Paul, ein Fotograf hat die Gabe, Menschen so abzulichten, dass sie sagen: "Ja, das bin ich!" Nur an einem Porträt scheitert er regelmäßig.
Sendetext nachlesen:
Refrain von Chris Roberts Lied "Ich kenn deine Schokoladenseite":
Ich kenn deine Schokoladenseite,
ich kenn die süßesten Dinge an dir.
Lass mir deine Schokoladenseite,
denn die geht keinen was an außer mir.
Mooment! Einspruch! So eine Schokoladenseite, die ist doch für alle da!
Fragt sich freilich, ob jeder über eine Schokoladenseite verfügt. Und ob sie als solche für alle erkennbar ist.
Um das zu vertiefen, nehme ich Sie heute Morgen mit auf eine gedankliche Reise. Stellen wir uns jemanden vor, der sich unablässig auf die Suche macht: Von einem, der auszog, die Schokoladenseite zu finden.
Unser Schokoladenseitensucher, nennen wir ihn Paul, ist Fotograf, ein ziemlich erfolgreicher. Seine Spezialität sind Porträts. Anfangs erledigte er alle möglichen Aufträge, Hochzeiten, Firmenjubiläen, Einschulungen, Konfirmationen, Vereinsfestivitäten, Passfotos. Irgendwann fiel auf, dass vor allem letztere, seine Passfotos, von besonderer Qualität waren. Er verstand es nicht nur, die Menschen ins richtige Licht zu rücken, seine Kundschaft geriet ein ums andere Mal in Erstaunen, ja in Verzückung: "Da bin ich aber mal gut getroffen!"
Bald hieß es: "Der Paul, der findet einfach bei jedem die Schokoladenseite!"
Das freute ihn natürlich, und er beschloss, sich mehr auf seine offenkundige Begabung zu konzentrieren. Und so entwickelte sich sein Foto-Studio peu à peu zu einem Porträt-Atelier. Sein herausragendes Talent sprach sich herum, die Kunden kamen in Scharen.
Nicht alle Anfragen nahm er an.
Auch wenn ihm deshalb lukrative Aufträge entgingen, es reizte ihn nicht, perfekt gestylte Models abzulichten und am Ende auch noch mit irgendwelchen Bildbearbeitungsprogrammen letzte Mini-Makel zu beseitigen. Weit lieber widmete sich Paul den Ungeschminkten. Was nicht bedeutete, dass er in Kauf genommen hätte, jemanden unvorteilhaft aussehen zu lassen. Keinesfalls. Er suchte sie vielmehr bei jedem, die Schokoladenseite. Zugleich aber hielt er durch den Sucher Ausschau nach dem Wesenskern seines Objekts. Beides sollte zum Ausdruck kommen.
Es konnte passieren, dass sich eine Kundin von einem Foto begeistert zeigte, Paul aber abwinkte. Auch wenn es sich um einen zweifelsfrei hübschen Schnappschuss handeln mochte, von sich und seinen Fotos erwartete er einfach mehr.
"Ja, nicht schlecht", pflegte er dann zu sagen. "Aber das geht besser. Machen wir nochmal. Kostet auch nichts extra."
Seine Herangehensweise hatte er über die Jahre verfeinert: Bevor er sich ans Fotografieren machte, gab es ein ausführliches Kennenlern-Gespräch. Paul ließ sich viel Zeit, hörte zu, fragte nach: "Wer bist du? Woher kommst du? Was machst du, und was macht dich aus?" Wen er ablichten sollte, wollte er zunächst wahrgenommen haben, und zwar ohne Kamera. Dann erst ließ er seine Kundinnen und Kunden vor dem Objektiv Platz nehmen.
So entstanden zahllose Porträts, die in Firmenfoyers hingen, Familienchroniken lebendig machten, aber auch ganz gewöhnliche Bewerbungsmappen zierten.
