiöser Sicht unmöglich, aus moralischer Sicht verwerflich. Johannes hat das klar ausgesprochen, was viele nur dachten. Johannes hatte Mut und Rückgrat. Das mag ich - sofern es mir nicht allzu sehr schadet. In diesem Fall hat es mir geschadet. Aber mir genügte es, ihn ins Gefängnis zu stecken. Da konnte er nicht mehr öffentlich predigen."

Ich frage: "Warum hast du ihn dann doch hinrichten lassen?"

Herodes antwortet: "Das war ein großer Fehler, ein schwacher Moment. Wenn man an der Macht ist, kann jedes Wort große Folgen haben. Bei Johannes war das so: An meinem Geburtstag gab ich ein Fest. Ich verwöhnte die feine Gesellschaft mit üppigem Essen, reichlich Wein und guter Musik. Dann trat die Tochter meiner Frau auf. Erblüht als junge Frau, atemberaubend anmutig. Sie tanzte so elegant, dass der Raum knisterte. Auch ich war betört und gab ihr einen Wunsch frei. Dabei dachte ich natürlich nicht an den Kopf des Johannes. Doch genau den verlangte sie. Alle Festgäste hatten gehört, was ich ihr versprochen hatte. Meine Glaubwürdigkeit stand auf dem Spiel, meine Ehre, mein Ansehen. Also ließ ich Johannes enthaupten. Damit hielt ich zwar Wort, doch mein Fehler quält mich in schlaflosen Nächten. 

Wenig später kam dieser andere hinterher, Jesus. Noch so ein Prophet. Der predigte das Gleiche wie Johannes: Buße, Umkehr, ein sinnerfülltes Leben durch Gottvertrauen. Zuerst dachte ich, dass Johannes gar nicht tot sei, quasi wiederauferstanden von den Toten, um mich an meine Schuld zu erinnern. Dann merkte ich: Das ist doch ein anderer. Diese Leute kann man töten. Aber ihre Ideen nicht. Auch nicht die Sehnsucht, die sie verkörpern: nach einem heilen Leben, nach Gerechtigkeit, nach Liebe. Diese Sehnsucht ist der Vulkan, auf dem du als Herrscher immer sitzt."

Salome und Elisabeth
Die Stieftochter des Königs, die tanzende Salome hat also den Kopf des Täufers Johannes gefordert. Ich frage sie: Warum?

Salome antwortet mir: "Von dieser Situation war ich völlig überfordert. Auf der Geburtstagsfeier meines neuen Stiefvaters sollte ich tanzen. Vor all den wichtigen Leuten. Ich war aufgeregt. Und jung. Ich war noch dabei zu lernen, welche Wirkung meine Jugend und meine Bewegungen haben können, insbesondere auf ältere Männer. Alle lagen mir quasi zu Füßen. Das war mir peinlich. Ich wusste nicht, was ich tun soll. Also lief zu meiner Mutter und fragte sie. Sie sah darin eine Chance, den Mann loszuwerden, der nicht aufhörte, sie zu kritisieren. Weil sie ihren Mann, also meinen Vater verlassen hatte. Der war zwar auch ein Königssohn, aber er hatte nichts geerbt. Deshalb hat sie sich lieber auf den Thronfolger eingelassen, auf Herodes Antipas. Der war allerdings auch schon verheiratet - doppelter Ehebruch also. Auf diese Weise wurde ich zur Stieftochter des Herrschers. Johannes kritisierte beide gleichermaßen. Aber meine Mutter traf die Kritik härter. Mächtige Männer können sich offenbar mehr herausnehmen als Frauen."

Salome spricht weiter: "Meine Mutter wollte Johannes zum Schweigen bringen. Deshalb sollte ich seinen Kopf fordern. Ich war schockiert und durcheinander. In meiner Not war ich einfach ein braves Mädchen und tat, was meine Mutter sagte. Dann wurde der Kopf von Johannes hereingebracht, auf einer Schale, in der noch sein Blut klebte. Da war ich entsetzt: Das wollte ich nicht. Meine Eltern haben mich benutzt. Mein Stiefvater hat mich mit dem Tanz zur Schau gestellt. Meine Mutter hat mich für ihre Zwecke eingespannt. Ich war noch nicht reif genug. Aber ich habe meine Lektion gelernt. Was ich tue und wie ich lebe, das hat Gewicht. Das hat Folgen für mich, für andere, für die Welt. Deshalb muss ich mir gut überlegen, was ich tue. Das kann mir niemand abnehmen. Und wenn ich etwas falsch gemacht habe, kann ich auch die Schuld auf niemanden abwälzen. So wurde ich erwachsen in einer Nacht."

Salome schweigt, und ich wünsche, sie hätte den Täufer Johannes selbst gehört. Denn der sprach davon, dass Gott die Schuld vergibt, wenn man sie bereut. 

Dann wandern meine Gedanken weg von der Königsfamilie hin zur Familie ihres Opfers, zur Mutter von Johannes dem Täufer. Seine Mutter heißt Elisabeth. Wie mag es ihr wohl gegangen sein, als sie vom Tod ihres Sohnes hörte? 

