Bäume, die jauchzen. Felder, die jubeln. In der Bibel hat die Natur ihre eigene Stimme, mit der sie Gott lobt. Sie reagiert auf das, was Gott bewirkt. Und auf die Ungerechtigkeit, die Menschen anrichten.
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Sendetext:
Joachim Neander: Himmel, Erde, Luft und Meer (1):
Seht das große Sonnenlicht,
wie es durch die Wolken bricht;
auch der Mond, der Sterne Pracht
jauchzen Gott bei stiller Nacht.
Seht, der Wasserwellen Lauf,
wie sie steigen ab und auf;
von der Quelle bis zum Meer
rauschen sie des Schöpfers Ehr.
Zwei Strophen des Liedes "Himmel, Erde, Luft und Meer" des evangelischen Pfarrers Joachim Neander. Wie in vielen geistlichen Liedern der Barockzeit zeigt es deutliche Bezüge zu den Psalmen. Insbesondere zu jenen, in denen die Schöpfung und die Geschöpfe ihren Schöpfer preisen. Alle Wasser, von der sprudelnden Quelle bis zum weiten Meer, "rauschen" hier zur Ehre Gottes. Sonne, Mond und Sterne "jauchzen" ihm. Recht ähnlich heißt es in Psalm 96:
Psalm 96, 11-12 (Hans-Joachim Kraus, Psalmen II) (2)
Es freue sich der Himmel, es jauchze die Erde,
es brause das Meer und was es füllt!
Es juble das Feld und was darauf wächst,
auch sollen jauchzen die Bäume des Waldes!
Neben der Freude und dem Jubel, die die Schöpfung Gott in den Psalmen entgegenbringt, ist dort auch von anderen Regungen der Natur Gott gegenüber die Rede: Sie erbebt vor Schreck, weicht zurück, flieht, springt, hüpft und wankt. Regungen, wie sie einem lebendigen Wesen eigen sind, Tieren und vor allem dem Menschen. So in Psalm 114:
Psalm 114, 3-4 (Hans-Joachim Kraus, Psalmen II) (3)
Das Meer sah es und floh,
der Jordan wandte sich zurück.
Die Berge hüpften wie die Widder,
die Hügel wie die Lämmer der Herde.
Sind das nur Metaphern? Oder ist es denkbar, dass die Natur in dieser Form "reagiert"? Und worauf? Weshalb flieht das Meer hier? Was sieht es, das seine Flucht auslöst? Was lässt die Berge
hüpfen? Soviel zunächst: Die Natur regt sich in den Psalmen aufgrund eines Handelns Gottes. Oder als Antwort darauf, dass sie geschöpft ist, als Dank an den, der sie geschaffen hat. Mitunter tut das die gesamte Schöpfung, mitunter regen sich nur einzelne Elemente von ihr.
Es sind recht verschiedene Eingriffe Gottes in die Welt, auf die in den Psalmen die Natur reagiert.
In Psalm 114, von dem die Rede war, flieht das Meer und es hüpfen die Berge angesichts der Erscheinung Gottes beim Zug der Israeliten durch das Schilfmeer. Das Fliehen des Meeres ließe sich hier wohl auch darauf zurückführen, dass Gott das Meer zurückweichen ließ, um sein Volk nach dem Auszug aus Ägypten trockenen Fußes über den Meeresgrund fliehen zu lassen. Aber es geht um mehr, denn auch die Berge hüpfen - das heißt: Sie werden erschüttert. Meer und Berge regen sich wegen der für Israel so entscheidenden Machttat Gottes. Das Meerwunder ist neben der Übergabe der Zehn Gebote am Sinai das größte Ereignis in Israels Geschichte mit Gott. Die Geschichte geht weiter. Das Volk Israel ist im Gelobten Land angekommen und sesshaft geworden. Es hat sich ein Königtum gegeben. In Psalm 18 zeigt Gott seinen Zorn, weil David, sein erwählter König, lebensbedrohlich von seinen Feinden bedrängt wird. Dort lesen wir:
Psalm 18, 8 (Hans-Joachim Kraus, Psalmen I) (4)
Da wankte und schwankte die Erde,
die Grundfeste der Erde erbebten
- und sie schwankten, denn er war zornig -
Hier reagieren nicht einzelne Elemente der Schöpfung auf Gottes Handeln. Die ganze Erde wird in ihrem Fundament, in ihrer Grundkonstruktion erschüttert. Dahinter steht eine Auffassung, die im Alten Orient verbreitet war. Alttestamentler Markus Witte erklärt:
Markus Witte zu Psalm (18 &) 82:
Ein Modell, was beispielsweise im ersten Schöpfungsbericht auftaucht, aber auch in einzelnen Psalmen oder auch im Buch Hiob sieht so aus, dass die Erde vorgestellt wird als eine große Insel, die auf Säulen ruht, und diese Säulen ragen nun in die Tiefen, in die sogenannte Unterwelt. Und umgeben ist das Ganze von Wasser.
