Weggehen ist zuerst relativ leicht. Das Neue gibt viel Energie. Das Zurückkommen ist viel schwerer. Besonders, wenn man sich verrannt hat und mit seinen Plänen gescheitert ist.
Sendetext:
Es ist schon spät am Sonntagabend, als es bei uns am Pfarrhaus klingelt. Wer kann das jetzt noch sein?, frage ich mich. Ein junger Mann steht etwas verloren vor der Tür, etwa 16 Jahre alt, mit viel Gepäck. "Ich brauch mal Ihre Hilfe", sagt er schüchtern. Ich bitte den großgewachsenen Lockenkopf herein und schenke ihm eine Tasse Tee ein. Nach und nach erzählt er. Er ist am Morgen abgehauen von zuhause, mit dem Fahrrad. Ein mächtiger Streit mit seinen Eltern ist der Grund gewesen. Daraufhin hat der Jugendliche seinen Rucksack voll mit Konserven und Wasserflaschen gepackt, und dann nichts wie fort.
Auf den ersten Kilometern fühlt sich seine Flucht großartig an. Endlich frei, denkt er. Aber je länger die Fahrt dauert, desto mehr rührt ihn sein Gewissen. Die Tränen überwältigen ihn. Langsam bricht es aus ihm hervor: "Ich hätte wenigstens meinem Bruder ‚Tschüss‘ sagen sollen. Und als ich Hunger hatte, habe ich gemerkt, dass ich dummerweise zu Hause meinen Dosenöffner liegengelassen habe."
Eine wichtige Frage hat er sich bei seinem Aufbruch gar nicht gestellt: Wohin will ich denn eigentlich? Was ist mein Ziel? Ich spüre seine innere Not und frage ihn: "Willst du, dass wir beide heute Abend noch bei deinen Eltern klingeln?" Er überlegt nicht lange und nickt mit seinem Kopf: "Bitte. Aber Sie müssen mitkommen! Allein schaffe ich das nicht."
Die Bibel erzählt ebenfalls von einem Sohn, der von zuhause abhaut. Der hält seinen Weggang länger durch. Von ihm heißt es: "Er sammelte alles zusammen und ging in ein fernes Land. Dort brachte er sein Erbteil durch." Für diese Stärke kann man den verlorenen Sohn aus der Bibel bewundern. Meilenweit und monatelang ist er weg! Den harten Schnitt mit seinem Vaterhaus hat er richtig durchgezogen.
Aber jede Flucht hat ihre Kehrseite. Wo jemand den Faden durchtrennt, löst sich das ganze System der Familie und muss sich neu einfädeln. Alles steht in Frage, obwohl sicher nicht alles schlecht war. Wie oft werden seine Mutter, sein Vater und auch sein Bruder über den verlorenen Sohn nachgedacht haben: Wie geht es ihm jetzt? Was haben wir falsch gemacht?
Weggehen ist zunächst leicht. Zurückkommen ist furchtbar schwer. Der spannendste Moment in der biblischen Geschichte ist für mich der, wo der verlorene Sohn in sich geht. Als sein Geld alle ist und keiner seiner vermeintlichen Freunde mehr zu ihm hält. Da fängt das Vaterhaus, das er für altbacken und miefig hielt, wieder an zu leuchten. Der Sohn gesteht sich ein: "Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger." Die Sehnsucht und der Hunger nach einem anderen Leben sind in seinem Herzen immer noch lebendig. Aber vor sich selbst muss der Sohn zugeben, dass er sich auf seiner Flucht verrannt hat.
Die Rückkehr ins Elternhaus ist ein Risiko. Der verlorene Sohn denkt nach. Werden meine Eltern mir die Tür öffnen? Vielleicht sind meine Leute über das verprasste Geld viel zu sauer. Darum überlegt sich der junge Mann Wort für Wort, was er ihnen sagen will.
"Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße." Ich habe deine Liebe zu wenig wertgeschätzt. Was dann passiert, ist unfassbar. Sein Vater läuft dem verlorenen Sohn entgegen. Umarmt ihn. Lässt ihn spüren: Es gibt keinen Bruch zwischen uns. Ich habe jeden Tag, jede Stunde an dich gedacht. Wie dieser liebende Vater, so ist Gott. Ein Zuhause ist da, wo sie dir die Tür aufmachen und sagen: "Komm doch rein."
Der jugendliche Ausreißer und ich standen spätabends am Elternhaus. Sein Vater schaute am offenen Fenster nach ihm aus und rief: "Mensch, Junge, da bist du ja! Wir warten schon."
Es gilt das gesprochene Wort.
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