Sagrada Família
Die Feier des Unvollendeten
24.10.2026 06:35

100 Jahre nach Gaudís Tod steht der höchste Kirchturm der Welt. Fertig ist die Sagrada Família in Barcelona trotzdem nicht. Was die "ewige Baustelle" über Vollendung und die menschliche Existenz erzählt.

Sendetext:

Unvollendet. Dieses Label trägt sie seit mehr als 100 Jahren. Wie ein Sportler, dem nie der ganz große Turniererfolg gelingt. Eine Komposition, der etwas fehlt. Ein Kunstwerk, das nicht fertig wurde. Genau das ist sie ja auch. Und doch mehr. Barcelona, Sagrada Família. Es ist ein milder Abend im Oktober, als ich die Kathedrale das erste Mal mit eigenen Augen sehe. Ihre Silhouette erinnert an die Tröpfchen-Burgen vom Strand, die Kinder mit nassem Sand bauen. Organische Formen, die nach oben spitz zulaufen. Nachts wird die Sagrada Família angestrahlt. Dann spannt sich eine flammende Lichtkrone wie bei einer Strahlenkranzmadonna um die 18 Türme, die Gerüste, die Baukräne; das Fertige und das Unfertige. Seit 1882 wird hier gebaut. Der Hauptturm wurde Anfang dieses Jahres fertig. Aber bis zum letzten Stein werden wohl noch zehn, zwanzig Jahre vergehen.

Was ist schon fertig in diesem Leben? Ist nicht der Prozess das Beständige? Worin zeigt sich Vollendung? Mit dem Einzug ins Kanzleramt? Dem Weltpokal im Goldregen der Konfettikanonen? Oder ganz im Kleinen: dem letzten Klebebild fürs Stickeralbum? Ruhm verblasst, der Eintrag in den Geschichtsbüchern wird überblättert. Nichts lässt sich konservieren. Das Leben ist ein stetiges Werden, hat Martin Luther mal gesagt. (1) Von diesem Credo war auch der Architekt der Sagrada Família durchdrungen: Antoni Gaudí, stolzer Katalane. Dazu demütig, bescheiden, voll visionärer Weitsicht.

Es hätte ohnehin alles anders kommen können mit der Sagrada Família, lese ich in George Orwells "Mein Katalonien". 1936 reist der Schriftsteller nach Spanien. Er will für die Sache der Republik kämpfen, Spaniens Freiheit. Vor 90 Jahren herrscht Bürgerkrieg. Militärs putschen gegen die Demokratie – unterstützt von den faschistischen Regimen in Italien und Deutschland. Auf republikanischer Seite kämpfen Bürgerliche, Arbeiter, Schriftsteller, Gewerkschafter, Sozialisten, Marxisten und Anarchisten.

Vielen ist die spanische Kirche verhasst gewesen, weil so sehr mit dem Obrigkeitsstaat verbandelt. Landesweit entlädt sich Zorn. Klöster brennen, Kirchen werden gesprengt. Auf der Baustelle der Sagrada Família wird das Atelier zerstört – mit ihm Pläne, Fotos, Gipsmodelle. Doch die damals schon im Bau befindliche Geburtsfassade bleibt unbeschädigt. (2) Über sie betritt man heute die Kathedrale.

In der Basilika dann atemlose Stille: fließende Formen, warmes Licht, Säulen, die wie ein Wald erscheinen. So viele Details. Dass er nicht fertig werden würde, das wusste der Architekt Antoni Gaudí. Ihn hat es nicht gestört. "Mein Kunde hat keine Eile." Soll er gesagt haben. Als Gaudí 1926 die Baustelle seiner Kirche verlässt, bemerkt er die Straßenbahn nicht. Bei der Trauerfeier säumen Tausende die Straßen. Sein Grab befindet sich bis heute in der Krypta der Basilika.

Am 10. Juni 2026 jährte sich zum 100. Mal der Todestag des visionären Architekten. Ihm zu Ehren hat man an diesem Datum den 18. Turm geweiht, den Torre de Jesucristo. Mit Papst, Prozession, Weihe-Riten. Das Kreuz auf dem Jesus-Christus-Turm ist von innen begehbar, bietet einen einzigartigen Blick auf das Bauwerk.

Aber erst müssen die Fahrstühle gebaut werden. Vollendet ist also selbst in diesem Teilbauwerk des großen Ganzen nichts. Der Jesus-Christus-Turm ist mit mehr als 172 Metern der höchste Kirchturm der Welt (172,5m). Aber er bleibt damit niedriger als der Hausberg von Barcelona. Denn "das menschliche Werk soll niemals das Werk Gottes überragen", so Gaudí. (3)

Dieser einfache Gedanke hat mich beeindruckt. Und wenn ich ihn weiterdenke, dann kann unvollendet im Sinne Gaudís kein Makel sein. Es bedeutet die demütige Annahme unserer menschlichen Existenz. Schönheit, Anmut liegt auch im Werden, sogar im Welken. Die unvollendete Sagrada Família befreit von aller Perfektion. Ihre "ewige" Baustelle nimmt uns Menschen radikal ernst. Vielleicht gibt es in diesem Leben kein vollendet?

Es gilt das gesprochene Wort.

Literatur zur Sendung:

 (1) D. Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe (WA), Band 7, S. 336, Zeile 31f.

(2) G. Orwell, Mein Katalonien. Bericht über den Spanischen Bürgerkrieg (1938). Zürich 2000., S. 278.

(3) Audioguide 4. "Der Wald" + "2. Ursprünge der Basilika"

Weitere Quellen:

* A. Drouve (KNA): Sagrada Família: Fertigstellung zum Gaudí-Jubiläum geplant: Evangelische Zeitung 15.07.2025. https://evangelische-zeitung.de/wie-ein-spektakulaerer-kirchenbau-barcelonas-skyline-veraendern-wird | Abgerufen am 01.09.2026

* E. Finger, Weihe der Sagrada Família: "Öffnen Sie Ihr Herz für das Wunder". Interview mit Pater Alejandro Moral Antón: ZEIT Nr. 25/2026, https://www.zeit.de/2026/25/weihe-sagrada-familia-papst-leo-xiv-barcelona-alejandro-moral-anton/komplettansicht  | Abgerufen am 01.09.2026

* J.-U. Ronnenburger (dpa), Die berühmte Sagrada Família ist Segen und Fluch zugleich: Welt.de (31.08.2026) | https://www.welt.de/reise/article6a2fe5400611b9299a155ec4/barcelona-die-beruehmte-sagrada-familia-ist-segen-und-fluch-zugleich.html | Abgerufen am 01.09.2026

* Temples Worldwide: Der Spanische Bürgerkrieg und die Sagrada Família. Abgerufen am 01.09.2026 https://temples.org/de/stories/spanish-civil-war-sagrada-familia

* M. Zeslawski, Die Vollendung der Unvollendeten: FOCUS 17.12.2021. https://www.focus.de/magazin/archiv/reise-die-vollendung-der-unvollendeten_id_26072896.html | Abgerufen am 01.09.2026

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