Hans-Georg Vorndran / fundus-medien.de
Sterben Christen, Juden und Muslime in gleicher Weise?
Das Verständnis des Todes in Christentum, Judentum und Islam
15.02.2026 08:35

Blumen, Figürchen, Kerzen. So können Gräber aussehen. Oder schlicht, fast so, als würde sich niemand darum kümmern. Die Art der Bestattung erzählt viel davon, wie Menschen verschiedener Religionen mit dem Tod umgehen.

Sendetext:

erleben ist: Sie feiern halt mit dem Toten das neue Leben im neuen Reich nach dem Tod, indem sie dann zu dreißigst, vierzigst, fünfzigst zum Grab gehen und feiern: essen trinken, zusammen sein mit dem Toten am Grab. Sind aber nicht die ganze Zeit beschäftigt, das Grab zu pflegen.

Olaf Ihlefeldt, Leiter des Südwestkirchhofs Stahnsdorf bei Potsdam, deutet an, wie unterschiedlich - je nach Herkunft und Religionszugehörigkeit der Verstorbenen - Gräber gestaltet sein können und wie die Angehörigen mit ihren Toten Umgang pflegen. Auch hinsichtlich der Deutung des Todes, der Vorbereitung auf das Sterben, der Bestattungsform und der Vorstellung vom Leben nach dem Tod gibt es Unterschiede zwischen Christen, Juden und Muslimen. Aber auch, mitunter überraschend, durchaus Verwandtes. Die evangelische Pfarrerin Anne Hensel in Berlin-Charlottenburg sieht den Tod auf diese Weise:

Für mich ist der Tod nicht ein Zustand, sondern eine Schwelle. Eine Schwelle, über die wir alle irgendwann gehen. Wann auch immer. Es gibt nur einen, der das weiß. Bei dem ist das gut aufgehoben. Und wann diese Schwelle irgendwann plötzlich kommt, und dann wechseln wir von der einen Seite auf die andere. Ich sag auch immer gerne, von der einen Hand Gottes in die andere, das ist noch eine schönere Vorstellung.


Die Vorstellung, dass der Tod eine Folge der Abwendung des ersten Menschenpaares von Gott ist, eine Strafe für die Sünde, ist Pfarrerin Hensel fremd. Es ist ihres Erachtens auch nicht angebracht, Gott im Rahmen der Bestattung um eine gnädige Aufnahme der Verstorbenen zu bitten. Die ist für sie selbstverständlich. Trauerfeier und Bestattung finden aus ihrer Sicht deshalb eher nicht für die Verstorbenen statt, sondern vornehmlich für die Angehörigen und die ihnen Nahestehenden.

Pfarrerin Anne Hensel: 
Nach meinem Verständnis ist der Verstorbene ja schon über die Schwelle gegangen. Also das heißt, das liegt schon zurück. Und nach meinem Verständnis ist derjenige zu dem Zeitpunkt ja, der Mensch, schon bei Gott geborgen. Es wäre fast anmaßend, Gott noch darum zu bitten: Sei ihm gnädig, weil ich glaube, dass er ihm gnädig ist. Das, was wir bei der Trauerfeier rituell machen, ist, dass wir die sterblichen Reste würdig in die Erde bringen und dass wir davon dann Abschied nehmen.

Im Islam wird der Tod als Tor, als Durchgang verstanden, also ein wenig ähnlich der Vorstellung einer Schwelle, wie sie Pfarrerin Hensel hat. Durch dieses Tor kehren die gläubigen Muslime zu ihrem Schöpfer zurück. Ob sie dort gnädige Aufnahme finden oder nicht, darüber entscheidet ihr Leben zuvor. Die Welt wird als Ort der Prüfung und der Erkenntnis des Rechten aufgefasst. Damit auch als Ort der Bewährung, für die im Jenseits die Abrechnung erfolgt. Imam Ender Çetin aus Berlin erklärt:

Damit wir rechtschaffene, gute Menschen sein sollen, wird immer wieder an den Tod und damit auch aber an die Abrechnung erinnert. Und Abrechnung heißt für uns eben, dass wir nach unseren Taten, nach unseren Einstellungen zur Rechenschaft gezogen werden und dementsprechend belohnt oder bestraft werden. Und das heißt, ich bau mir mein Leben nach dem Tod durch meine Handlungen, durch meine Absichten im Prinzip selber auf, ob ich mir mein Leben nach dem Tod als Paradies aufbaue oder als Hölle, das hängt von meiner Handlung, von meiner Haltung auch ab.

