privat / Oliver Vorwald
"God‘s Country"
Die USA als gelobtes Land in der Pop- und Rockmusik
15.03.2026 08:35

"God Bless America", "Land of the Free" und "This is God’s Country". So besingen US-Amerikaner begeistert ihre Heimat. Aber der Glaube, das neue gelobte Land zu sein, nährt auch die aktuelle "America first"-Politik.

Sendetext:

"God’s Country". Die Ode der irischen Rockband U2 auf die USA als "gelobtes Land". (1)
Was für hiesige Ohren vielleicht fremd klingt, ist in den Vereinigten Staaten von Amerika allen vertraut. Dieses Jahr feiern die USA ihr 250. Gründungsjubiläum. Viele US-Amerikanerinnen und Amerikaner sehen ihre Heimat als "Gottes ureigenes Land." Sein Echo findet das nicht nur in Gottesdiensten im sogenannten "Bible Belt", dem Gebiet im Süden der USA, das als besonders fromm gilt. Die Vorstellung von "God’s Country" taucht auch in Reden im Kongress auf, in Zeitungen und in der Rockmusik. Und das hat mit uns Europäerinnen und Europäern zu tun, wie ich auf einer Studienreise nach New York begriffen habe. Genauer gesagt mit den Glaubensflüchtlingen aus dem alten Europa.

Empire State, Brooklyn Bridge, Freiheitsstatue. All das sehe ich durchs Fenster beim Landeanflug. Früher Abend, New York City leuchtet wie ein Christbaum. Anders als in den europäischen Großstädten überragt kein Kirchturm die Skyline. (2)
ennoch: Diese Stadt und dieses Land sind durch und durch religiös. Rund 80 Prozent der Amerikanerinnen und Amerikaner beten regelmäßig (Religionsmonitor 2023). (3) Und jede Dollarnote sagt: "In God we trust". Wir vertrauen auf Gott. Während der Flieger noch eine Schleife zieht, starte ich meine Playlist für die kommenden Tage: U2, Woody Guthrie, Bruce Springsteen, Blake Shelton, Harry Nilsson.

"Hier bin ich, Gott, klopfe an deine Hintertür." Für Harry Nilsson glasklar, wo Gott wohnt – weder in Rom noch in Jerusalem, sondern in New York. Sein Song liefert die Überschrift für die Studienfahrt, auf der ich bin: "Gott in New York City – Erkundungen in einer multireligiösen Metropole". Alles ein Jahr her, März 2025. Vieles, was heute die Nachrichten beherrscht, deutet sich damals an. Agenten der Einwanderungsbehörde ICE zeigen Präsenz vor Kirchen, wo sie Migranten ohne Aufenthaltserlaubnis vermuten. Eine ‚American Angst‘ ist spürbar. "Jesus is Lord, Trump is not." Jesus ist Herr – nicht Trump. Das ist auch schon viel, was mir manche ins Mikro sprechen. Wir besuchen Kirchengemeinden, evangelikal und progressiv; helfen in einer Suppenküche, diskutieren am Theologischen Seminar nahe der berühmten River Side Church. Dietrich Bonhoeffer hat dort 1930 ein Studienjahr begonnen, Gospelplatten gekauft, Jazzkeller besucht. Das will ich auch. Meine Lieder an dem Ort hören, von dem sie erzählen. Wie "In God’s Country" von U2. Erschienen 1987 auf dem "Joshua Tree"-Album, das ursprünglich "Die zwei Amerikas" heißen sollte. (1)

"Wüstenrose, im Traum sah ich eine Wüstenrose. Wie eine Sirene ruft sie nach mir. Traurige Augen, schiefe Kreuze im Land Gottes." Mitte der 1980er Jahre bereisen U2 die USA. Viele ihrer irischen Landsleute sind im 19. Jahrhundert dorthin ausgewandert. "God’s Country" beschreibt zunächst die Anziehungskraft der USA als gelobtes Land. Verkörpert durch Miss Liberty. Wie ein Cherub mit Flammenschwert steht die Freiheitsstatue auf Ellis Island im Hafen vor New York. Wen die Einreisebehörde einst hier vorbei ließ, gehörte zu den Auserwählten, durfte God’s Country betreten. Eine Glitzerwelt voller Eitelkeiten und Hoffnung. U2 lassen das in einer Zeile anklingen: "Hope, faith, her vanity". "Hoffnung, Glaube, vergängliche Eitelkeit". Das spielt auf die Bibel an und ihr "Glaube, Hoffnung, Liebe". Aber auch andere singen in religiösen Metaphern von Amerika, wie Country-Sänger Blake Shelton. Sein Lied von 2019 heißt ebenfalls "God’s Country". 

