Berlin, August 1961. Über Nacht wird Stacheldraht ausgerollt. Familien, Freunde und auch Kirchengemeinden werden auseinandergerissen. Wie haben die Kirchen reagiert? Wie prägt das Christen in Ost und West bis heute?
Sendetext:
Zitat aus einem Vortrag von Vortrag Jörg Hildebrandt:
"Ich bin am Morgen des 13. August früh raus, um mir drüben auf der Westseite am Zeitungskiosk im französischen Sektor meinen Sonntags-Tagesspiegel zu holen. Monatsabonnement für Ostberliner Selbstabholer 6 Mark Ost. Da stehe ich Strelitzer Straße, Ecke Bernauer – und sehe es: Stacheldraht ausgerollt, kniehoch auf Ostberliner Seite. Kleine Menschenansammlungen diesseits, jenseits. Im Osten die "bewaffneten Organe", drohend postiert vor den erregten Anwohnern. Auch im Westen – fassungslos die Berliner. (…) Bestimmt wieder eine der bodenlosen Anmaßungen vom Osten, wir kennen das aus den letzten Jahren…"
Jörg Hildebrandt studiert damals an der Freien Universität Berlin und wohnt bei seinen Eltern, einer Pfarrersfamilie, in der Bernauer Straße. Er berichtet heute in Büchern und Vorträgen von den Ereignissen um den 13. August 1961.
"Wechselbad der Gefühle und Erkenntnisse. Dann tatsächlich eine Mauer. Die ersten Hohlblocksteine sehe ich am Dienstag 15. August in der Ackerstraße. Dann werden Fenster und Türen vermauert, zunächst nur ebenerdig. Die Wohnung meiner Nachbarin und Freundin Regine, 19. August. Unser Pfarrgrundstück, Kirche und Gemeindehäuser, Montag früh 21. August. "
Eingemauert darf die Pfarrersfamilie noch einige Wochen im Pfarrhaus wohnen. Zur Straße geht es nur noch nach hinten über den Friedhof. Doch auch der ist bald halb abgeriegelt, denn das Kirchgelände liegt auf dem neuen Grenzstreifen, den die DDR-Führung "Antifaschistischen Schutzwall" nennt. Er soll die Massenauswanderung in den Westen stoppen, vor allem den Verlust vieler Arbeitskräfte.
Ein breites Band des Kahlschlags führt bald mitten durch die Stadt und fordert viele Opfer. Da ist das achtjährige Mädchen, das seinen Vater verliert, weil er im Westen arbeitet und nicht mehr zurück kann in die DDR. Da sind die Menschen, die aus dem Fenster auf die "richtige" Straßenseite springen wollten und dabei verunglücken. Da ist das Paar, das getrennt wird. Später die Flüchtlinge, die an der Grenze getötet werden.
Katharina Kunter:
"Und die Kirchen versuchten natürlich zu helfen. Sie übernahmen Seelsorge, sie übernahmen Unterstützung für Familien, die getrennt waren, und auch für Menschen, die ausreisen wollten. Ganz wichtig waren natürlich die Gebete für die getrennten Familien oder auch für die Opfer der Fluchtversuche."
Katharina Kunter ist Professorin für kirchliche Zeitgeschichte an der Universität Helsinki. Sie skizziert die politische Lage zur Zeit des Mauerbaus. Ein Ereignis kurz zuvor zeigt wie im Brennglas die aufgeheizte Stimmung: der 10. Deutsche Evangelische Kirchentag. Er war Ende Juli 1961 für ganz Berlin geplant. Doch für den Ostteil der Stadt verboten die DDR-Behörden die Veranstaltungen.