Nicht nur die Porträtierten waren mit dem Ergebnis zufrieden, auch das Umfeld war voll des Lobes. Alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Wer jemals den Versuch unternommen hat, in einer Gruppe ein gemeinsames Lieblingsfoto auszuwählen, in Anwesenheit des Geknipsten, weiß um die schier unlösbare Aufgabe.
Paul lieferte keine Auswahl, er hatte stets nur einen Favoriten, und der war für alle über jeden Zweifel erhaben.
Doch unser Schokoladenseitensucher hatte ein Geheimnis. Ausgerechnet bei dem Menschen, den er am allerbesten kannte, wollte kein Foto gelingen. Von ihm selbst gab es nicht ein einziges annehmbares Porträt, jedenfalls nach seinen Maßstäben.
Unzählige Bilder hatte er dahingehend vergebens durchforstet. Und Paul war häufig fotografiert worden, in allen Lebensphasen, in den verschiedensten Situationen. Die Bilder stammten von seiner Familie, von Freunden, aber auch von Kollegen. Denn mit zunehmendem Erfolg wurde Paul zum Thema in den Medien.
Dabei war es nicht etwa so, dass er mit seinem Äußeren haderte. Sein Erscheinungsbild, Mund, Nase, Haare, Figur, die Spuren des Älterwerdens, nichts davon war für ihn ein Problem. Selbst in Spiegeln von Umkleidekabinen, die nun wirklich niemanden in günstigem Licht erscheinen lassen, sah er sich nicht ungern. Ja, eine gewisse Eitelkeit war ihm durchaus eigen.
Dass sogar Profi-Fotos seinem Anspruch nicht genügten, machte ihn stutzig. Denn er war weit davon entfernt zu glauben, einzig er verfüge über ein derartiges Talent. Es gab nicht wenige Kollegen, die er schätzte, deren Arbeiten er für mindestens ebenbürtig hielt. Einen davon suchte er kurzerhand auf, um sich von ihm ganz offiziell porträtieren zu lassen. Das Ergebnis war beeindruckend und doch…
"Hmm - meisterlich!", lobte Paul und hoffte, der Kollege merkte ihm die Enttäuschung nicht an.
"Na schön", dachte er. "Wenn es anderen nicht gelingt, dann muss ich es eben selbst in die Hand nehmen. Schließlich verfüge ich über alle technischen Möglichkeiten. Das wäre doch gelacht!"
Über Monate experimentierte er mit allerlei Selbstauslöserprogrammen, verschiedenen Kameras, Objektiven, Beleuchtungsszenarien und Hintergründen. Er variierte die Stimmungen, präsentierte sich nach einem erquickenden Spaziergang ebenso wie nach durchzechter Nacht. Sogar im Schlaf ließ er sich ablichten, das Hauptaugenmerk gerichtet auf den Moment des Aufwachens, forciert durch einen gnadenlos schrillenden Wecker.
Es half nichts. Er zog alle Register, spielte seine ganze Erfahrung und Kreativität aus, das Ergebnis blieb blass: Der Paul, den er kannte, kam auf den Fotos einfach nicht zum Vorschein. Es schien, als verweigere sich Paul als Objekt der Kamera und damit ausgerechnet dem Medium, dem er so viel Erfolg und Erfüllung verdankte.
"Wie kann das sein?", rätselte er. "Alle Welt rühmt meinen besonderen Blick auf die Menschen. Ich erkenne bei jedem meiner Fotos sofort: Jetzt hast du es! Das isses! Aber an mir selber scheitere ich kläglich wie jeder andere auch. Das ist ganz schön unfair, lieber Gott! Du hast mir doch diese Gabe geschenkt. Warum setzt du mir ausgerechnet eine solche Grenze?"
Aufträge blieben liegen, erste Kunden murrten ungeduldig, die Qualität seiner Arbeiten begann zu leiden. Seine Produkte waren zwar weiterhin brauchbar, aber insgeheim dachte er immer häufiger: "Das kann ich doch besser."