"Wir beten um Regen, danken dem HERRN, wenn er fällt. Denn das bringt Korn und etwas Geld. Wir geben es zurück auf eine Schale. Das ist wohl der Grund, weshalb sie es Gottes Land nennen." 

… I saw the light in a sunrise / Sittin' back in a 40 on the muddy river side / Gettin' baptized … (0:20 / 0:50)  | Aus: Blake Shelton, God’s Country: Fully Loaded. God's Country (2019)

Das Lied beschreibt ein inniges, ja spirituelles Verhältnis zum Boden. Komponiert hat den Song ein Trio von Musikschaffenden. Sie schicken Blake Shelton ein Demo. "Eine Offenbarung", so beschreibt er seinen ersten Eindruck beim Hören. "Ich befand mich an einem Ort, den ich als Gottes Land betrachte. Ich tat das, was mich am meisten mit Gott verbindet, nämlich auf diesem Land zu arbeiten." (4)

"Unser Land, von Kalifornien bis nach New York, von den Urwäldern bis an den Golfstrom." Die "alternative Nationalhymne", so wird das Lied von Woody Guthrie oft genannt. (5) Entstanden 1940. Wirklich alle haben es gesungen. Harry Belafonte, Peter Paul & Mary, Bruce Springsteen. Der Folksong kommt weitgehend ohne religiöse Metaphern aus. Und doch atmet er den Geist von "God’s Country", wenn es im Refrain heißt: "Dieses Land ist für dich und mich gemacht." Eine Wurzel hat diese Charakterisierung der USA im Glauben der ersten Siedler, den Pilgervätern. Es sind Puritaner aus England, leidenschaftliche Protestanten der reformierten Tradition. Anfang des 17. Jahrhunderts fliehen sie aus dem alten Europa, weil sie ihren Glauben in aller Konsequenz leben wollen – wie in der Jerusalemer Urgemeinde. (6) Die Reise in die Neue Welt ist ihre ‚Wüstenwanderung‘, ähnlich wie die der Israeliten nach dem Auszug aus Ägypten. In der Bibel ist Gottes Volk 40 Jahre lang durch die Wüste unterwegs, bis es das gelobte Land Kanaan erreicht. "New English Canaan" heißt bezeichnenderweise eine Chronik aus den Gründerjahren (Thomas Morton 1575-1646). (7) Nahe dem heutigen Boston, im Nordosten der USA, finden die Kolonisten ihr gelobtes Land. Sie wollen "eine Stadt auf dem Hügel" errichten, wie der spätere Gouverneur John Winthrop es 1630 in einer Predigt formuliert. Er greift damit ein Sprachbild aus der Bergpredigt auf. Jesus sagt darin: "Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein." (Matthäus 5,14) Diese vorbildliche Stadt wollen die Siedler gründen. John Winthrop macht den Satz von Jesus zum Programm für das amerikanische Experiment.

John Winthrop:
"The Lord will be our God, and delight to dwell among us, as his own people …"

"Der Herr wird unser Gott sein ..., wir sein eigenes Volk. ... , so dass die nachfolgenden Kolonien sagen: ‚Der Herr möge es so tun wie in Neu England‘. Es sollte uns bewusst sein: Wir werden wie eine Stadt auf dem Hügel sein. Die Augen aller Völker ruhen auf uns."

… For we must consider that we shall be as a city upon a hill. The eyes of all people are upon us." | Aus: John Winthrop, A Modell of Christian Charity (1630) (9)