"Der Kalte Krieg stand auf dem Höhepunkt, weltpolitische Spannung, und die DDR und Moskau wollten zunehmend West-Berlin abgrenzen. Und das zeichnete sich schon im Vorfeld von dem Kirchentag 1961 ab. Da hatte es Schikanen gegen den Kirchentag gegeben. Und viele, die nach West-Berlin einreisen wollten, wurden dann von der DDR-Polizei abgewiesen und an der Einreise gehindert. Und trotzdem gelang es einigen Tausenden auch noch irgendwie aus der DDR nach West-Berlin zu kommen. Und besonders war eben auch, dass die Gottesdienste, die dann trotzdem in Ost-Berlin stattfanden, überfüllt waren. Alle Teilnehmenden spürten, dass etwas Bedrohliches und etwas ganz Existenzielles bevorsteht, auch für die Kirchengemeinschaft."
Gottfried Schubert:
"Eine Ahnung hatte ich nicht. Aber diese Massen von Leuten, die aus der DDR gegangen sind, das konnte einen ja auch nicht unberührt lassen. Und Walter Ulbrichts Satz "Niemand wird eine Mauer bauen", der ist auch nicht umsonst gesagt gewesen, der hat sich schon irgendwie festgesetzt und hat Schlimmes vermuten lassen."
Gottfried Schubert macht damals eine Ausbildung zum evangelischen Diakon: ein Beruf für soziale, pflegerische und pädagogische Aufgaben im kirchlichen Raum. Die Diakonenschaft nennt sich nach frühchristlicher Tradition "Brüderschaft". Hauptsitz ist eine große diakonische Einrichtung in Berlin Spandau, das Evangelische Johannesstift. Dort lebt Gottfried Schubert heute mit seiner Frau in einem Seniorenwohnhaus.
Damals wohnte er in Ost-Berlin und nahm vom Kirchentag eine tröstende Losung mit: "Siehe, ich bin bei euch." Das sagt Jesus in der Bibel. Gottfried Schubert besucht noch einmal seine Schwester in Westberlin. Dann kehrt er zu seinem Gemeindepraktikum nach Erfurt zurück.
Gottfried Schubert:
"Und am 13. August hatte ich in der Andreaskirche in Erfurt morgens einen Konfirmandengottesdienst und habe den da schön zelebriert mit all den Jugendlichen, die da waren. Und dann steht am Schluss mein lieber Praktikumsvater und Mentor, der Pfarrer Fischbach, in der Tür und sagt, Bruder Schubert, kommen Sie mal her. Nun ist Berlin zu. Freuen Sie sich, dass Sie vorige Woche noch mal da gewesen sind, wann das wieder möglich sein wird, das steht in den Sternen. Berlin ist geteilt. Das hat mich sehr schockiert, das muss ich wirklich sagen. Meine geliebte Schwester konnte ich nicht wieder besuchen in absehbarer Zeit, hatte ein paar Tage später meine Fahrprüfung gehabt, bin durchgefallen. Tja. Das hat damit zu tun, dass die Gedanken ganz woanders waren."
Denn auch die Eltern sind in einer prekären Lage. Der Vater war damals "Ältester", so hieß, unabhängig vom Alter, der Leiter der Diakonenschaft. Die fast 300 Mitglieder lebten in ganz Deutschland. Noch wurden keine Frauen zur Diakonin ausgebildet, aber die Ehefrauen und Partnerinnen der Diakone spielten eine wichtige Rolle.
Gottfried Schubert:
"Meine Eltern waren über den 13. August hier im Johannesstift, wo wir jetzt schön leben, und haben für unsere gesamte Diakonengemeinschaft des Johannesstifts eine Freizeit gemacht. Und wir waren anteilig gleich viel Diakone in Ost und West. Und da kommt die Trennung. Aber keiner von den Ostleuten hat gesagt, ich bleibe jetzt hier im Westen. Die hatten alle ihr Zuhause in der DDR, in ihren Gemeinden, bei ihren Familien, sind alle zurückgegangen."
Zwar gab sich die DDR atheistisch, aber christliche Dienste wurden gebraucht. Zwar durften Gläubige oft keine Oberschule und keine Universität besuchen, Religion galt als Konkurrenz zum sozialistischen Weltbild - aber auf dem Papier gab es Religionsfreiheit, und viele hofften auf Entspannung der Lage.
