Am Sonntagmorgen
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Lieder voller Leidenschaft
Poesie der Psalmen
08.02.2015 07:35

Das Buch der Psalmen heißt zu Deutsch: Das Buch der Lieder. Der Name lässt ahnen, wohin das Buch locken will: In eine Landschaft jenseits der langen Reden und Theorien.

Mich umgeben viel zu häufig Wüsten, die mich zwingen, durch den Sand der Informationen zu wandern. Wenn ich das Internet aufrufe, taucht Seite um Seite vor den Augen auf. Erklärungen, die kein Ende nehmen. Ich kombiniere, ziehe Schlüsse, hoffe wie alle anderen möglichst gut Bescheid zu wissen. In der Welt der Informationen gilt es mitzuhalten.

Das fällt jedoch schwer, weil die Betriebstemperatur nicht steigen soll. Wer Gefühle zeigt, gerät ins Hintertreffen. Ausgefallene Töne haben keinen Platz. Stattdessen ist ein Ton in sanfter Mittellage gefragt. Ich erlebe ihn bei Arbeitssitzungen und Empfängen, auch bei Familienfeiern, Freunden und Partys. Es ist ein Sprechen, bei dem sich Formel an Formel reiht.

Wenn es lebendig wird, klingt das oft wie antrainiert. Politiker versehen jedes Wort, das sie sprechen, gern mit einem Hammerschlag. Geschäftsmäßige Begeisterung. Nur ja nicht die Kontrolle verlieren! Denn das könnte in eine aufregende, unbekannte und geheimnisvolle Welt weisen … Nach ihr sehne ich mich.

 

Ich suche den Überschwang in Kirchen, in den Häusern, die die großen Träume hüten. Wo, wenn nicht hier, müssten Gefühle zum Zuge kommen dürfen.

Doch selbst in Gotteshäusern erlebe ich: Selten wird geklagt, geschimpft, geseufzt. Selten wird gejubelt. Mir fällt ein bestimmter Gebetsklang auf: Eingangs wird Gott angesprochen, dann aber nichts von ihm verlangt. Warum wird er dann angerufen? Dafür wird Wissen ausgebreitet, Kenntnisse über das Leben. Das ist wohlüberlegt, informativ und sicher richtig, aber ungefährlich. Und musikalisch schon mal gar nicht.

 

Das biblische Buch der Lieder schlägt andere Saiten an. Auch die Psalmen sind Gebete, aber solche, die als Lieder klingen. Die Überschriften enthalten Anweisungen zum rechten Musizieren: „Ein Psalm Davids, vorzusingen, beim Saitenspiel auf acht Saiten.“ Es sind Lieder, die in Bewegung bringen: „Eine Unterweisung Davids, vorzusingen, zum Reigentanz.“ Geheimnisvoll sind die Namen der Melodien: Es gibt Gesänge nach der Weise „Schöne Jugend“, „Die Hirschkuh, die früh gejagt wird“, oder auch: „Lilien, ein Brautlied“.

 

Bis in die Gegenwart inspirieren die Psalmen Komponisten und Dichter. Wenn man diese Gedichte und musikalischen Werke hört, kann man spüren: Die Psalmen leben vom Feuer der Gefühle. Es handelt sich um kein Plätschern. Es ist ein Brausen, ein Konzert der Stimmen. Einer fleht. Gott spricht. Zu anderen wird von Gott geredet. Eine ganze Gruppe singt. Gegner, Lügner, Feinde höhnen. Freunde trösten, königliche Idole treten ins Rampen­licht – und vieles davon passiert schon in einem einzigen Psalm. Die Fülle der Gefühle tritt auf, und zwar ungeschminkt: höchstes Glück, Todesverlassenheit, ein Wimmern und ein Klagen, Zerschlagenheit, Röcheln, zartes Hoffen, grenzenloser Jubel, Verzweiflung und immer wieder Aggressionen gegen Gegner, Mächtige und Menschen, die die Intrige pflegen. Aber da ist auch Wut auf Gott. Die Psalmen rufen ihren Schmerz in den Himmel, dessen sie sich nicht sicher fühlen. Gott darf belästigt werden.

Aber ist das überhaupt noch Musik? Ja, aber es ist kein sanftes Klingen. Klagende, ab­grundtiefe, himmelhoch jubelnde Klänge haben sich im Buch der Psalmen vereinigt. Kein frommes Allerlei, sondern radikal ehrliche, menschliche und rebellische Klänge. Die Psalmen entfachen einen Sturmwind der Gefühle. Das ist ein Bild, das Martin Luther für die Psalmen gefunden hat. Für ihn sind sie eine Kurzform des Christentums.

 

Die Psalmen sind keine Gebetlein, sondern Gebete. Und sie gelten als Weltliteratur. Ihre Poesie ist keine weltfremde Künstlichkeit, sondern im Alltag angesiedelt. Kennzeichen ist ihre Bilderfülle. Anders als Gedichte, die durch einen klingenden Reim verbunden sind, reimt die hebräische Sprache mit Bildern.