Sie könnte so geantwortet haben: "Es tat mir sehr weh. Auch weil sein Tod so sinnlos erscheint. Einfach niedergemacht von den Mächtigen, als Preis für einen Tanz. Aber überrascht war ich nicht, denn er lebte gefährlich. Johannes war nie nur unser Sohn, sondern von Anfang an auch ein Auserwählter Gottes. Ein Engel namens Gabriel hatte mir die Schwangerschaft vorhergesagt. Da war ich schon so alt, dass das eigentlich ausgeschlossen war. Er hat meinem Mann und mir gezeigt: Wunder sind möglich. Wenn Gott sie tun will. Seitdem bin ich überzeugt: Menschen können andere Wege einschlagen, auch wenn ihnen das niemand zutraut. Kinder können kommen, wenn es niemand mehr erwartet. Und ich habe als Mutter gelernt: Kinder gehören ihren Eltern nicht. Sie sind nur in ihrer Obhut. Irgendwann muss man sie gehen lassen. Sie müssen herausfinden, wohin ihr Weg führt. Der Weg unseres Sohnes war kurz, keine 40 Jahre. Aber intensiv. Ein Leben muss nicht lange dauern, um ein erfülltes Leben zu sein. Johannes hat große Spuren hinterlassen. In ihnen geht nun ein anderer weiter - Jesus. Er zeigt jetzt, wie es weitergeht mit Gottes Sorge für die Welt."

Elisabeth schweigt versonnen, und ich habe das Tandem vor Augen: den Täufer Johannes und Jesus Christus. Wie passen die beiden zusammen? Danach werde ich den Evangelisten Matthäus fragen. 

Evangelist damals und Johannes heute
Wie passen der Täufer Johannes und Jesus Christus zusammen? 

Das könnte mir der Evangelist Matthäus so erläutern: "An dem Täufer kam damals niemand vorbei. Alle kannten ihn als ‚Prediger oder Rufer in der Wüste‘. So bezeichnete er sich selbst und zitierte damit den Propheten Jesaja. Johannes predigte: ‚Habt Gottvertrauen. Kehrt um. Tut Buße, lebt auf das Himmelreich hin.‘ Genau das war auch die Botschaft von Jesus."

Ich frage Matthäus: "Waren die beiden Konkurrenten?"

Er antwortet: "So wollte ich das nicht sehen. Beide waren fast gleich alt. Beide predigten im Prinzip zur gleichen Zeit das Gleiche. Wir mussten klären, wie die beiden zueinanderstehen. Dazu gehörte, dass Johannes im Süden wirkte. Er lebte in der Wüste. Wüste – das bedeutete karges, bodenständiges Leben. Er erinnerte damit das Volk Israel an seine beste Zeit mit Gott, als es durch die Wüste wanderte. Zu Johannes pilgerten die Leute an den Jordan. Jesus war anders unterwegs. Er ging dorthin, wo die Leute lebten. Er sprach sie in ihrem Alltag an. Dafür zog er umher, vor allem im Norden, in Galiläa. Jesus erschien mir als sanft und zugewandt, Johannes eher schroff und impulsiv. Von Johannes war allgemein bekannt, dass er die Menschen am Jordan taufte. Das hat Jesus später übernommen. Aber erst einmal ist er selbst hingegangen und hat sich taufen lassen. Das ist für mich der Schlüsselmoment: Johannes tauft Jesus, und Johannes sagt dazu: ‚Ich bin nur der Wegbereiter für dich. Du bist der eigentliche Messias, du bist der Sohn Gottes.‘ So haben die beiden ihre eigenen Plätze füreinander und miteinander gefunden." 

Ich überlege: Wer wäre Johannes heute? Natürlich wäre er immer noch einer, der ausspricht, was er denkt. Aber nicht, um kaputt zu machen, sondern um die Lage konstruktiv voranzubringen. Er würde sicher predigen: "Kehrt um und haltet euch zu Gott. Dann braucht ihr keine Angst zu haben, denn es steht nicht alles auf dem Spiel. Gottes Liebe bleibt euch in jedem Fall. Also klammert euch nicht an dem fest, was ihr habt. Sondern lasst es los. Lasst euch von Gott leiten." 

Und was könnte er damit heute konkret meinen? 

Johannes könnte mahnen: "Bewahrt Gottes Schöpfung, zu der ihr gehört. Denn sie zu bewahren ist wichtiger, als euren Lebensstandard zu halten." Johannes könnte auch auf Jesus verweisen und sagen: "Seine Liebe gilt allen Menschen aus allen Ländern. Wer diese Liebe in sich spürt, hört auf, andere in Schubladen zu stecken, zu verachten oder gar zu hassen." 

Was Johannes zu sagen hat, passt gut in den Advent. Denn in diesen Wochen steigt die Sehnsucht nach einem heilen Leben. Und die Schäden am eigenen Leben und in der Welt schmerzen noch mehr. Man wünscht sich eine neue Hoffnung und eine neue Richtung herbei. Johannes würde heute wohl Mut zur Veränderung predigen und das Vertrauen säen: Das, was kommt, wird gut. 


Es gilt das gesprochene Wort.

Musik dieser Sendung:
1. Johann Joseph Fux: Sinfonia aus dem Oratorium "Johannes der Täufer"
2. Johann Joseph Fux, Sinfonia aus dem Oratorium "Johannes der Täufer"
3. Johann Joseph Fux, Madrigale aus dem Oratorium "Johannes der Täufer"
4. Johann JosephFux, Madrigale aus dem Oratorium "Johannes der Täufer"
5. Johann Joseph Fux, Sinfonia aus dem Oratorium "Johannes der Täufer"

Literatur dieser Sendung:
1. Matthäus 3,1-12 / Lukas 3,1-19
2. Matthäus 3,10
3. Lukas 3, 10-14
4. Matthäus 11,14
5. Markus 6, 20ff
6. Markus 6, 18f
7. Lukas 9, 7ff    
8. Markus 6,21ff
9. Lukas 1,5ff
10. Matthäus 11,7f / Jesaja 40, 3-5
11. Matthäus 3,13-17    
12. Matthäus 11,7ff