Gott erschüttert die Erde in ihren Grundfesten, weil schweres Unrecht seinen Zorn erregt. Gemeint ist keine blinde Wut, kein Affekt, sondern ein strafendes Handeln als Antwort auf Vergehen der Geschöpfe. In Psalm 82 hält Gott Gericht über die Gottheiten, die im Umfeld von Israel verehrt wurden. Denn ihr Handeln sei unverständig, schädlich und böse. Auch hier lässt Gott deshalb die Grundfesten der Erde ins Wanken geraten. Der Alttestamentler Hans-Joachim Kraus bemerkte dazu:
Hans-Joachim Kraus zu Psalm 82, 5 (Hans-Joachim Kraus, Psalmen II) (5):
Die Götter sind blind und unverständig. Sie sind nicht in der Lage, zu erkennen, was recht und unrecht ist. Im Dunkeln tappen sie. Es sind böse Mächte. Unter ihrem Wirken "wanken die Grundfesten der Erde". Gerechtes Gericht ist im Alten Testament der eigentliche Weltengrund - das Fundament der gesamten Schöpfung. Die dämonischen Machtwirkungen der Götter stellen den Bestand der Welt in Frage. Das Chaos droht einzubrechen.
Gerechtigkeit ist in der Bibel die Grundlage der Schöpfung. Nicht nur ihre materiebegründete und physikalisch-chemische Grundausstattung. Die wird nach dem Verständnis des Alten Testaments erschüttert, wenn Unrecht geschieht. Dann greift der Schöpfer als Richter ein, denn er ist auch der Begründer und Hüter des Rechts. Seiner soll die Schöpfung immer inne sein. Oder wie es in Psalm 19 heißt: Sie soll ihn erzählen, von ihm Kunde geben:
Psalm 19, 2-3 (Hans-Joachim Kraus, Psalmen I) (6):
Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes,
und das Werk seiner Hände verkündet die Feste.
Ein Tag übermittelt dem anderen Worte,
und eine Nacht tut kund der anderen Wissen.
Im Rhythmus von Tag und Nacht erzählt die Schöpfung von ihrem Schöpfer. Im wiederkehrenden Dämmern des Morgens bis zum wiederkehrenden Sinken der Nacht kündet das Geschaffene von dem, der es geschaffen hat. Wie zwei Chöre, die sich gegenseitig ablösen, preisen Tag und Nacht
Gott. Der Alttestamentler Claus Westermann schrieb zu diesen Versen:
Claus Westermann zu Psalm 19, 2-3 (Ausgewählte Psalmen, übersetzt und erklärt von Claus Westermann) (7):
In diesem Erzählen und Künden ist eine Kontinuität: "Ein Tag sagt es dem andern …" Mit diesem Weitergeben der "Kunde" von Tag zu Tag und von Nacht zu Nacht ist angedeutet, daß das Erzählen von der Herrlichkeit Gottes nicht abbrechen darf; es tritt nicht hier einmal und da einmal auf, es begleitet die Geschichte des Kosmos durch die Jahrtausende.
Immer und immer wieder soll die Schöpfung den ehren, der sie ins Leben rief. Dazu wird sie in den Psalmen aufgerufen. So in Psalm 98, der auch die Gründe dafür benennt: Gott schuf Himmel und Erde, wirkt Wunder, übt Gerechtigkeit. Zu einem prächtigen Gesang werden zunächst die Menschen ermuntert, dann die Natur:
Psalm 98, 7-8 (Hans-Joachim Kraus, Psalmen II) (8)
Es brause das Meer und was es füllt,
die Erde und die darauf wohnen!
Ströme sollen in die Hände klatschen,
die Berge miteinander sollen jauchzen.
Besonders ausführlich wird die Schöpfung in Psalm 104 vor Augen gestellt. Hier preist sie Gott nicht direkt. Eher vermittelt, durch ihre ungewöhnlich detailreiche Beschreibung: Sie beginnt mit der Veranschaulichung von Himmel und Erde. Dann kommen das Meer, Berge und Felder in den Blick. Es folgen die Quellen in den Bergen, eine Vielzahl von Tieren - eine Art Naturkunde der damaligen Zeit. Mittendrin und besonders am Ende erscheinen auch die Menschen. Alles ist wohlgeordnet. Alttestamentler Markus Witte sagt deshalb:
Markus Witte zu Psalm 104:
Ein Zentrum des Psalms besteht darin, Gott als Herrn der Zeit zu beschreiben, der alles zu seiner Zeit einrichtet. Die Gottesvorstellung ist, dass Schöpfung gleich geordnete Welt, Kosmos, ist und kein Chaos. Und Ordnung zeigt sich in einem ablesbaren Ablauf der Natur, des Naturkreislaufs und im Versorgen von Tier- und Menschenwelt.
