Was macht gute Gastfreundschaft aus? Manchmal braucht es dafür nicht viel. Und manchmal erlebt man als Gastgeber mehr, als man erwartet hat.
Sendetext:
"Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt." (Hebräer 13,2, EÜ)
Zu diesem Vers aus der Bibel fällt mir ein Erlebnis vor ein paar Jahren ein. Ich bin in Taizé, dem Pilgerort in Burgund. Es ist nach dem Abendgebet. Menschen reden leise durcheinander, irgendwo singt jemand noch jemand. Der Prior der Gemeinschaft steht noch da – man kann ein kurzes Gespräch suchen, sich segnen lassen. Ich stelle mich an. Wir wechseln ein paar Worte. Dann fragt er plötzlich: "You have time for a meal with us tomorrow? Lunch?" "Hast du Zeit für ein Essen mit uns – morgen Mittag?"
Am nächsten Tag sitze ich mit den Brüdern der Taizé-Gemeinschaft und einem Dutzend Gästen beim Mittagessen. Erst Schweigen mit Musik. Dann Gespräche in verschiedenen Sprachen gleichzeitig – Französisch, Englisch, Polnisch, Deutsch. Es gibt Salat, Leitungswasser, ein Nudelgericht und ein kleines Glas Wein.
Der Prior begrüßt kurz die Runde und sagt, dass Florian aus München dabei ist – also ich. Nichts Besonderes. Und doch berührt es mich. Nicht weil ich wichtig oder interessant bin. Ich darf einfach da sein. Ein Gast sein.
Das ist Gastfreundschaft. Und sie funktioniert auch ohne großes Programm. Nicht die geplante bedeutungsvolle Geste, sondern der beiläufige Moment wird zu etwas Besonderem. Ein einfaches Mittagessen. Ein Name, der genannt wird. Ein Platz am Tisch.
"Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt." Wer sind die Engel in diesem Vers? In der Bibel bedeutet das Wort zunächst schlicht: Bote. Jemand, der etwas überbringt – nicht zwingend ein übernatürliches Wesen, sondern ein Mensch, der ohne es zu wissen eine Botschaft mitbringt. Etwas, das ich ohne ihn nicht erfahren hätte.
Szenenwechsel. Vor einiger Zeit kommt Jonathan zu mir – er heißt eigentlich anders. Er ist der Jüngste einer großen Familie in Syrien, der einzige Sohn und Familienerbe. Als seine Familie merkt, dass er anders lebt und liebt als erwartet, wird es gefährlich für ihn. Ihm droht der Tod. Er flieht und kommt nach Deutschland. Heute spricht er gut Deutsch und arbeitet in der Altenpflege.
Er erzählt mir von seinem Glauben. Er ist Christ geworden und hat sich taufen lassen. Er spricht davon, wie ihn Gottes Liebe trägt, durch alles hindurch. Durch Verlust, Flucht, beim Neuanfang in einem fremden Land.
Wenn er davon spricht, werde ich still. Mir wird bewusst, wie wenig mich mein Glaube bisher gekostet hat. Wie selbstverständlich ich in einer Kultur aufgewachsen bin, die mir nie gefährlich wurde. Jonathan war für mich ein solcher Bote. Ein Engel im Sinne des Bibelverses – jemand, durch den mir etwas aufgegangen ist, das ich allein nicht gesehen hätte.
"Vergesst die Gastfreundschaft nicht." Die christlichen Gemeinden zur Zeit des Neuen Testamentes waren Orte, an denen Sklaven und Freie, Juden und Griechen, Frauen und Männer am selben Tisch saßen. Für manche war das ein Skandal.
In Taizé erlebe ich etwas davon. Da sitzen Menschen zusammen, deren Herkunftsländer Krieg gegeneinander führen. Da tauscht sich eine begeisterte Katholikin aus Polen mit einem queeren evangelischen Mann aus den Niederlanden aus. Man sitzt zusammen. Man sucht gemeinsam Gott, betet und singt in den fremden Sprachen der anderen. In dem Bewusstsein: Wir sind alle hier Gäste. Und jede und jeder kann der anderen zum Boten werden.
Für mich ist das ein Impuls für diesen Tag heute: Du wirst Menschen begegnen, die durch ihr Leben eine Botschaft für dich haben. Lass dich überraschen. Und vielleicht wirst auch du – ohne es zu merken – durch deine Worte und dein Leben für andere zum Boten. Zum Engel.
Es gilt das gesprochene Wort.
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