Auserwählt sein. Leuchtendes Beispiel. Diese religiöse Sichtweise senkt sich tief in die amerikanische Seele ein, so die US-Historikerin Patricia Wald. Sie schreibt: "Das Vermächtnis der Puritaner ist in der Literatur erhalten geblieben, in der Politik und in unseren gesellschaftlichen Gepflogenheiten. Jedes Mal, wenn wir diese Nation als auserwählt betrachten, halten wir an der Botschaft fest, die von den Puritanern aus England mitgebracht wurde." (9) Die Frömmigkeit der protestantischen Glaubensflüchtlinge schlägt sich auch in der Unabhängigkeitserklärung nieder, dem Gründungsdokument der USA vom 4. Juli 1776. Sie hält fest: Alle Menschen sind vom Schöpfer mit gleichen, unveräußerlichen Rechten ausgestattet. Rechte wie Freiheit und das Streben nach Glück. Und die USA sind das auserkorene Land, in dem diese Rechte Wirklichkeit werden. Dieser Glaube zeigt sich auch früh in Liedern. Zum Beispiel in der Nordstaatenhymne "Glory, Glory, Halleluja". Ihre Strophen beschreiben die USA als gesegnetes Land, geführt von göttlichem Licht. Ganz ähnlich tut es während des Zweiten Weltkriegs der patriotische Schlager "God Bless America". Auch im Jazzkeller in Harlem erlebe ich dieses religiöse Grundrauschen. "American Legion Post" heißt der Club. Im Eingang das Sternenbanner, Fotos von Männern in Uniform. Am Tresen lehnt der Pfarrer. Breite Koteletten, Sonnenbrille, Collarhemd. Immer wieder kommen Musiker herein, packen Instrumente aus. Eine Jazz-Messe. Orgel, Schlagzeug, Saxofon fließen ineinander. In dem New Yorker Musikkeller am Ende der Jazz-Messe verabschiedet uns der Pastor. Nach ein paar Worten zur Geschichte des Clubs, den Veteranen, ihrem Dienst für das Land, dessen besondere Werte kommt das obligatorische: "God bless you."

Auch die Nationalhymne glorifiziert die USA als Land der Freiheit. Künstlerinnen und Künstler hinterfragen diese Sichtweise immer wieder. Denn die Werte der Unabhängigkeitserklärung, gerade weil sie religiös begründet sind, bilden eine unheilige Allianz mit imperialistischen Interessen. Von der Überzeugung, einer auserwählten Nation anzugehören, ist es nicht weit zum "America first!". Der Singer-Songwriter Woody Guthrie kritisiert schon 1940 diese Auslegung mit dem vorhin gehörten "This Land Is Your Land". Oder Bruce Springsteen: 1984 mit "Born in the USA" und aktuell mit "Streets of Minneapolis". (10) Auch die irische Band U2 spart nicht mit Kritik – aber das Selbstverständnis als "God’s Country" stellt sie nicht in Frage.

U2 sind fasziniert von den USA und erschrocken. Vom "krassen Kontrast zwischen Norden und Süden, reich und arm." (1) Weil dieses freiheitsliebende Land immer wieder vom Weg abkommt – wie das Volk Israel in seiner Heilsgeschichte. Auch ihre Kritik verpackt die Band in biblische Metaphern. Die Nachfahren der Pilgerväter sind daher Kindeskinder des biblischen Brudermörders Kain. So schwingen all die Sünden der Besiedlung Amerikas mit, welche die Glaubensflüchtlinge aus Europa begangen haben. Es braucht "neue Träume" in "God’s Country", fordern U2.

Einen dieser Träume leben sie in der Judson Memorial Church in Greenwich Village. Dieser Stadtteil New Yorks ist das Zuhause der Kreativen und Widerständigen. Ikonische Straßenzüge, wie ich sie aus Filmen kenne, Feuerleitern an der Fensterfront. Judson Memorial gehört zu den progressiven Kirchengemeinden. Hier engagiert man sich für Migranten ohne Aufenthaltserlaubnis. Die Hälfte der neogotischen Kirchenfenster mit den viel zu weißen Heiligen sind mit fließenden Stoffen abgehängt, darauf gemalt die Queer Saints, neue Heilige, Persons of Color und Vorbilder aus der LGBTQ-Bewegung. Hier besuchen wir zum Abschluss der New York-Reise vor einem Jahr den Gottesdienst. Ich erlebe erneut, welche Kraft Musik hat. Ein Mann in Latzhose und roter Wollmütze spielt Klavier, singt mit einer Transperson. "Wir haben keine Angst. Niemand wird in dieser Zeit allein gelassen." Es wird zum Bekenntnis.

"The Lord Must Be in New York City". Im Rückblick ist das für mich so, wie Harry Nilsson 1969 singt. Der liebe Gott lebt zumindest zeitweise in New York. Er will ja denen beistehen, die sich fürchten. Mit ihnen den Geist der Angst in die Flucht singen. Sind die USA deshalb "God`s own Country"? Momentan wohl kaum. Von dem Anspruch der Pilgerväter, "Leuchtfeuer der Hoffnung" für die Welt zu sein, wirken die USA weit entfernt. Die "America first!"-Politik steht im Kontrast zum jüdisch-christlichen Erbe im Gründungsdokument, der Unabhängigkeitserklärung von 1776. Doch kein Unrecht währt ewig. Und warum nicht von diesem Selbstverständnis lernen? Dass der Boden unter unseren Füßen heilig ist, ein Geschenk. Diesen Anspruch haben die Amerikanerinnen und Amerikaner nicht exklusiv. Er gilt genauso für Venezuela, Kenia, Niedersachsen, Grönland, insbesondere für Israel und Palästina: "Die Erde ist des Herrn […] der Erdkreis und die darauf wohnen", sagen die Psalmen (Psalm 24,1). Das könnte Teil eines neuen Traums sein. 