Eben dieses Versorgen bildet den Grund für den hymnischen Höhepunkt des Psalms, der zugleich eine grundlegende Einsicht vermittelt:
Psalm 104, 27-30 (Psalter, aus dem Griechischen übersetzt von Dorothea Schütz) (9):
Sie alle warten auf Dich,
daß Du ihnen Speise gebest zur rechten Zeit.
Gibst Du ihnen, so sammeln sie,
öffnest Du Deine Hand, wird das All von Güte erfüllt.
Doch wendest Du Dein Antlitz ab, so sind sie verstört:
Du nimmst ihren Geist hinweg, und sie schwinden
und müssen zurückkehren in ihren Staub.
Du sendest Deinen Geist aus, und sie werden erschaffen,
und Du erneuerst das Antlitz der Erde.
Die Schöpfung lebt vom Geist Gottes, der sie ins Leben rief und in ihr wirkt. Ruach, wie Gottes Geist im Hebräischen genannt wird, hat Züge von Wind, Hauch und Atem. Es ist die Gotteskraft, die am Anfang der Schöpfung über den Urwassern ruhte. Von ihr lebt alles Lebendige, sie erhält es, sie lässt es entstehen. Entzieht sie sich, vergehen die lebendigen Wesen. Gott hat demnach, nachdem er die Welt geschaffen hat, sie nicht sich selbst überlassen. Der evangelische Theologe Jürgen Moltmann führte dazu aus:
Jürgen Moltmann: Gott in der Schöpfung (10):
Alles, was ist, existiert und lebt vom andauernden Zufluß der Energien und Möglichkeiten des kosmischen Geistes. Durch die Energien und Möglichkeiten des Geistes ist der Schöpfer selber in seiner Schöpfung präsent. Er steht ihr nicht nur transzendent gegenüber, sondern geht auch in sie ein und ist ihr zugleich immanent. Aus dem ständigen Zufluß des göttlichen Geistes werden die Geschöpfe "geschaffen", im Geist existieren sie und durch den Geist werden sie "erneuert".
Wenn Gott durch seinen Geist in der Schöpfung bleibt, nimmt er Anteil an ihrem Zustand - auch an ihrem Leid, ihrer Sehnsucht nach Erlösung davon und nach ihrer Vollendung. Das deutet Paulus an, wenn er im Römerbrief schreibt: "Das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden." Die ganze Schöpfung seufzt und wartet auf Erlösung. Gott leidet die Leiden seiner Geschöpfe mit. Die Schöpfung wiederum "reagiert" auf sein Leid, fühlt mit ihm. Insbesondere mit dem Geschick von Jesus Christus. Darauf nehmen unter anderem die Passionshymnen der orthodoxen Kirche Bezug. Am Karsamstag wird dort gesungen:
Oikos im Mitternachtskanon am Karsamstags (11):
Der das All erhält, ward am Kreuze erhöht. Und die ganze Schöpfung weint, da sie nackend ihn schaut, hangend am Kreuz. Es verhüllte die Sonne die Strahlen. Es verloren die Sterne ihr Licht. Und die Erde bebte in gewaltigem Schrecken. Es floh das Meer, und es barsten die Felsen.
Auch am Sieg von Jesus Christus über den Tod durch seine Auferstehung nimmt die Schöpfung Anteil und zeigt ihre Freude darüber. In einer Art Vorwegnahme ihrer eigenen Befreiung von Tod und Leid heißt es im Osterkanon der orthodoxen Kirche:
Aus dem Osterkanon der orthodoxen Kirche (12):
Heute jubelt die ganze Schöpfung und freuet sich, denn Christus ist erstanden, und der Hades seiner Rüstung beraubt.
Wie die Schöpfung in den Jubel über die Auferstehung von Jesus Christus einstimmt und auch darin ihren Schöpfer lobt, so ist sie immer zu seinem Lob aufgefordert. In diesem Lob sollen alle Geschöpfe vereint sein. Mensch und Natur stehen sich darin nicht mehr - zum Teil fremd und feindselig - gegenüber. Sie sind verbunden im gemeinsamen Gegenüber zum Schöpfer, den sie für sein Wirken verehren und loben. Der Geist Gottes, der in der Schöpfung bleibend wirkt, schafft diese Lobgemeinschaft. Besonders schön drückt das der Psalm 148 aus, in dem alle Wesen und Elemente der Schöpfung zum Lob gerufen werden. Geradezu euphorisch heißt es dort:
Psalm 148, 3, 8-10 & 12 (Psalter, aus dem Griechischen übersetzt von D. Schütz) (13:)
Lobt ihn, Sonne und Mond,
lobt ihn, alle Sterne und das Licht!
