Er steht für ostdeutsches Selbstbewusstsein, der Motorroller "Simson". Der Name verweist auf eine Figur in der Bibel - und auf die jüdischen Erfinder. Die wehren sich gegen die rechtsradikale Vereinnahmung der "Simson".
Sendetext:
SIM 017. So lautet das Saisonkennzeichen für meine Schwalbe, einen Motorroller Baujahr 82. SIM steht für Simson, den legendären Markennamen einer Serie von Mopeds aus der früheren DDR. Ein Streit ist entbrannt, wer den Namen dieses Kult-Mopeds verwenden darf. Da geht es um Identität, also für wen oder was steht die Simson? Juhu-Momente, wenn der Zweitaktmotor unterm Hintern knattert; ostdeutsches Selbstbewusstsein? Oder stehen sie für die jüdische Familie Simson, die Mitte des 19. Jahrhunderts das Fahrzeugwerk im thüringischen Suhl gegründet hat. Und natürlich schwingen bei diesem Namen auch die biblischen Geschichten von Simson mit.
Simson hat sagenhafte Kräfte. Die Geschichten über ihn spielen in einer Zeit des Wandels, des politischen Durcheinanders, der Machtkämpfe. Die Philister wollen Israel unterwerfen. Die Philister sind kriegerische Seefahrer, sozusagen die Wikinger des Mittelmeers. Doch Simson hält sie auf. Ganz allein. Stärker als ein Löwe (Richter 14). Simson liebt Gott, Rätsel, Feste. Und er ist ein schöner Mensch gewesen. "Sonne" bedeutet sein Name. Braungebrannt beschreibt ihn die Bibel, mit langen dunklen Haaren – die Quelle seiner Kraft und Schönheit.
Kraft und Schönheit – beides haben die Konstrukteure auf die Simson-Mopeds übertragen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde aus der früheren Fabrik der jüdischen Brüder Löb und Moses Simson das "VEB Fahrzeug- und Gerätewerk Simson Suhl". Hier lief die sogenannte Vogelserie vom Band. Die Mopeds waren nach Vögeln benannt: Sperber, Habicht, meine Schwalbe, später auch die S51. Zwei Takte, bis zu 60 km/h schnell, leicht zu reparieren – und das für kleines Geld.
Diese Mopeds haben das Ende der DDR überlebt, sind begehrt. Kein Dorf in Thüringen, Brandenburg oder Sachsen-Anhalt, wo nicht ein paar Jugendliche an ihren "Simmen" herumschrauben. Es gibt Tuningwettbewerbe, gemeinsame Ausfahrten, Gottesdienste. Die Simson zeugt vom Stolz der Menschen auf ihre Geschichte – von Suhl bis nach Schwerin und Stendal. Und genau das versuchen rechte Rattenfänger auszunutzen. Sie wollen die Simson zum Symbol für ihre völkisch-nationale Politik stilisieren.
Die Nachfahren der Simson-Gründer verfolgen genau, was mit ihrem Namen und der Marke Simson geschieht. 1936 ist die Familie in einem Schauprozess von den Nazis enteignet worden. Mit Glück gelang den Angehörigen die Flucht in die Vereinigten Staaten, wo sie heute leben. Die Familie will nicht, dass ihr Name mit völkisch-nationaler Politik in Verbindung gebracht wird. "Beleidigend" sei das angesichts ihrer Geschichte. Sie prüfen rechtliche Schritte. Ein Nachfahre ist dafür sogar eigens nach Deutschland gereist. Löwenstark, finde ich das. Als hätte er sich eine Scheibe Kraft von Simson aus der Bibel abgeschnitten.
Der Simson aus der Bibel wird eines Tages von seinen Feinden überwältigt. Aber dafür müssen die Philister tief in die Trickkiste greifen. Sie bestechen die Geliebte Simsons, planen einen Betrug. Und da Simson nicht bloß fromm, stark und schön, sondern auch gutgläubig ist, fällt er darauf herein. Während er schläft, schneidet ihm die Geliebte die langen Haare ab. Dadurch verliert Simson seine Kräfte.
Die Philister legen ihn in Ketten, machen Simson zum Sklaven. Er muss für sie arbeiten, schuften. Die Philister glauben nun, Herren über seine Kräfte zu sein. Doch Gott hält an Simson fest. Er verleiht ihm noch einmal die Löwenstärke von einst. Simson bringt so das Lügengebäude der Philister zum Einsturz. Und Gott behält recht, wenn er an einer anderen Bibelstelle sagt: "Mein Wort kehrt nicht leer zurück. Es wird tun, wozu ich es sende." (Jesaja 55,11)
Der Name Simson steht für Gottes Treue, seine Gerechtigkeit. Sie kann auch im Dunklen leuchten, Lügen entlarven, selbst dann, wenn man Gottes Gerechtigkeit gar nicht mehr erwartet. Selbst dann, wenn bloß eine einzige Seele darauf hofft.
Es gilt das gesprochene Wort.
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