So konnte es nicht weitergehen. Paul nahm sich fest vor, dieses Kapitel abzuschließen, seinen Frieden mit dem seltsamen Phänomen des Unfotografierbaren zu machen und sich nicht mehr so wichtig zu nehmen.
Schon bald war er wieder der Alte, fand Schokoladenseite um Schokoladenseite. Und mehr. "Na, bitte!", frohlockte er. "Geht doch!"
Einzig, in der Öffentlichkeit war er zunehmend kamerascheu. Die einen schoben das auf seine Bescheidenheit, die anderen auf den Spleen des prominenten Künstlers.
Und dann kam dieser Urlaub.
Paul hatte sich ein paar Tage Auszeit gegönnt, war in den Süden gereist, wollte ein bisschen abschalten.
Als er eines Abends durch die Gassen schlenderte, fiel ihm ein junger Mann auf, dunkle Locken, gewinnendes Lachen, einer der zahlreichen Straßenkünstler. Er saß neben einer Staffelei mit einem großen, weißen Blatt und spielte demonstrativ mit einem Stift in der Rechten. Umgeben war er von zahlreichen gezeichneten Porträts, Humphrey Bogart, Arnold Schwarzenegger, Audrey Hepburn, Ausweise seines Könnens. Der touristenerfahrene Mann bemerkte, wie Paul den Blick anerkennend über die Zeichnungen schweifen ließ, und machte eine einladende Geste.
Aus einer Laune heraus willigte Paul ein: "Na los! Zeig, was du draufhast!"
Der junge Mann deutete auf einen billigen Klappstuhl, Paul nahm Platz, und der Porträtzeichner machte sich ans Werk.
Keine Viertelstunde war vergangen, da rief der junge Mann: "Okay!"
Paul besah sich das Bild - und war fassungslos. "Dieser Bursche hat es doch tatsächlich geschafft: Das bin ich!"
Ihm schossen Tränen in die Augen. "Das gibt es doch nicht! Wie hast du das gemacht?" Er kam nicht umhin, ihn zu umarmen, und drückte seinem verdutzten Porträtisten alles Bargeld in die Hand, das er bei sich trug.
Als Paul wieder zu Hause war, schlich er des Nachts in sein Atelier, unter dem Arm das Porträt, immer noch in einer Hülse, wie vom Zeichner sorgsam für die Heimreise verpackt. Paul war nervös, er hatte das Bild seit jener Nacht nicht mehr betrachtet. Nun fürchtete er die Enttäuschung. Man kennt das von Urlaubsmitbringseln: Der köstliche Trank vom sonnigen Strand entpuppt sich daheim als ziemlich gewöhnlicher Landwein, der Zauber ist verflogen.
Hier nicht. Wieder kamen ihm die Tränen, als er sein Konterfei sah.
"Dass ich diesen Urlaubsort gewählt habe, dass ich an diesem Abend in dieser Gasse war, dass mir dieser junge Mann aufgefallen ist und ich mich auf etwas einließ, was ich noch nie im Leben gemacht habe, das war einfach Fügung. Danke, lieber Gott! Du kennst mich eben, und du weißt, was mir das bedeutet."
In der Bibel heißt es im Hohen Lied der Liebe: "Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin."
Seitdem hängt dieses Porträt im Eingangsbereich von Pauls Atelier an prominenter Stelle. Jeder bekommt es zu Gesicht, und alle zeigen sich begeistert.
Nur eine Frage beschäftigt die Betrachter: Wer ist dieser Mann?
Es gilt das gesprochene Wort.
Musik dieser Sendung:
1. Chris Roberts, Ich kenn deine Schokoladenseite
2. Yes, Roundabout
3. Madonna, Who’s That Girl?
4. Roberta Flack, The First Time Ever I Saw Your Face
5. Bo Diddley, You Can‘t Judge a Book by Looking at the Cover
6. Bill Ramsey, Souvenirs
7. Uriah Heep, Look at Yourself
8. Yes, Roundabout (Intro)
9. Erroll Garner, Like It Is