Es gilt das gesprochene Wort.
 

Musik dieser Sendung:
1. U2, In God’s Country
2. Harry Nilsson, I Guess The Lord Must Be In New York City
3. U2,
In God’s Country

4. Blake Shelton, God's Country
5. Bruce Springsteen, This Land Is Your Land
6. Broadway Schauspielerin Tatianna Córdoba, The Star-Spangled Banner, aufgezeichnet im Stadion der Brooklyn Nets

7. U2, In God’s Country
8., 9. No one is getting left behind  / No one is getting left behind this time, aufgezeichnet im Gottesdienst der Judson Memorial Church
10. Instrumentaler Zusammenschnitt aus "In God’s Country"

Literatur / Quellen dieser Sendung:
1. Bono/P.D.Hewson, Surrender. 40, Songs, eine Geschichte, München 2022, 259, 260.
2. 
D.Laabs, God´s Own Country Die Bedeutung der Religion in den Vereinigten Staaten, Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), 10.10.2008: https://www.bpb.de/themen/nordamerika/usa/10727/god-s-own-country/ | abgerufen am 10.01.2026
3. 
Zur Rolle der Religiosität in der US-amerikanischen Politik:  https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/unsere-projekte/religionsmonitor/projektnachrichten/zur-rolle-der-religiositaet-in-der-us-amerikanischen-politik und Defensive Religiosität als Faktor politischer Polarisierung in den USA: https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/defensive-religiositaet-usa | abgerufen am 11.02.2026.
4. 
C.Watts, Blake Shelton shares emotional story behind 'God's Country': The Tennessean | 07.04.2019 | https://eu.tennessean.com/story/entertainment/music/2019/04/07/blake-shelton-2019-acm-awards-story-behind-gods-country/3392946002/ | abgerufen am 13.01.2026
5. 
T.Waldherr, Woody Guthrie. This Land is Your Land. Die alternative Nationalhymne: Songlexikon.de | https://songlexikon.de/songs/thislandis/ | abgerufen am 03.02.2026
6. 
E.Benz, Die Wiederentdeckung der zehn verlorenen Stämme Israels auf amerikanischem Boden. Zum 90. Geburtstag von Ernst Benz: Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte, Ausg. 49, Nr. 3 (1997) 258-264. Und: J.Blech, Dreckige Eroberer: SPIEGEL 42/2005 https://www.spiegel.de/wissenschaft/dreckige-eroberer-a-688c5089-0002-0001-0000-000042736576 | abgerufen am 11.02.2026
M.Pally, "Fremd im eigenen Land": Die Realität der weißen Evangelikalen in den USA und wie sie den rechten Flügel des Populismus prägt: Leviathan, 51. Jhrg., 2/2023, Seiten 232 – 268, DOI: 10.5771/0340-0425-2023-2-232
7. T.Morton, The New English Canaan, Amsterdam 1637 / Boston 1883, https://www.gutenberg.org/files/54162/54162-h/54162-h.htm | abgerufen am 28.01.2026.
8. John Winthrop, A Modell of Christian Charity (1630): Collections of the Massachusetts Historical Society (Boston, 1838), 3rd series 7:31-48.), Hanover Historical Texts Collection. Scanned by Monica Banas, August 1996. https://history.hanover.edu/texts/winthmod.html | abgerufen am 11.02.2026
9. 
B.Jentzsch, Die Stadt auf dem Hügel. Amerikas Anfänge und die Ideologie der Puritaner: Der Freitag 24.12.2004 | https://www.freitag.de/autoren/barbara-jentzsch/die-stadt-auf-dem-hugel | abgerufen am 11.02.2026
10. M.Halbig, Songs gegen den "Staatsterror": Peiner Allgemeine Zeitung /Hannoversche Allgemeine Zeitung: Beilage Wochenende, 07.02.2026
11. 
Mehr zu Tatianna Córdoba: https://www.instagram.com/tatiannasophia/?hl=de oder https://www.theatrely.com/post/tatiana-cordoba-is-broadways-newest-star-you-need-to-know