Immanuel Malcharzyk / fundus-medien
Mittsommer
Jahreszeit trifft Lebensgefühl
21.06.2026 07:05

Unser Autor hat zur Sonnenwende gemischte Gefühle: Vorfreude auf den Sommer und Wehmut, dass das Jahr schon wieder seinen Zenit erreicht. Eine Figur aus der Bibel und Sommerlieder helfen beim Hälfte-des-Jahres-Blues.

Sendetext:

Da ist er also wieder, der 21. Juni. Sonnenwende und Sommeranfang steht im Kalender. Und danach steht vielen der Sinn, mir selbst auch; mit Vorfreude auf das, was da jetzt kommen soll: viel Sonne, Wärme und ein ruhigeres Lebenstempo. Abends lange draußen sitzen, am besten ohne Pulli. Und womöglich bald Ferien, an der See oder in den Bergen oder irgendwo dazwischen. 

Leider mischt sich in diese Vorfreude bei vielen ein bitterer Beigeschmack, auch bei mir: ein zunehmendes Unbehagen in der Natur, wo ja Extremwetter drohen, Überschwemmung oder Trockenheit, wo die Schäden an den Bäumen nicht zu übersehen sind, ebenso wenig wie der Plastikmüll am Strand oder die Gletscherschmelze am Berg. 

Dennoch will ich mich über den Sommeranfang freuen, ja, mit der Energie des Dennoch Ausschau halten nach sommerlichen Zeiten und zuversichtlich in sie hineingehen. Etwas von dieser Energie des Dennoch brauche ich allerdings auch gegenüber einer persönlichen Mittsommer-Macke: Immer schon ruft dieses Datum bei mir den dummen Anflug von Wehmut oder Melancholie hervor, die sagen: Ab jetzt werden die Tage wieder kürzer. Ja, ich weiß, zunächst ist es nicht mal um eine Minute am Tag, kaum zu bemerken. Und es gibt, weiß Gott, Schlimmeres. 

Trotzdem ist da dieser Wermutstropfen. Eben noch hat man sich gefreut, wie alles so satt grün wird, wie die Wollsachen im Schrank verschwinden und wieder mehr Haut an die Luft kommt. Man hat irgendwie nicht nur vorwärts, sondern auch aufwärts gelebt. Jetzt wird der Gipfel überschritten, und es geht wieder abwärts. Am Horizont winkt schon der September; und in einem halben Jahr ist Weihnachten. Wie gesagt, ein dummer Anflug von Melancholie. 

Ich beneide die Menschen in Skandinavien um ihren Mittsommer, besonders die Schweden mit ihrem Midsommar. Dort begehen sie die Sommersonnenwende mit einem großen Fest – wie Weihnachten, nur eben anders. Wo die Winter so lang und so dunkel sind, wird das Sonnenlicht ausgiebig zelebriert. 

Zunächst wird am Freitagabend gefeiert, wobei die Nacht zum Tag wird – taghell ist sie ja sowieso; und dann am Samstag. In diesem Jahr war das also gestern und vorgestern. Viele kennen die Tradition: Auf dem Festplatz wird ein Baumstamm mit Blattgrün und Blumen geschmückt und dann unter Beifall aufgerichtet. 

Rund um diesen Mittsommerbaum tanzen die Leute Reigen und Kreistänze, manche in ihrer Tracht, viele Frauen und Mädchen mit einem Blumenkranz auf dem Kopf, am besten eigenhändig geflochten. Man singt lustige Lieder und genießt die Getränke und Gerichte, die immer dazugehören: eingelegten Hering, Sauerrahm und Frühkartoffeln, Erdbeeren mit Sahne; und reichlich Aquavit. Von den Bildern und Klängen lasse ich mich gerne anstecken.

Hierzulande gibt es mancherorts immerhin ein Johannisfeuer, auch auf dem Platz hinter der Kirche in unserer Nachbarschaft in Berlin zum Beispiel. Für mich ist das immer eine willkommene Gelegenheit, mit meiner persönlichen Mittsommer-Gefühlsmischung rauszugehen und unter Leuten zu sein. Gemeinsam den frisch begonnenen Sommer zelebrieren, das hilft mir. 

Am Abend des 23. Juni versammeln sich fünfzig, sechzig Leute, Erwachsene und Kinder, rund um die Feuerschale. Es gibt Salate, Baguettes und Gegrilltes, Wein und Bier, selbstverständlich auch Nichtalkoholisches. Einer, der das ziemlich gut kann, spielt Gitarre und singt Wunschlieder, bei denen viele mitsingen oder -summen, je nachdem; "Country Roads" oder "Die Gedanken sind frei", solche Sachen. Mit einem Feuer in der Mitte geht das besonders gut. Und natürlich ist auch was von den Beatles dabei. 

Mit dem Johannisfeuer hat die christliche Tradition das ältere Sonnenwendfeuer sozusagen getauft, das heißt, es integriert und mit neuer Bedeutung gefüllt. Die Kirchen feiern am 24. Juni den Geburtstag Johannes des Täufers, genau ein halbes Jahr vor dem Geburtstag Jesu also. 

Sie folgen damit der Erzählung am Anfang des Lukasevangeliums. Feiern heißt hier zuerst gedenken, sich ins Gedächtnis rufen, was die Bibel von Johannes dem Täufer überliefert. 

