Maria - mehr als nur Mutter. Ihr Magnifikat ist ein revolutionäres Lied. Wie hat die prophetische Frau ihren Sohn Jesus geprägt? Und was sagt das über Weihnachten?
Sendetext nachlesen:
Schaufensterbummel im Advent. Ich bin auf der Suche nach Weihnachtsgeschenken. Einladend dekorierte Fenster locken mit Deckchen, Kissen und Kerzen. Bei einem der Kissen stutze ich. Es trägt den Aufdruck "Frauenparkplatz". Was sich der Designer wohl dabei gedacht hat? Soll das Kissen einen Platz auf dem Sofa reservieren - für eine Frau, die dort sitzen darf? Vermutlich ist es witzig gemeint. Wer auf solche Gedanken kommt, denke ich, muss ein Mann sein.
Denn der Begriff Frauenparkplatz ist nicht so gemütlich. Solche Parkplätze wurden zur Sicherheit von Frauen in Tiefgaragen und Parkhäusern eingerichtet - Orte, an denen Frauen schon oft überfallen worden sind.
Ich finde es nicht witzig, mit dem Begriff Frauenparkplatz verharmlosend zu spielen. Wer sich das ausgedacht hat, nimmt die Gefährdung von Frauen durch meist männliche Gewalt nicht zur Kenntnis.
Wie viele Dinge werden von Männern hergestellt, und sie bedenken die Perspektive von Frauen oft nicht mit. Oder wenn doch, dann wird es manchmal merkwürdig.
Mit solchen Gedanken setze ich meinen Weihnachtsbummel fort. Wo ist denn überhaupt die weibliche Sicht auf das Weihnachtsfest?
Auf der Suche nach der weiblichen Sicht auf Weihnachten: Mir fällt Maria ein und ihr Lied. Das Magnifikat. Sie war schwanger, als sie es gesungen hat. Für mich eins der schönsten Lieder der Bibel.
Die junge Maria ist verlobt mit dem Zimmermann Josef. Da bekommt sie ganz überraschend Besuch. Ein Engel tritt zu ihr, spricht sie an: "Sei gegrüßt, du Begnadete, Gott ist mit dir." (Lukas 1,28)
Eine ungewöhnlich ehrenvolle Anrede für eine einfache Frau. Der Gottesbote verkündigt ihr, sie werde schwanger werden. Das Kind soll Jesus heißen, ein besonderes Kind: Sohn des Höchsten. (Lukas 1,31-32) Maria fragt überrascht nach: "Wie soll das geschehen, da ich noch von keinem Manne weiß?" (Lukas 1,34) Zwar ist Maria verlobt, aber von einem Mann noch unberührt.
Der Engel antwortet Maria: "Die Kraft des Heiligen Geistes wird über dich kommen." (Lukas 1,35) Eine Erklärung, so unerhört wie geheimnisvoll. Maria wird klar, dass sie in eine göttliche Sphäre hineingezogen wird.
Doch die Begegnung mit dem Engel verschlägt Maria nicht die Sprache. erklärt sich einverstanden. Mit ihrer Antwort beweist sie Haltung, glaubensfest und klar: "Siehe, ich bin die Dienerin Gottes. Mir geschehe, wie du gesagt hast." (Lukas 1,38)
Nach dieser ungewöhnlichen Begebenheit macht sich Maria auf den Weg, um ihre ebenfalls schwangere Kusine Elisabeth zu besuchen. Elisabeth ist schwanger in einem Alter, in dem sie kein Kind mehr erwartet hat. Die junge Frau bei der älteren. Ein denkwürdiger Besuch. Bei der Ankunft Marias hüpft das Kind im Bauch Elisabeths vor Freude. Mutter und das werdende Kind ahnen, welch hoher Besuch zu ihnen kommt.
Da bricht es aus Maria heraus, und sie fängt an zu singen:
"Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilands.
Denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.
Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder.
Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist
und dessen Name heilig ist.
Und seine Barmherzigkeit währt für und für bei denen, die ihn fürchten.
Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.
Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.
Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.
Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf.
Wie er geredet hat zu unseren Vätern, Abraham und seinen Nachkommen in Ewigkeit."
(Lukas 1,46-55)
"Meine Seele erhebt den Herrn" – auf Latein "Magnificat". Unter diesem Namen ist das Lied der Maria bekannt. Ein Lied von prophetischer Kraft, ein aufwühlendes Lied.
Maria besingt, wie die göttliche Welt hereinbricht in ihre Welt, wie Gottes Barmherzigkeit alles verändert, auch das Unrecht: "Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen." Diese Gewissheit einer besseren Welt gibt dem Magnifikat seine revolutionäre Kraft.
Und Maria preist Gott, der sie auserwählt hat. Sie, die niedrige Magd, wie Luther übersetzt. Für Maria eine ungeahnte Wertschätzung, ein Empowerment, in heutigen Worten. Maria erfährt sich nicht länger als niedrig. Sie erlebt eine Umwertung der Werte, an ihrer eigenen Person. Und sie sieht die angeblich Mächtigen in neuem Licht.
Ihre prophetische Vision beschreibt nichts weniger als den Umsturz der Gesellschaft, das Ende der Hierarchie zwischen Arm und Reich. Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer hat ihr Magnifikat als Revolutionslied Gottes bezeichnet, als das leidenschaftlichste, wildeste, revolutionärste Adventslied. (1)
Maria, eine wilde, revolutionäre Prophetin.
Gleichzeitig zeigt sie sich fest verankert in ihrer jüdischen Tradition. Denn ihr Magnifikat ist jenem Lobpsalm nachgebildet, den eine Frau namens Hanna im Alten Testament angestimmt hat. Hanna hatte lang vergeblich auf ein Kind gewartet. Als sie endlich schwanger geworden ist und einen Sohn geboren hat, bricht sie in Jubel aus, so wie Jahrhunderte später Maria. (1. Samuel 1,1-10)
Maria, eine glaubensstarke jüdische Frau. So preist sie Gott, ihren Befreier aus der Niedrigkeit. Maria, eine von Gott herausgehobene Frau: "Du Begnadete", hatte der Engel sie angesprochen. "Gott hat große Dinge an mir getan", singt Maria.
Was bedeutet es für einen Sohn, eine solche Mutter zu haben - die mit prophetischer Kraft Gottes barmherziges und gerechtes Tun besingt?
Denn Maria wird ihren Sohn Jesus sicherlich geprägt haben.
Die Botschaft, mit der Jesus als Erwachsener predigend durchs Land zog – woher hatte er die eigentlich? Von seinem himmlischen Vater? Aus den jüdischen Schriften, die er studiert hat? Bestimmt. Aber: Wer hat ihn erzogen, das Fundament gelegt?
Marias prophetisches Magnifikat ist nicht ohne Konsequenz geblieben. Ich bin überzeugt, Maria hat Anteil an den Glaubensüberzeugungen ihres Sohnes – auch wenn sich Jesus später in einigen biblischen Geschichten kritisch gegenüber seiner Mutter geäußert hat. Aber die Grundlagen hat ihm Maria mitgegeben.
Die jüdische Mutter aus niedrigen Verhältnissen, sie hat ihrem Sohn erzählt von einem Gott, der barmherzig ist. Maria hat Jesus erzogen. Und der Same, den sie in ihren Sohn gelegt hat, der hat Früchte getragen.
Diese Erziehung, die Maria geleistet hat, spielt bis heute keine Rolle. Maria ist als Gottesgebärerin gerühmt worden, als Mutter des göttlichen Kindes. Maria wurde Bedeutung zugeschrieben allein durch den Sohn, den sie geboren hat.