Gottfried Schubert:
"Da hat jeder so seinen Weg sich gesucht und ist ihn gegangen, die einen stärker unter dem Gesichtspunkt, im Sozialismus muss doch was zu machen sein, auch für Diakoninnen und Diakone, wir müssen doch dieser Gesellschaft was anbieten können, was mehr ist als die Parteiideologie. Und es gab auch die, die gesagt haben, nee, mit diesem Staat nie und am liebsten wären wir im Westen. Aber wir fühlen uns verpflichtet und bleiben treu in der DDR. Das sind alles Einzelentscheidungen, dazu ist niemand verpflichtet worden."
Die Mauer zerriss christliche Gemeinschaften auf evangelischer wie katholischer Seite. Sie spaltete Kirchengemeinden und zerstörte Kirchengelände. Neben der evangelischen Kirche an der Bernauer Straße war zum Beispiel auch die katholische St. Michaelskirche am Engelbecken betroffen; die neue Grenze wurde so verlegt, dass die westlichen Gemeindemitglieder das Gotteshaus nicht mehr betreten konnten. Die kleine Dorfkirche in Sacrow an der Havel, im DDR Grenzgebiet gelegen, wurde verwüstet.
Die Historikerin Katharina Kunter sieht in der Brutalität der Grenzziehung auch einen Ausdruck radikaler Religionspolitik:
"Denn das Ganze hatte ja Auswirkungen im praktischen Alltag auf Gemeindeleben und Kirche. Jetzt stimmten nämlich die Gemeindegrenzen nicht mehr mit den politischen Grenzen überein. Und das bedeutete, man gehörte auf einmal nicht nur zur eigenen Gemeinde wie vorher, sondern man war einfach auf der falschen Seite der Mauer. Und dann mussten Ersatzlösungen gefunden werden. Da wurden zum Beispiel Not- oder Ersatzkirchen auch gebaut. Dann gab es die Kirchen, die im Sperrgebiet lagen, also Kirchen und Gemeinden. Diese Kirchen wurden jetzt unzugänglich, einige wurden auch sogar direkt zugemauert, einige wurden militärisch genutzt oder auch sogar gesprengt."
Auch die kirchliche Infrastruktur, die gewohnten Kommunikationswege wurden zerschnitten. Eine gesamtdeutsche Abstimmung auf Kirchenleitungsebene oder in Gremien war nicht mehr möglich. Es mussten informelle Wege gefunden werden. In der Regel entschied nun das sogenannte "Staatssekretariat für Kirchenfragen" in der DDR, welcher kirchliche Würdenträger im Einzelfall wann und wohin reisen durfte.
Katharina Kunter:
"Es betraf auch die Verwaltungsebene, die musste jetzt zwischen Ost und West aufgeteilt werden. Das heißt, es gab für ein und dieselbe Kirche oder Landeskirche oder das Bistum mehrere Adressen, also mindestens zwei Adressen und…. auch Adressen unterschiedlich für die Kirchenleitungen."
So tagte nach einer Zeit des Übergangs die Evangelische Kirche Westberlins mit ihrem Bischof im Konsistorium in der Bachstraße, Bezirk Tiergarten, der Bischof für Ost-Berlin und Brandenburg in der Neuen Grünstraße, Berlin Mitte - und der 1969 gegründete "Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR" in der Auguststraße, im ehemaligen Berliner Scheunenviertel. Alles lag nur wenige Kilometer voneinander entfernt.
Katharina Kunter:
Und schließlich gab es auch so etwas wie Kurierdienste, die über die Westkirchen liefen und die dann eben auch für Kommunikation zwischen den jetzt getrennten Kirchen und Kirchenleitungen sorgten.
