Es gibt Worte wie Perlen. Und sie glänzen noch mehr, wenn man eine Geschichte zu ihnen erzählt. Unser Autor erzählt eine Geschichte zu einem Satz von Jesus.
Sendetext:
Eines der für mich kostbarsten Güter ist Weisheit. Denn dieses Gut hat das Gute im Blick. Weisheit gibt eine Richtung vor. Das lässt mich aufatmen, wenn es eng wird und ich stocke. Sie gibt mir Schwung, ich gehe weiter.
Weisheit tut mir gut, weil es so viel Dickicht gibt. Immer wenn ich nur annähernd eine Antwort auf eine Frage gefunden habe, die das Leben stellt, taucht oft schon die nächste Frage auf. Und wieder gilt es zu suchen, sich im Nebel neu zu orientieren. Wie gut, wenn dann etwas leuchtet und dem Nebel das Undurchdringliche nimmt.
Allerdings trauen viele der Weisheit nur wenig zu: Das klingt doch schon so altertümlich: weise sein. Man denkt an Poesiealben, an gebückte, alte Kräuterfrauen, an Männer mit weißem, langen Bart wie Miraculix, der Druide in "Asterix und Obelix". Sollen wir auf Zaubersprüche hoffen, auf Gurus, sonderbare Riten und Schamanen? Oder helfen uns am Ende vergilbte Blätter aus Zeiten, als man Bücher noch mit Tinte schrieb? Aber ja. Ich glaube, alte Weisheit kann das Leben jetzt erhellen.
Tatsächlich finde ich zum Beispiel in Schriften der Bibel Orientierung. Es geschieht nicht jedes Mal, vieles, was ich höre oder lese, treibt an mir vorbei. Doch dann kann es geschehen, überrascht mich jedes Mal: Obwohl uralt, lassen mich ihre Worte alle Müdigkeit vergessen, wenn ich sie höre. Sie wirken aufbruchslustig, überhaupt nicht alt. Manchmal sind sie so stark, dass sie blenden, erschrecken, sie wecken auf. Und ich bin wach, hellwach. Dann ist alles klar, vielleicht nur für einen Augenblick. Aber die Aussicht ist fantastisch. Und es fühlt sich an, als ob dieser Augenblick für alle Zeiten wäre.
Warum glückt der Bibel das? Weil sie erzählt, so erlebe ich das jedenfalls. Denn wer erzählt, kann nicht anweisen, anordnen, belehren, von oben herab. Das Erzählen ist frei, nicht regelbar, ansonsten verliert es seinen Zauber. So nimmt mich die Weisheit der Bibel mit. Sie leugnet nicht das Dickicht, nicht Dämmerung und Düsternis. Aber sie lockt mich hinaus, zeigt ins Licht. Jesus ist in der Bibel ein großer Erzähler. Seine Geschichten spielen in Küchen, unter Obstbäumen, im Stall, auf dem Feld oder einem Acker. Sie sind für mich voller Reichtum. Dabei sagt er oft nur wenige Worte. Manchmal trifft mich ein Satz von ihm, begeistert. Klingt einfach und geheimnisvoll, schillert, wirkt auf mich wie eine Perle. Um den Glanz einer dieser Weisheitsperlen des Erzählers Jesus nahezubringen, erzähle auch ich eine Geschichte.
Die Geschichte handelt von einer Forscherin. Die Forscherin selbst würde das vermutlich nicht von sich sagen, es klänge ihr zu hochtrabend. Aber ich glaube schon, dass man sie so nennen kann. Denn Luzie sucht – nach etwas Großem. So etwas wie Leidenschaft.
Und das ist gar nicht so einfach. "Was willst du einmal werden?" Schon als Kind schüttelte sie bei dieser Frage den Kopf. "Lasst mich in Ruhe." Dabei will sie gern herausfinden, wohin es im Leben gehen wird. Ihr geht es um mehr als einen Beruf. Nur weiß sie noch nicht, was genau dieses Große ist. Es ist eine unbestimmte Sehnsucht. Trotzdem hat sie das sichere Gefühl: "Es ist wichtig, ganz entscheidend."
Manchmal merkt sie: Sie ist auf der richtigen Spur. Sie hat eine Freundin, die in ihre Klasse geht. Ihr kann sie alles sagen, was ihr durch den Kopf geht. Sie würde sie nie auslachen. Manchmal lachen sie zusammen. Dann hat Luzie das Gefühl, mit sich einverstanden zu sein.