„Da erwachte der Herr wie ein Schlafender, wie ein Starker, der beim Wein fröhlich war.“ Bild eins reimt sich mit Bild zwei. Das erste Bild wird im zweiten variiert, verändert und weitergeführt. Manche Bibelausleger bezeichnen das als primitiv. Da werde Gleiches doch mit ähnlichen Worten nur wiederholt. „Da erwachte der Herr wie ein Schlafender, wie ein Starker, der beim Wein fröhlich war“, das meine doch: Gott handelt, nachdem er eine Zeit lang verborgen schien: „Warum denn dieses bildliche Drumherumreden?“

Ein kläglicher Einwand. Er weiß nichts von der ungeheuren Macht der Bildersprache. Bilder lassen sich nicht umzäunen, man kann ihrer nicht habhaft werden, sie werden nie Besitz. Die Psalmen locken stattdessen in die Offenheit. Denn ihre Bilder lassen sich mit eigenen Farben weitermalen. Dabei hilft der Bilderreim, weil er der Fantasie immer neue Nahrung gibt. Gott, um bei dem Zitat aus Psalm 78 zu bleiben, erwacht. Da stelle ich mir vor, wie sich jemand rekelt, die Augen reibt, auf der Bettkante sitzt und jetzt beginnt, Morgengymnastik zu machen. Doch damit nicht genug: diese Vorstellung wird variiert durch den Vergleich mit dem Starken, der beim Wein fröhlich war. So male ich an dem Bild weiter: Der Kopf des Erwachenden brummt. Er wird eine Menge Wein getrunken haben! Gott liebt offenbar Feste, denke ich mir, hat ein großes Herz, ist ein Starker, auf dessen Wachheit ich jetzt hoffen darf.

Das sind Assoziationen, die sich bei mir regen – andere denken sich anders in den Bilderreim hinein. Aber dass sie es auf je persönliche Weise können, ist ein Verdienst dieser Poesie. Sie ist nicht primitiv, sondern leicht. Denn sie überfrachtet nicht mit Informationen, Ratschlägen und Meinungen, sondern lockt in ein Schauen mit immer neuen Perspektiven.

Deswegen vergilbt die Poesie der Psalmen nicht, sie verbraucht sich nicht: Diese Lieder engen nicht ein, kauen einem nichts vor, erklären nicht alles bis ins letzte Detail. Stattdessen darf ich den Weg von Bild zu Bild, von Aussage zu Aussage selber suchen.

 

Das vielleicht Charakteristischste an den Psalmen: Mit dem kleinen Glück geben sie sich nicht zufrieden. Der überwiegende Teil der 150 Lieder besteht aus Klagen, Wut, Verletzung und Enttäuschung: nichts für empfindliche Gemüter. Oder nein, umgekehrt! Gerade die Empfindlichen, die Bedrückten und Verschreckten finden eine Stimme. Und diese Stimme ist stark!

Und wagen es, Gott zu provozieren: „Wird man im Grabe erzählen deine Güte und deine Treue bei den Toten?“ (Psalm 88) Solch eine rhetorische Frage wird Gott doch hoffentlich noch beantworten können. In der Verzweiflung wird der offene Konflikt gesucht: „Wache auf, Herr! Warum schläfst du?“ (Psalm 44) Beten macht nicht klein – im Gegenteil.

Die Aggression allerdings ist indirekt ein Geständnis der Liebe. Mögen die Psalmen auch unverschämt sein: Sie versuchen alles, um Gott zu wecken, nicht weil sie ihn gering schätzen, sondern weil sie Achtung vor ihm haben, vor dem, was er kann, aber nicht immer tut. Mit dieser rätselhaften Dunkelheit, die Gott umgibt, können sie sich nicht begnügen. Er ist nicht tot, er schläft!, sind sie überzeugt. Und wer schläft, wird erwachen. Aber wann? Das kann niemand sagen. Dass es sein wird, ist die Überzeugung dieser Lieder. Sie haben den Mut, die Sehnsucht nach dem großen Glück nicht aufzugeben.

 

Am Ende des Psalmenbuches schlägt die Klage in Jubel um. Ungebremst tönt die Verzweiflung, jetzt bricht das Lachen hervor. Mit fünf Halleluja-Psalmen schließt das Buch, mit einer sich stetig steigernden Aufforderung zum Singen.

Trompeten tönen, Pauken, Harfen, Zimbeln – alles, was Atem hat, soll klingen. Wie ist das möglich? Wie kann aus einer so tiefen Enttäuschung Freude werden? Die Psalmen verbieten sich das Klagen nicht, damit hat es gewiss etwas zu tun. Denn wer klagt, kann nach und nach in eine nicht für möglich gehaltene Erleichterung finden. Vom Schmerz zur Freude kommen – das hat aber auch damit zu tun, dass die Psalmen nicht aufhören, auf Gottes Stimme zu hoffen. Sie kann Frieden bringen, gerade weil sie nicht immer sanft und leise ist: Sie donnert, sprüht Feuerflammen, reißt Wälder kahl, heißt es in einem Psalm. Unter seiner Stimme hüpfen Berge wie Tiere, Gottes Wort läuft schnell. Er sendet es, „da schmilzt der Schnee, er lässt seinen Wind wehen, da taut es.“ Dieser Klang kann das Eis der Seele spalten. Er führt heraus aus einer Sprache, in der die Daten und Fakten herrschen. Wer könnte denn auf Dauer davon leben? Die Psalmen hoffen lieber auf Gottes Stimme, deren Geschmack sie für köstlich halten, kaum auszudenken fein: „süßer als Honig.“ (Psalm 119) Diese Stimme ist Musik – voller Leidenschaft.

 

Musik dieser Sendung:
Harfe, geheimnisvoll, melodiös, lockend: Bettina Linck spielt aus dem Moderato der Sonate c-moll von Giovanni Battista Pescetti - Sämtliche Musikaufnahmen der Sendung: © Bettina Linck (www.bettinalinck.de)