Feuer, Hagel, Schnee und Eis
und Sturmwind, die ihr sein Wort erfüllt!
Ihr Berge und alle ihr Hügel,
fruchtbare Bäume und alle Zedern!
Ihr wilden Tiere und alles Vieh,
Kriechtiere und gefiederte Vögel!
Ihr jungen Männer und auch ihr Mädchen,
ihr Alten mit den Jungen!
Loben die Wesen und Elemente der Schöpfung den, der sie ins Leben rief? Oder tut es der Mensch für sie und für sich? Jauchzt und jubelt nur er? Erbebt nur er vor Schreck, weicht zurück, flieht, springt, hüpft und wankt an ihrer Stelle? Die Psalmen sagen es anders. Ob sich die Schöpfung tatsächlich so regt, ist nur schwer zu bestimmen. Dazu bräuchte es die Kooperation von Theologen und Geistlichen mit Physikern, Biologen, Ingenieuren und Messtechnikern. Die Bibel denkt weiter: Wenn Gott nicht nur die Welt geschaffen hat, sondern in ihr bleibend wirkt, dann fand und findet er auch seine Ruhe in ihr, nachdem er sie ins Werk gesetzt hat. In Gottes Ruhe wiederum kommt die Schöpfung selbst zu ihrer - bleibenden und sie beglückenden - Ruhe. So hat Jürgen Moltmann den Schöpfungssabbat gedeutet, von dem die Bibel schreibt: Am siebten Tag vollendete Gott das Werk, das er gemacht hatte, und er ruhte am siebten Tag, nachdem er sein ganzes Werk gemacht hatte.
Jürgen Moltmann: Gott in der Schöpfung (14):
Alle seine Geschöpfe kommen in seiner Ruhe zu ihrer Ruhe. In der Präsenz seines Daseins liegt der Segen ihres Daseins. Alles, was geschaffen ist, hat der Schöpfer aus dem Nichtsein ins Sein geru-fen. Alles, was existiert, ist vom Nichtsein bedroht, denn es kann wieder zunichte werden. Darum ist alles, was da ist, unruhig und auf der Suche nach einem Ort, wo die Bedrohung es nicht errei-chen kann; nach einem "Ruheort". Nicht nur des Menschen "Herz" ist "unruhig in uns, bis es Ruhe findet in Dir", wie Augustinus sagte, sondern die ganze Schöpfung ist von dieser Unruhe erfüllt und transzendiert sich selbst auf der Suche nach der Ruhe, in der sie bleiben kann.
Es gilt das gesprochene Wort.
Musik dieser Sendung:
1. William Ackerman: garden
2. William Ackerman: night slip
3. Keith Jarrett: my song
4. Arvo Pärt: Veni Sancte Spiritus
5. Sirventes Berlin: Jubilate Deo (Psalm 66a)
6. Arvo Pärt: Silouans Song
Literatur / Zitate dieser Sendung:
1. Joachim Neander: Himmel, Erde, Luft und Meer
2. Psalm 96, 11-12 (Hans-Joachim Kraus, Psalmen II)
3. Psalm 114, 3-4 (Hans-Joachim Kraus, Psalmen II)
4. Psalm 18, 8 (Hans-Joachim Kraus, Psalmen I)
5. Hans-Joachim Kraus zu Psalm 82, 5 (Hans-Joachim Kraus, Psalmen II)
6. Psalm 19, 2-3 (Hans-Joachim Kraus, Psalmen I)
7. Claus Westermann zu Psalm 19, 2-3 (Ausgewählte Psalmen, übersetzt und erklärt von Claus Westermann)
8. Psalm 98, 7-8 (Hans-Joachim Kraus, Psalmen II)
9. Psalm 104, 27-30 (Psalter, aus dem Griechischen übersetzt von Dorothea Schütz)
10. Jürgen Moltmann: Gott in der Schöpfung
11. Oikos im Mitternachtskanon am Karsamstags
12. aus dem Osterkanon der orthodoxen Kirche
13. Psalm 148, 3, 8-10 & 12 (Psalter, aus dem Griechischen übersetzt von D. Schütz)
14. Jürgen Moltmann: Gott in der Schöpfung