Ab Weihnachten 1963 erleichtert eine "Passierscheinregelung" den Kontakt: Auf Antrag konnten Menschen aus dem Westen privat wieder Verwandte in Ost-Berlin besuchen. 1964 folgte in umgekehrter Richtung die Reiseerlaubnis für Rentner aus der DDR in den Westen. Alles war strikt reglementiert, aber die Lockerungen boten auch für Kirchenleute Schlupflöcher. So besuchten Vertrauensleute der Westkirche, etwa Pfarrer oder Juristen nun regelmäßig "die Tante, den Onkel", um an Kirchenleitungssitzungen im Osten teilzunehmen. Sie brachten Nachrichten hin und her, aber nicht auf Papier, sondern im Kopf. Auch gab es einen meist heimlichen Geld- und Warentransfer nach Ost-Berlin. Es blieb ein Risiko, denn die Kirchen und ihre Menschen wurden vielfach von den "Sicherheitsorganen" der DDR überwacht, die westlichen Kirchen als Mitspieler des imperialistischen Feindes beschimpft.
Und wie reagierten die Berliner Bischöfe auf den Mauerbau und die Teilung der Stadt? Die Historikerin Katharina Kunter:
"Also Alfred Bengsch war damals der katholische Bischof von Berlin, und er residierte im Ostteil Berlins, also im sowjetischen Sektor.
Und dann gab es Otto Dibelius, der war der Bischof der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg. … Er hatte aber seinen Amtssitz in West-Berlin. Und da sehen wir jetzt eigentlich zwei unterschiedliche Ansätze, mit dem Mauerbau umzugehen. Der katholische Bischof Alfred Bengsch setzte nun vielleicht auf das, was man später stille Diplomatie nannte. Und er ist dazu mit einem Spruch bekannt geworden, nämlich mit dem Spruch über den Christ in der Löwengrube. Und der heißt, "Der Christ sitzt in der Löwengrube, er wird den Löwen aber weder streicheln noch am Schwanz ziehen"."
Politisch bedeutet das eine Akzeptanz der Situation, was Bischof Bengsch regelmäßige Besuchserlaubnisse einbrachte, um seine Westberliner Gemeinden zu betreuen. So konnte die katholische Kirche nicht nur ihre geistliche, auch ihre verwalterische Einheit leichter erhalten.
Katharina Kunter:
"Und anders reagierte im Gegensatz dazu von der evangelischen Kirche der Bischof Otto Dibelius, denn er kritisierte den Mauerbau ganz offen. Und dass die Abriegelung von Berlin durch die Mauer ein moralisches und politisches Unrecht war."
Solche Klarheit brachte Bischof Dibelius bei den DDR-Behörden ein Einreiseverbot ein. Der damalige EKD-Ratsvorsitzende und spätere Bischof Kurt Scharf, der in Ost-Berlin wohnte, wurde gleich ganz aus der DDR ausgebürgert. Die Reisepolitik der DDR zwang Menschen dazu, sich für eines der beiden Systeme zu entscheiden.
Das galt auch für die Diakone des Berliner Johannesstifts im Westberliner Bezirk Spandau. Traditionell wohnten sie während der Ausbildung mehrere Jahre auf dem Gelände. Das hätte für viele aus dem Osten die Ausbürgerung bedeutet. Daher hatte man vorsorglich eine zweite Ausbildungsstätte in Ost-Berlin eingerichtet, den "Kirchlich-diakonischen Lehrgang" in Weißensee. Hier lernte auch Gottfried Schubert. Persönliche Ost-West-Partnerschaften halfen, trotz allem beieinander zu bleiben.
Gottfried Schubert:
"Und es gab Boten, die hin und her gependelt sind zwischen Ost und West und die jeweiligen Anliegen und Beschlüsse durchgesagt haben, denn nur was in West bestätigt war, konnte in Ost durchgeführt werden. Und umgedreht. Da war man also ganz fest dabei, in einer Linie zu bleiben und das Gemeinsame, soweit es irgend möglich war, zu fördern."