Dafür wurde sie sogar in den Himmel gehoben. Papst Pius XII. erklärte im Jahr 1950 die leibliche Aufnahme Marias in den Himmel zum Dogma. Nun ist es durchaus anerkennenswert, dass Maria einen besonderen Platz im Himmel bekommen hat.
Der himmlischen Maria wurde bereits seit dem Mittelalter eine beachtliche Verehrung zuteil: Nicht nur als Mutter Jesu wurde Maria angebetet, sondern auch als himmlische Mittlerin. Für die Gläubigen sollte sie bei Gott und Jesus Fürsprache halten.
Der Protestantismus hat diese Marienverehrung nicht übernommen. Er hat Marias Bedeutung als allein auf Christus bezogen verstanden. Martin Luther befindet in seiner Auslegung des Magnifikats: Maria ist "eine im ganzen Menschengeschlecht einzigartige Person [...], weil sie mit dem himmlischen Vater ein Kind hat, und zwar ein solches Kind." (2)
Wenn Luther Maria als "hochgelobte Jungfrau" (3) und als "feine Mutter Christi" (4) pries, dann galt sein Lob nicht in erster Linie Marias Person, sondern Gott. Im Sinne seiner Rechtfertigungslehre, nach der sich Gott den Menschen allein aus Gnade zuwendet, sah er auch Maria, "ein verachtetes, geringes Mägdlein ohne Ansehen" (5). Luther versteht Maria als "das allervornehmste Beispiel der Gnade Gottes" (6), also im Grunde als Medium für Gottes Heilstat.
Die feministische katholische Theologin Catharina Halkes hat Maria einen Brief geschrieben:
"Liebe Maria,
im Lauf der Jahrhunderte bist Du, Maria, über Deine persönlichen und biblischen Züge hinaus zum Symbol verfertigt worden. Sie haben Dich Deiner Mutterschaft wegen himmelhoch emporgehoben, Dich Deiner Jungfräulichkeit wegen auf eine Säule gesetzt. Dadurch wurdest Du für uns Frauen immer unkenntlicher...und Du wurdest für die modernen Männer, die in Jesus den kritischen Propheten sehen wollen, immer uninteressanter. … Es tut mir immer mehr weh, Maria, wenn ich merke, dass auch Theologen – manche Frauen und beinahe alle Männer – es nicht mehr der Mühe wert finden, über Deine Bedeutung in der Heilsgeschichte nachzudenken." (7)
Die Säule, auf die Maria laut Catharina Halkes gestellt worden ist, diese Säule ist im Grunde ihr Frauenparkplatz. Maria, geparkt im Himmel, eine entrückte Säulenheilige. Maria auf einem himmlischen Podest - fern, unerreichbar, allen irdischen Kategorien enthoben. Und als Mensch blass.
Wo aber findet sich in der Wirkungsgeschichte Marias der Zusammenhang zwischen ihrer starken prophetischen Rede im Magnifikat und ihrer Rolle als Mutter Jesu? Ich habe keine Hinweise darauf gefunden. Auch Catharina Halkes stellt fest:
"Wir kennen Maria nur in ihrer Beziehung zu Jesus, in einem ziemlich realitätsfernen Verhältnis von Mutter und Kind." (8)
Immerhin gibt es aus dem 20. Jahrhundert ein Gemälde mit einem Bezug zum Erziehungsalltag Marias. Der surrealistische Künstler Max Ernst zeichnet ein sehr eigenes Bild der Gottesmutter: Maria züchtigt ihren Sohn. (9) Sein Bild zeigt, wie die Mutter den Gottessohn übers Knie legt und verhaut. Sein Heiligenschein rollt dabei über den Boden. Das ist sicher nicht ohne Witz gemeint. Abgesehen davon, dass man auch als Gottesmutter sein Kind nicht schlägt: Es weist auf seine Weise darauf hin, dass eine Mutter auch ihre liebe Mühe mit dem Söhnchen haben kann, selbst wenn es sich um den Gottessohn handelt.
