Gemeinfrei via Fundus/ Karsten Klama
Sprachen-Durcheinander
Einander verstehen
26.09.2026 06:35

Wenn alle Menschen eine Sprache sprechen würden… In der Bibel ist das kein Traum, eher ein Albtraum.

Sendetext:

"Buongiorno! Un caffè e un cornetto, per favore." Das war… Italienisch! "Ein Kaffee und ein Croissant, bitte." Für meinen Rom-Urlaub lerne ich gerade ein bisschen Italienisch.

Heute ist der Europäische Tag der Sprachen. Er soll die Sprachenvielfalt feiern und die Fähigkeit fördern, andere Sprachen zu sprechen.

Müssen wir heute überhaupt noch mühsam Vokabeln lernen? Mit der Handy-Kamera kann man die Speisekarte sekundenschnell übersetzen lassen. Und die KI dolmetscht ganze Gespräche in Echtzeit. Da wirkt Sprachenlernen fast wie aus der Zeit gefallen.

Aber ich finde: Übersetzung ist nicht automatisch Verständigung. Eine KI überträgt zwar Daten und Wörter, und es lässt sich streiten, wie empathisch sie sein kann. Aber keine Technik kann uns abnehmen, unserem Gegenüber mit Respekt zu begegnen und uns ehrlich für den anderen zu interessieren. 

Perfekte Sprachkenntnisse allein sind noch kein Garant für gute Verständigung. Das zeigt in der Bibel die Geschichte vom Turmbau zu Babel. Dort heißt es: "Damals hatten alle Menschen nur eine einzige Sprache – mit ein und denselben Wörtern." (1. Mose 11,1) 

Sie verstanden jedes einzelne Wort. Doch sie hatten andere Ambitionen: "Los! Lasst uns eine Stadt mit einem Turm bauen! Seine Spitze soll in den Himmel ragen. Wir wollen uns einen Namen machen, damit wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen." (1. Mose 11,4)

Mit diesem Turm wollen sie sich selbst inszenieren. Sie wollen hoch hinaus. Sie streben nach Macht, Selbstoptimierung und Abgrenzung. Der Turm war gewissermaßen das erste große Leuchtturmprojekt. Sie brennen Lehmziegel. Sie wollen sich selbst ein Denkmal setzen. Der Turm soll sie unantastbar machen. Mit ihm wächst die Illusion, unüberwindbar zu werden.

Dann greift Gott ein: Er verwirrt ihre Sprache und zerstreut sie über die ganze Erde. Sie können einander nicht mehr verstehen. Da müssen sie aufgeben, die Stadt mit dem himmelhohen Turm weiterzubauen.

"Deswegen nennt man die Stadt Babel, das heißt: Durcheinander. Denn dort hat der Herr die Sprache der Menschen durcheinandergebracht." (1. Mose 11,9)

Darin sehe ich weniger eine Aussage über Gott als vielmehr über Menschen. Wo Sprache nur noch genutzt wird, um sich selbst groß zu machen, das eigene Ego zu füttern und aufzutrumpfen, bricht die Verständigung und das Miteinander zusammen. Und wenn die Menschen verwirrt sind, geht nichts mehr gemeinsam. Jede und jeder lebt dann nur noch in der eigenen Bubble.

In der Geschichte stecken im Umkehrschluss auch eine Chance und Hoffnung: Wo Menschen die Verständigung suchen und einander zuhören, kann eine Kraft und Gemeinschaft entstehen, die Großes bewegt.

Denn Sprache ist immer auch ein Instrument der Macht. Wer nur spricht, um Recht zu haben, übt Macht aus. Wer aber zuhört, teilt Macht und schafft Raum für den anderen.

Raum für den anderen und das Miteinander entstehen nicht von selbst. Es braucht die Bereitschaft, die eigenen Gewissheiten zu hinterfragen, dem Gegenüber erst einmal Wohlwollen zu unterstellen und auch die leisen Töne wahrzunehmen. Gelingende Verständigung bedeutet nicht nur, Wörter zu übersetzen, sondern den Menschen dahinter zu verstehen.

Ich denke zum Beispiel daran, bei einer Nachricht oder einem Kommentar, der mich ärgert, nicht sofort wütend zurückzuschreiben, sondern innezuhalten und nachzufragen, wie das denn genau gemeint ist. Oder wenn der andere spricht, nicht schon gleich im Kopf die nächste Entgegnung zu formulieren. Und auch Blickkontakt und ein Lächeln können Wunder wirken und ein Gespräch aufhellen.

Denn letztlich ist es die respektvolle Haltung und das ehrliche Interesse am andere, das verbindet und Miteinander schafft – weit über Sprache und Grammatik hinaus.

In diesem Sinne wünsche ich einen gesegneten Tag – oder wie man in Rom sagt: Buona giornata!

Es gilt das gesprochene Wort.

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