Das Gemeinsame des christlichen Glaubens, der von vielen Christen in der DDR in traditioneller Weise gelebt wurde. Bei Christen in der Bundesrepublik zogen vermehrt neue Lieder und liturgische Formen ein.
Mit der Studentenbewegung trennten sich dann die Wege, erzählt Gottfried Schubert:
"Als hier im Brüderhaus des Johannesstifts rote Fahnen aus den Fenstern wehten, da haben die Brüder im Osten gesagt, wo sind wir denn, das kann doch nicht sein - die roten Fahnen wehen doch bei uns allüberall und sind ideologisch verbrämt!
Und dann standen diese beiden Teile dieser Gemeinschaften – wir waren im Osten immer der Bereich 2 und der Westen war der Bereich 1 – die standen vor der Frage, wie geht’s jetzt weiter.
Und haben sich dann in Budapest entschieden, wir geben die Brüderschaften gegenseitig frei, die beiden Teile, sie müssen ihrer kirchlichen und gesellschaftlichen Ordnung entsprechend sich einstellen auf die Zukunft."
In den 1970er und 80erJahren, in der Phase einer vorsichtigen Entspannungspolitik zwischen Ost und West, wurde auf beiden Seiten der Mauer die Ökumene immer wichtiger. Die internationale und überkonfessionelle Zusammenarbeit von Kirchen weitete den Blick, ließ Ost- und Westdeutsche an dritten Orten zusammenkommen. Und sie brachte den Christen in Ostdeutschland neue Aufmerksamkeit und Anerkennung. Die Historikerin Katharina Kunter sagt:
"Ich denke, die Ökumene spielte eine ganz, ganz wichtige Rolle für die Kirche im Osten, für die evangelische Kirche im Osten, aber auch für die katholischen Kirchen im Osten. Und erst einmal vielleicht auf der ganz allgemeinen Ebene, dass von außen die Kirchen in der DDR durchaus als ein Symbol des Widerstandes gegen Unrecht, auch gegen den antichristlichen Kommunismus gesehen wurden, und dass sie gleichzeitig als Orte der Hoffnung des Christentums wahrgenommen wurden. Also weil sie eben überlebten, waren sie auch ein Symbol für ökumenische Gemeinden außerhalb Deutschlands."
Und Diakon Gottfried Schubert erzählt:
"Dadurch, dass wir auch ökumenisch lesen, lernen, denken konnten, mitdenken konnten, da waren wir in einem Gesamtkontakt zu Christen mit anderen Ausrichtungen, mit anderen Aufgaben, mit anderen Zielen, aus anderen gesellschaftlichen Zusammenhängen."
Gottfried Schubert gestaltete damals als Jugendwart die evangelische Jugendarbeit in Ost-Berlin. Er stand im Austausch mit Kolleginnen und Kollegen in Finnland oder Österreich, durfte dorthin reisen. Vor allem aber: Internationale Kirchenvertreter und Theologen kamen zum Austausch in die DDR, unter anderem in die evangelische Jugendbildungsstätte Hirschluch in Brandenburg. Dass dies möglich war, sieht Gottfried Schubert auch im Zusammenhang einer veränderten DDR-Außenpolitik – die habe nach außen "ein gutes Gesicht" zeigen wollen, sagt er. Die Kirchen seien "im Kalkül" gewesen. "Im Kalkül" waren bei den Diakonen aber auch die autoritären Denkweisen der Parteigenossen:
"Und es war für uns ganz wichtig, sagen zu können - unsere Kirchenleitung hat dieses oder jenes Wort an die Gemeinden gerichtet.
Und das war darum so wichtig, weil die Genossen ja immer von oben her dachten. Was von oben gesagt wird, das haben wir zu vertreten. Und wir haben gesagt: Bei uns oben wird so gedacht! Das gab ne andere Gesprächsbasis."