Zur Bemühung um ein rechtschaffenes Leben, das den Menschen Gutes erweist und Gott gefällt, dient den Muslimen das ständige Bedenken des Todes. Das tun sie unter anderem in ihren fünf täglichen rituellen Gebeten. Die Texte, die sie dabei rezitieren, erinnern sie an die Verbindung von Diesseits und Jenseits. An diesen Zusammenhang werden auch die Sterbenden durch das Rezitieren der 36. Sure des Koran gemahnt. Darin geht es um das Strafgericht im Jenseits und um Gottes Barmherzigkeit. Familienangehörige sorgen für die Sterbenden, schaffen eine Atmosphäre der Ruhe, verteilen im Sterbezimmer Weihrauch und Rosenduft. Sie helfen dem Sterbenden bei der rituellen Waschung, betten ihn Richtung Mekka. Was nach dem Ableben geschieht, beschreibt Imam Çetin:

Der Leichnam wird abgeholt. Der gesamte Körper wird gewaschen. Danach wird der Leichnam eingehüllt in weiße Tücher, in einen Sarg gelegt. Und danach findet das Totengebet statt. Und das ist ein ganz wichtiger Schritt, dass man ihn freispricht von den Rechten sozusagen. Weil es kann sein, dass er vielleicht noch jemandem was geschuldet hat oder jemand fühlt sich noch beleidigt oder so. Und natürlich als gläubiger Mensch soll man vergebend sein und sagen: Ja, natürlich, es ist alles okay. Die Seele kann in Ruhe gehen. 

Danach wird der Leichnam von Männern der Familie zu Grabe getragen. Das gilt als eine, auch im religiösen Sinn, gute Tat. Es sind auch Männer der Familie, die den Leichnam in die Erde legen. Nach muslimischem Verständnis verlässt die Seele erst dann den Körper und kann zur Ruhe kommen. Für Muslime kommt nur die Erdbestattung in Frage - auch als Ausdruck der Achtung des Körpers als Kleid der Seele. Sieben Tage nach der Bestattung wird noch einmal in der Familie vom Toten Abschied genommen, mit Koran-Rezitationen, Bittgebeten und gemeinsamem Essen. Dann noch einmal am 40. Tag. In den 40 Tagen sorgen Bekannte und Verwandte für die engere Trauerfamilie, kochen, kaufen ein, machen sauber. Am 40. Tag wird ihnen mit einem Essen dafür gedankt. Nun sind die Trauernden wieder zu sich gekommen. Wie das Totengedenken bei Katholiken sich gestaltet, erklärt die Benediktinerin Schwester Ruth aus Alexanderdorf bei Zossen: 

Wir haben die Tradition, dass wir am 30. Tag nach dem Sterben einen Gottesdienst feiern für diesen Verstorbenen, dann nochmal am ersten Jahrestag einen Gottesdienst feiern. Und ansonsten gibt es in der katholischen Kirche ja die Tradition der Fürbitten, wo auch immer der Verstorbenen gedacht werden kann. Also an besonderen Gedenktagen nehmen wir dann diese Verstorbenen in den Blick und stellen die sozusagen vor Gott hin.

Und jedes Jahr am 2. November, zum Fest Allerseelen, wird in einem Gottesdienst der Verstorbenen gedacht, für sie gebetet. Ihre Gräber werden gesegnet. Bei der Bestattung wird für sie gebetet, in der Hoffnung, dass Gott sie ins ewige Leben aufnimmt. Und dass Gott gutmachen möge, was in ihrem Leben unvollkommen, schlecht und böse war. Obgleich darauf vertraut wird, dass Gott in seiner Barmherzigkeit für jeden Menschen das ewige Leben will, wird ernst genommen, dass Menschen die Freiheit haben, sich gegen ein Leben mit Gott zu entscheiden. 

Schwester Ruth:
Der entscheidende Punkt ist der oder der Zeitpunkt, wenn der Mensch hinübergeht vom irdischen Leben zum ewigen Leben. Das Himmelstor steht grundsätzlich für alle Menschen weit offen. Und es ist die Frage, geht ein Mensch hindurch, um das Leben bei Gott zu haben und zu genießen oder sagt er: Ich will nicht. Ein solcher Mensch hätte die Gemeinschaft mit Gott aufgekündigt. Und dieses Hineingehen zu Gott und dieses Sich-Abwenden sind mit dem Tod endgültige Entscheidungen. Und deswegen ist nach unserem Verständnis das Gebet um eine gute Sterbestunde, wenn es wirklich drauf ankommt, sinnvoll und wichtig.

Lange Zeit wurde in der katholischen Kirche nur die Erdbestattung praktiziert. Ab Anfang der 1960er Jahre war auch die Feuerbestattung erlaubt. Das ist Muslimen und Juden grundsätzlich untersagt. In allen drei Religionsgemeinschaften aber gibt es ein Bedenken des Todes und eine Sterbevorbereitung. Bei Juden, ähnlich wie bei Muslimen, soll der Mensch im Sterben nicht allein sein. Familienangehörige umgeben ihn mit Gebeten, stellen Geborgenheit und Ruhe her. Nach dem Tod wird der Leichnam wie bei den Muslimen gewaschen. Die Waschung ist Teil dessen, was als Ehrung des Toten verstanden wird. Bei der Bestattung dann wird als Zeichen der Trauer bei den nächsten Verwandten des Verstorbenen das Hemd oder Kleid an der linken Seite eingerissen. Das geschieht in der Trauerhalle. Moshe Abraham Offenberg, Geschäftsführer der Gemeinde Adass Jisroel in Berlin, erläutert den Vorgang:

Eine Gemeindeperson, Rabbiner oder Beauftragter wird einen kleinen Riss mit einer Schere vornehmen und dann der Angehörige wird ungefähr zehn Zentimeter den Riss vollziehen. Und dieses Hemd darf nicht repariert werden, muss immer so bleiben und wird in der nächsten Zeit, also in den nächsten Stunden auch getragen. 

