Gemeinfrei via Fundus/ Karsten Klama
Kindheitsort
Mit der eigenen Biografie in Berührung kommen
01.07.2026 06:35

Unser Autor fährt ein, zweimal im Jahr zu dem Ort, wo er als Kind gewohnt hat. Was weiß er heute von sich, was der Junge von damals höchstens ahnte? Was liegt heute vor ihm?

Sendetext:

Ein Ritual, das ich gern mag. Ein- oder zweimal im Jahr fahre ich in ein Dorf südlich von München. Hier stand mein erstes Elternhaus. Ich gehe die Straßen entlang, auf denen ich als Kind unterwegs war. Vor dem früheren Haus meiner Eltern bleibe ich stehen. Ich sehe das Fenster meines Kinderzimmers. Die grüne Hecke, die Pergola, die mein Vater selbst gebaut hat. Ich gehe weiter, zur Grundschule und zur Kirche, in der ich konfirmiert wurde, mit dem Kreuzgang, in dem im Sommer die Rosen blühen.

Ich war 14, als wir weggezogen sind. Das tat weh. Und dieser Schmerz hat mich lange begleitet, oft unbewusst. Irgendwann wurde daraus dieses Ritual, das mir guttut: Gelegentlich zurückkehren, sich umschauen und innehalten. Manches ist geblieben. Einiges hat sich verändert. Und vor allem: Ich selbst bin nicht mehr derselbe. Ich bin ein anderer geworden als der Jugendliche, der ich damals war.

"Wir haben hier keine bleibende Stadt, wir suchen die künftige." (Hebräer 13,14) So lese ich im Neuen Testament. Und man könnte man auch übersetzen. Wir suchen das Leben, das jetzt gerade wird. Es tut gut, sich dem eigenen Werden und Gewordensein zuzuwenden. Mit der eigenen Biografie in Berührung kommen. Erinnerungen hochkommen lassen, Bilder, Geschichten.

Im Rückblick auf mein Leben staune ich manchmal: Was ist da alles geworden? Manchmal kommt mir ein stilles Danke über die Lippen. Manches bleibt sperrig und ungelöst. Und manchmal sehe ich im Rückblick: Diese Wege mussten wohl genau so verlaufen, damit ich zu dem Menschen werden konnte, der ich heute bin.

"Wir haben hier keine bleibende Stadt." Das ist für mich keine Klage, sondern einfach eine Beschreibung des Lebens. Und darin liegt Freiheit: Nichts muss bleiben, wie es ist. Du darfst werden. Immer weiter werden. Du darfst dich ändern. Mutiger oder gelassener, wilder oder weicher. Zu keinem Zeitpunkt bist du fertig. Und dieses Nicht-fertig-Sein ist kein Versagen.

Wir sind nicht festgelegt auf das Hier und Jetzt. Wir suchen das Künftige. Suchen ist in der biblischen Originalsprache ein starkes Wort – kein beiläufiges Suchen, sondern eines mit Eifer, mit Liebe und Aufmerksamkeit.

"Gott kommt zu dir – und verkleidet sich als dein Leben." Diesen Satz habe ich bei Richard Rohr entdeckt, einem amerikanischen Theologen und geistlichen Autor.

Ein Satz, der in mir nachklingt. Gott verkleidet sich als dein Leben. Das eigene Leben ist der erste Ort, an dem ich Gott suchen und manchmal auch entdecken kann – weil Gott schon immer da ist, "verkleidet" und verborgen in den Ereignissen und Geschichten, im Werden und Wachsen meines Lebens.

Gott verkleidet sich als der Mut und die Sehnsucht des jungen Menschen, der auszieht und nicht weiß wohin. Als die manchmal hart erkämpfte Klarheit der Lebensmitte. Als die Dankbarkeit und auch die Enttäuschung des fortgeschrittenen Alters.

So schaue ich auf mein Leben und entdecke: Da war Liebe. Da hat sich etwas zum Guten gefügt. Da war Dunkelheit. Aber auch die finsteren Stellen in meiner Biografie wurden nicht zu meiner bleibenden Stadt. Sondern die künftige suche ich.

Wenn ich vor meinem früheren Elternhaus stehe und auf das Fenster meines Kinderzimmers schaue, dann sehe ich einen Menschen, den ich noch gut kenne – und der doch heute ein anderer ist. Der Junge, der ich mal war, wusste nicht, was aus ihm werden würde. Ich weiß heute auch nicht, was noch aus meinem Leben wird. Aber ich glaube: Gott weiß es. Und Gott kommt und ist schon da und verkleidet sich als mein Leben, das weiter im Werden ist.

Es gilt das gesprochene Wort.

Feedback zur Sendung? Hier geht's zur Umfrage!