Vor allem, wenn es Schwierigkeiten gab. Dann brauchte man eigene Autoritäten wie den Kirchenjuristen Manfred Stolpe, der in der ostdeutschen Kirchenleitung tätig war und gegen Schikanen Rat wusste. Einmal geriet Gottfried Schubert persönlich ins Visier. Er hatte eine Jugendfreizeit länger ausgedehnt als erlaubt:
"Und da bin ich dann ins Rote Rathaus bestellt worden zum Gespräch beim Referat für Kirchenfragen, und da wurde mir Maß genommen, also ich hätte das Gesetz übertreten und und und … und da sagte ich, darüber werde ich mit unserem Bruder Stolpe reden. Und hin zu Stolpe, der hat gesagt, Bruder Schubert, bleiben Sie ganz ruhig, das geht noch zwei Wochen, dann wird’s ein entscheidendes Gespräch geben."
Das Verfahren wurde eingestellt. Dem Diakon war eine pragmatische Haltung zum sozialistischen Staat wichtig. Er begrüßte daher die neue, durchaus umstrittene Formel der 70er Jahre von der "Kirche im Sozialismus":
Gottfried Schubert:
"Von Bischof Schönherr stammte das Wort "Wir sind Kirche im Sozialismus, nicht sozialistische Kirche, nicht Kirche des Sozialismus, sondern das ist eine Ortsbeschreibung. Und das hat er ja auch mit aller Vehemenz nach überall hin vertreten, und ich war auch auf dieser Spur, eindeutig."
In den 1980er Jahren wurde es wieder möglich, dass westdeutsche und ostdeutsche Kirchenleute gemeinsam auf Kirchentagen auftraten. In Berlin begann ein publizistischer Austausch zwischen Kirchenzeitungen, theologische Texte der kirchlichen Opposition kamen heraus. Die Mauer hatte Risse bekommen und wurde 1989 durch eine Bürgerbewegung zum Einsturz gebracht. Noch einmal die Theologin und Historikerin Katharina Kunter mit einem Fazit zur Rolle der Kirchen:
"Es gab ein doch großes Netz an Aktivitätsmöglichkeiten, was im Hinblick auf die DDR schon immer unter Kontrolle war, aber was viel, viel freier und unabhängiger gestaltet werden konnte als sämtliche anderen gesellschaftlichen Organisationen, die es in der DDR gab.
Wenn man das so auf die große Zeitspanne hin überblickt, kann man dann auch erklären, dass in den 1980er Jahren die evangelischen Kirchen zunehmend mehr zu Schutzräumen auch für Andersdenkende, für Oppositionelle wurden – und das alles wäre sicherlich ohne die Unterstützung von den westdeutschen Kirchen nicht möglich gewesen."
Und heute ist unbestritten, welch wichtige Rolle engagierte Christinnen und Christen bei der Friedlichen Revolution 1989 spielten. Katharina Kunter betont, dass viele der damals aktiven Menschen sich auch heute intensiv für Demokratie einsetzen, gegen neue Mauern in den Köpfen, in der Politik.
Der Publizist und Zeitzeuge Jörg Hildebrandt, der einst den Mauerbau an der Bernauer Straße miterlebte, mahnt:
Jörg Hildebrandt:
"Schauen wir uns um, wie in unserem Deutschland neue Hohlblocksteine aufgerichtet werden für geschlossene Gesellschaften. (…) Nicht hereinfallen dürfen wir diesmal auf die ständig vorgetragene Lüge, dass ein Angriff auf die Menschenwürde nie und nimmer und von niemandem beabsichtigt sei."
Es gilt das gesprochene Wort.
Musik dieser Sendung:
1. Paul Gerhardt instrumental "Ist Gott für mich so trete…"
2. Paul Gerhardt instrumental "Befiehl du deine Wege"
3. Paul Gerhardt instrumental "Auf, auf mein Herz"
4. Paul Gerhardt instrumental "Ich bin ein Gast auf Erden"
5. Paul Gerhardt instrumental "Ist Gott für mich so trete…"
6. Paul Gerhardt instrumental "Du meine Seele singe"