Ist das Gesuchte so etwas wie eine Energie? Luzie interessiert sich tatsächlich für Lichtanlagen und Schaltkreise. Sie hat mehrere Experimentierkästen. Gerade erst hat sie die Verbindungen für ein Radio zusammengesteckt. Allerdings ist sie nicht in der Physik-AG, wo ohnehin fast nur Jungen sind. "Völlig absurd", sagt sie zu ihrer Freundin. "In welchem Jahrhundert leben wir? Jungen können Physik und Mathe. Mädchen dagegen lieben Pferde. Sie gehen zum Ballett. Außerdem malen sie gern." Sie schütteln den Kopf und lachen.
Luzie war nie beim Ballett. Sie bewegt sich trotzdem oft und gern. Am liebsten in ihrem Zimmer. Die Tür ist zu. Denn Mama und Papa sollen sie nicht sehen, auch ihr kleiner Bruder nicht. Langsam fängt sie an, streckt die Arme aus. Dann macht sie mit ihnen Kreise. Sie spürt, wie sich ihr Körper weitet und dehnt. Luzie schließt die Augen. Jetzt bewegt sie sich durchs Zimmer, als würde statt Luft Wasser in ihm sein. Das klingt merkwürdig, weil ein Zimmer nun mal kein Schwimmbecken ist. Aber so fühlt es sich eben an: wie Tauchen, als würde sie sich fast schwerelos bewegen.
Luzie merkt, wie sich etwas zu lösen beginnt. Sie macht die Augen auf, beginnt sich schneller zu drehen, fängt zu hüpfen an, wirft Arme und Beine von sich. Sie atmet heftig, bemerkt es aber nicht. Denn das Tanzen strengt nicht an. Alles ist leicht. Immer schneller dreht sie sich. Dann lässt sie sich aufs Bett fallen. Sie lacht. Ganz still liegt sie da. Langsam beruhigt sich ihr Atem.
Sie leuchtet, würde jemand denken, der sie jetzt sehen könnte. Luzie fängt zu pfeifen an.
Das Pfeifen hat sie nicht lernen müssen, es war wohl schon immer da. Auffallend musikalisch ist sie nicht. Sie spielt noch nicht mal ein Instrument. Nur Melodika. "Aber das ist doch kein richtiges Instrument", sagt ihre Freundin. Da geht es vor allem darum, dass jeder in der Klasse Noten lernt. Man bläst in einen Schlauch, der mit dem Klangkörper verbunden ist. Dazu drückt man weiße und schwarze Tasten. "Die obersten Tasten sind verboten!", sagt die Musiklehrerin. "Tut in den Ohren weh!" Dann schauen Luzie und ihre Freundin sich an, können nur mühsam ein Losprusten unterdrücken: Wenn es nur die obersten Tasten wären …
Lieber pfeift sie. Einfach so.
"Schluss damit!" Einmal erschrak sie, als ein Lehrer das sagte. Sie hatte gar nicht verstanden, was er wollte. Sie war in eine Aufgabe vertieft. Stillarbeit. Nur war sie wohl nicht still gewesen, weil es in ihr zu pfeifen begonnen hatte. Keiner hatte protestiert, niemand schien sich daran zu stören – außer dem Lehrer.
Seitdem versucht Luzie darauf zu achten, in der Schule nicht unversehens vergnügt zu sein. Sie ist ja auch kein Mädchen mehr, das Kinderlieder trällert. Andererseits hat dieses Pfeifen nichts mit Kinderliedern zu tun. Es fängt immer wieder an.
Hat das Pfeifen etwas mit dieser Leidenschaft zu tun, nach der sie sucht? Diese Energie muss so etwas wie Licht sein. Eine Kraft, die nicht protzt. Sie ist leise und trotzdem stark. Luzie findet davon etwas in einem Buch. Männer und Frauen werden vorgestellt, die als Vorbild taugen. Sie treten für Frieden ein, haben die Solarzelle erfunden. Jugendliche sind darunter, sogar Kinder. Sie sammeln etwa Geld, um Hunderttausende Bäume zu pflanzen. Eine ist allein um die Welt gesegelt. Luzie ist begeistert! So etwas will sie auch machen, aber etwas Eigenes, etwas Neues. Sie schmiedet Pläne, aber kommt nicht richtig damit weiter.