Aus Trauer die Kleider zerreißen – das kommt schon in der Bibel vor. Bei der Beerdigung schaufeln Männer das Grab zu. Ähnlich wie bei den Muslimen das Tragen des Sarges ist dieses Schließen des Grabes eine der angesehensten Aufgaben bei den Juden. Die Trauer vollzieht sich für die nächsten Verwandten in mehreren Phasen. Die erste und strengste ist die vom Tod bis zur Bestattung. Nach dieser folgen sieben Tage, in der sie zuhause sind, bei wenig Licht, befreit von religiösen Pflichten, die Spiegel sind verhangen. Mitglieder der Gemeinde kochen für sie, kaufen ein, machen sauber. Mit ihnen sprechen die nächsten Verwandten über den Verstorbenen.

Moshe Abraham Offenberg:
Es ist das nichum aveilim, "das Trösten der Trauernden". Dieses Moment ist genauso wichtig sowohl für die Trauernden als auch für das, was wir nennen die Ehrung des Verstorbenen. Das heißt, dass man über ihn spricht, und gleichzeitig, dass die Familie, die Betroffenen auch die Möglichkeit haben, diese Gefühle auszudrücken. Und nach den sieben Tagen gibt es nochmal die 30 Tage. Bei den 30 Tagen gibt es dann eine kleine Zeremonie. Es ist nicht üblich, dass in dieser Zeit der Friedhof besucht wird, das Grab besucht wird. Und dann auch gibt es nochmal die längere Zeit, das ist ein Jahr.

So wird stufenweise der Schock des Todes verarbeitet. Zugleich ist die Trauerzeit auch die der Ablösung der Seele des Verstorbenen, in der dem Toten Ruhe gegönnt wird. Dieser Prozess, den die Muslime auf ihre Weise kennen, spielt auch bei orthodoxen Christen eine wichtige Rolle. Vor der Erdbestattung gibt es eine Sterbebegleitung durch die Familie, durch Gemeindeglieder und den Priester mit Gesprächen, Eucharistie, Beichte und Gebeten. Für die letzten Momente des Lebens finden Gottesdienste statt unter dem Leitspruch "Gebete für die Trennung der Seele vom Leib". Die Ablösung der Seele und ihr Weg zu Gott geht parallel zum Abschiednehmen. Der orthodoxe Priester André Sikojev aus Berlin schildert ihre Phasen.  

In den ersten drei Tagen ist die entschlafene Seele in der Nähe ihres früheren Körpers, sie ist an dem Ort, wo sie gelebt hat. Und begibt sich dann erst auch an andere Orte ihrer Freude, dessen, was sie geliebt hat. Man sagt, dass das bis zum neunten Tag erfolgt, da folgt dann wieder ein Gottesdienst, ein besonderer. Und am 40. Tag dann der Aufstieg in den Himmel beendet ist, wiederum durch einen Gottesdienst gekennzeichnet.

Das Geschick der Seelen nach dem Tod ist im orthodoxen Christentum, wie bei den Muslimen, abhängig vom Lebenswandel des Menschen: ob er sich Gott zu- oder von ihm abgewandt hat, ob er in Liebe Gutes oder in Verachtung seiner Mitmenschen Schlechtes getan hat. Aus eigener Kraft können die Seelen der Verstorbenen ihr Geschick nicht mehr ändern. Aber es bleibt dennoch offen.

Vater André Sikojev:
Auch für jemand, der an einem dunkleren Ort ist aufgrund seiner Lebensweise, kann durch die Gebete der Verwandten, der Freunde, und durch das kirchliche Gebet kann dieses Schicksal verändert werden. Und wird verändert bis zum letzten Tag, bis zum letzten Gericht. Deswegen ist die Gemeinschaft der Menschen, die zurückbleibt, also die irdische Kirche so wichtig, die dann um Hilfe bittet auch bei den Engeln und bei den Heiligen, aber selber ebenfalls aktiv ist durch die Gottesdienste, durch Gebet, aber auch durch gute Werke. Man spendet zum Gedenken an einen Verstorbenen, man tut Gutes, hilft anderen, zum Segen für jemand, der schon weg ist und bittet Gott hier um die Anrechnung, kann man sagen, des guten Werkes auch im Himmelreich, auf der Erde geleistet.

Unterschiedliche und ähnliche Auffassungen von Tod und Sterben im Christentum, Judentum und Islam. Mal ist die Vorstellung von dem, was nach dem Tod kommt, recht konkret, mal eher bildhaft. In beiden Fällen bleibt es eine Erwartung und ein Hoffen - ein vom Glauben geprägtes Wissen. Das nichts Endgültiges fassen kann. Der Apostel Paulus in der Bibel hat es so beschrieben: "Unser Wissen ist Stückwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin." (1. Korinther 13,9-12)
 

Musik dieser Sendung:
1. Federico Mompou: musica callada: tranquillo