Maria hat ihrem Sohn Jesus gemäß ihrer jüdischen Glaubenstradition von Gott erzählt. Ich stelle mir vor: Das Gebot der Nächstenliebe mag sie ihm nahegebracht haben: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." (3. Mose 19,18)
Sie mag ihm von der Verkündigung des Propheten Amos erzählt haben: "Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach." (Amos 5,11.24).
Vielleicht hat sie ihm aus dem 94. Psalm vorgelesen: "Erhebe dich, du Richter der Welt; vergilt den Hoffärtigen, was sie verdienen." (Psalm 94,2) "Denn Recht muss doch Recht bleiben." (Psalm 94,15)
Bei Jesus sind diese Überzeugungen immer wieder zu finden. Jesus hat selbst Barmherzigkeit und Gerechtigkeit gepredigt, sich kritisch gezeigt gegenüber einem reichen Kornbauern (Lukas 12,16-21) und wertschätzend gegenüber einer armen Witwe (Markus 12,41-44).
Auch Jesus verkündete die Umkehr der Verhältnisse: "Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden." (Matthäus 23,12) Und: "Die Letzten werden die Ersten und die Ersten die Letzten sein." (Matthäus 20,16)
Maria hat ihren Sohn gut erzogen. Dafür braucht sie weder einen Frauenparkplatz im Himmel noch eine Säule. Für mich sind Lebensweg und Botschaft Jesu nicht vorstellbar, ohne seine Herkunft zu berücksichtigen: die Erziehung durch eine prophetisch begabte jüdische Frau – Maria, seine Mutter.
Es gilt das gesprochene Wort.
Musik dieser Sendung:
1. J.S. Bach, Magnificat, Eingangschor
2. Schütz, aus dem Deutschen Magnifikat: Er stößet die Gewaltigen vom Stuhl
3. Mendelssohn-Bartholdy, Mit der Gewalt seines Arms
4. Maria durch ein Dornwald ging
5. SONOTON, Xmas LOFI, I heard a Bass on Christmas,
Literatur dieser Sendung:
1. Predigt vom 17.12. 1933, Dietrich Bonhoeffer Werke, Band 13: London 1933-1935, hrsg. v. Hans Goedeking, Martin Heimbucher und Hans-Walter Schleicher, München: Chr. Kaiser Verlag 1994, S. 338-343. siehe https://jochenteuffel.com/2024/12/20/dietrich-bonhoeffer-predigt-zu-lukas-146-55-london-1933-maria-die-harte-fromme-in-ihrem-alten-testament-lebende-und-auf-ihren-erloser-hoffende-niedrige-arbeiterfrau-die-mutter-gott/)
2. Luther, Magnifikat, S. 77, Angaben nach Franz Courth, S.A.C., Vallendar, MthZ 34, S. 279-292 oder auch: Luther: Magnifikat, DDStA 1,423, 18-21 (Luthers Auslegung und Übersetzung des Magnifikat (1520/21) in: Martin Luther. Deutsch-deutsche Studienausgabe (zitiert als: DDStA, Seitenzahl, Zeilenzahl), Band 1: Glaube und Leben, hg. von Dietrich Korsch, Leipzig 2012, S. 363-483)
3. Luther: Magnifikat (DDStA 1, 371, 25).
4. Luther: Magnifikat (DDStA 1, 375, 21
5. Luther Magnifikat, S. 63, Angaben nach Franz Courth)
6. Magnifikat, S. 71, nach F. Courth
7. Catharina J.M. Halkes, Liebe Maria, lieber Petrus, hg. Raul Niemann, Gütersloh 1988, S. 11f
8. Catharina J.M. Halkes, Gott hat nicht nur starke Söhne, Gütersloh 1982, S. 105
9. Max Ernst, "Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen: André Breton, Paul Éluard und dem Maler", 1926, Museum Ludwig, Köln