Liegt es daran, dass sie genug zu tun hat, sich um ihren Bruder zu kümmern? Mama und Papa sind oft unterwegs. "Als ob ich nicht selbst genug für die Schule zu tun hätte!" Das sagt sie, wenn sie ihm bei den Hausaufgaben helfen soll. "Oh, wir wussten gar nicht, dass du neuerdings so gerne für die Schule lernst", sagt Mama. Sehr lustig.
Dann hilft sie ihrem Bruder aber doch. Manchmal hat sie den Eindruck: Ihre Eltern wissen nicht genau, wie sie reagieren sollen, wenn er einen Energieausbruch hat. So nennt sie es. Stifte fliegen durch die Luft. Er stampft auf den Boden. "Ich hasse Schule!", schreit er. Sie lacht. Zusammen erfinden sie immer neue Schimpfwörter, gegen Aufgaben, Schule, Vorschriften, gegen Regeln, die nicht gerade immer sinnvoll sind. Und sie fangen an zu hüpfen. Oder sie beginnt zu pfeifen. Ihr Bruder pfeift nicht. Kann es nicht. Aber ist erleichtert. Denn Papa und Mama rufen, wenn er wütend ist: "Beruhige dich!" Seine Schwester dagegen tanzt mit ihm. Bald wird er ruhig. Ab und zu versteht er etwas, was sie erklärt. Dabei hat Luzie wirklich keinen Ehrgeiz, zu einer Nachhilfe-Schwester zu werden. Manchmal schreibt sie deshalb einfach nur die Lösungen der Rechenaufgaben auf ein Blatt Papier, die er dann in sein Heft überträgt.
Abends liegt Luzie im Bett. Sie denkt: "Ich bin ganz nah dran!" Aber den entscheidenden, zündenden Hinweis auf diese so sehr ersehnte Kraft ist ihr noch nicht gekommen. "Wo genau ist diese Energie? Wo soll ich weitersuchen?"
Eines Tages denkt Luzie, die Forscherin: Das Licht ist ganz in meiner Nähe. Die Idee ist ihr gekommen, als sie ihre Tante besuchte. Die viel zuhause arbeitet. Luzie gefällt, wie ihr Schreibtisch aussieht: Er scheint ein Experimentierfeld zu sein. Auf ihm finden sich Papiere, Bücher, Stifte, Mappen, Figuren, Kästchen, Steine. Die Wand über dem Tisch wirkt wie ein Mosaik. Es ist zusammengesetzt aus Karten, Fotos, Zetteln mit Zitaten. Und über dem Schreibtisch hängt ein Zettel: "Ihr seid das Licht der Welt."
Das bringt Luzie auf den Gedanken: Sie muss diese Energie, diese Kraft, gar nicht suchen, sie ist bereits in ihr drin. Sie leuchtet schon durch all das, was sie tut und denkt. Aber worauf kommt es dann jetzt noch an? Dass sie ihrer Kraft vertraut. Und sie fängt zu pfeifen an.
"Ihr seid das Licht der Welt." Das sagt Jesus in der Bibel. Der Satz ist für mich eine Perle der Weisheit. Jesus zeigt sich damit in seiner ganzen Größe, denn er macht andere nicht klein, sondern sieht den Menschen, wie er ist und werden wird: licht, voll sonderbarer Kraft und Schönheit. Jesus hat diese Worte am Anfang seiner berühmten Bergpredigt gesagt. Und dann weiter: Keiner stellt einen Leuchter unter den Stuhl. Deshalb: "Lasst euer Licht leuchten vor den Leuten."
Es gilt das gesprochene Wort.
Musik dieser Sendung:
Alle Aufnahmen: Harfe: Bettina Linck, Tonmeister: Robert Foede © www.bettinalinck.de & www.ganzton.de 2012 / 2014
1. Féix Godefroid, Etude de concert
2. Giovanni Battista Pescetti, Moderato der Sonate in c-moll
3. Georg Friedrich Händel, Passcaglia in g-moll
4. Heriette Renié, Animato aus Legende
5. John Thomas, Variation 4 aus The Ministrel’s Adieu zu his Native Land