Jesus lässt sich von Johannes taufen, wie viele andere. Johannes hat damals viele mit seiner Ausstrahlung und seinen Worten berührt. Er hat ihnen gesagt: "Kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!" (1) Gottes neue Welt kommt, und wir sollen schon jetzt neue Menschen sein. 
Jesus nimmt diese Botschaft auf und führt sie weiter. 

Er spricht mit großer Wertschätzung von seinem Lehrer Johannes: 
Er ist kein Schilfrohr, das der Wind hin und her bewegt; kein Mensch, der weiche Kleider trägt wie die Leute an königlichen Höfen. Er ist mehr als ein Prophet. Er ist es, von dem geschrieben steht: "Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, der deinen Weg vor dir bereiten soll." (2) Da ist niemand, der größer ist als er.

Johannes der Täufer selbst redet etwas bescheidener von sich, bleibt dabei aber durchaus selbstbewusst. Er versteht sich als Vorläufer und Wegbereiter für den, der da kommen soll – Jesus. 

"Ich taufe euch mit Wasser; es kommt aber der, der stärker ist als ich; ich bin nicht wert, dass ich ihm die Riemen seiner Schuhe löse; der wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen." (3) "Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen." (4)

Was für eine starke biblische Figur! Da kann ich womöglich was lernen im Blick auf mich selbst. Johannes sieht etwas vor sich, das größer ist als er selbst. Darauf möchte er hinweisen; dem möchte er dienen mit dem, was ihm gegeben ist - und was er geben kann. 

Wegbereiter sein, darin hat er seine Bestimmung gefunden. Er verfolgt sie mit großem persönlichem Einsatz, mit, ja: Hingabe. Dabei akzeptiert Johannes, dass seine eigene Macht begrenzt ist. Und offenkundig hat er sich mit seinen Grenzen versöhnt. Auch für die Realität um sich herum hat er einen klaren Blick; und findet eine deutliche Sprache für das, was ihn bewegt. 

Das alles finde ich beneidenswert; und nachahmenswert; und ansteckend.

Sonnenwende, Mittsommer, Johannisnacht, Johannistag – sie bilden eine herausgehobene Zeit im Jahr, mit einer ganz eigenen Stimmung. Die Atmosphäre erscheint irgendwie aufgeladen mit einer besonderen Energie, einer Art Hintergrundflimmern; mit Magie, sagen manche. Warum nicht? Das verbindet diese Schwellenzeit mit der anderen im Winter, der Zeit "zwischen den Jahren", auch "Raunächte" genannt. Kein Wunder, dass sich um beide reichlich Mythen und Bräuche ranken. 

Das Johannisfeuer sollte Dämonen abwehren und so für ein ganzes Jahr vor den unzähligen Schäden und Beschwerden schützen, die die bösen Geister verursachen können. Wer im Kreis ums Feuer herum tanzt oder noch besser drüberspringt, stärkt seine Abwehrkräfte. Liebespaare, die das tun, manche umgürtet mit Blumen und Kräutern, springen in eine glückliche Zukunft ihrer Liebe. 

Wer ins Johannisfeuer schaut, möglichst durch einen kleinen Strauß Rittersporn hindurch, soll besser sehen können, im übertragenen Sinn auch beim Blick in die Zukunft. Und was man dann in dieser Nacht träumt, geht angeblich in Erfüllung.

Eine Schwellenzeit bringt es oft mit sich, dass man Dinge besser sieht, dass einem ein Bild oder ein Thema näher auf den Leib rückt. Denn, wie gesagt, da strömt eine besondere Energie; es weht ein besonderer Geist. Die Hülle um mich herum ist durchlässiger, ich bin dünnhäutiger als zu anderen Zeiten. 
Die Mittsommerwoche ist für mich so eine Zeit des Dazwischen, zwischen dem, was in der ersten Jahreshälfte gewesen ist, und dem, was in der zweiten kommen soll. Dabei spannt sich der Bogen mitunter wie von selbst noch weiter zurück in meine Lebensgeschichte und weiter voraus in eine mögliche Zukunft hinein. 

In der Erinnerung taucht eine Situation auf und bringt mich zum Schmunzeln; oder ein Satz klingt nach, den mal jemand zu mir gesagt hat, fast beiläufig, aber jetzt steht er groß da. Ich scrolle durch meine Fotos und bleibe hier und da hängen: Ja, so schön ist es da gewesen im Februar oder hier im Mai. Und jetzt ist schon fast Ende Juni. 

Oder ich schaue in den Kalender und stoße im Oktober auf den Besuch, den wir mit Freunden verabredet haben; und sofort kommt Vorfreude auf, gefärbt von einem kleinen Schlaglicht von unserem letzten Treffen. 

Und ich springe noch weiter voraus und frage mich: Wo und wie werden wir in diesem Jahr Weihnachten feiern? Nachdem die jahrelang eingespielten Abläufe da jetzt nicht länger stattfinden werden. Im Ruhestand gibt es keine beruflichen Verpflichtungen mehr rund um Weihnachten. Auch da tun sich nun neue Möglichkeiten auf.  

Insgesamt also eine Menge Stoff fürs Zurückblicken und fürs Vorausschauen, oft durchzogen von Wehmut und von Sehnsucht, auch von Bedauern und Hadern, von Dankbarkeit, von Vorfreude. 

Im Dazwischen bewahrheitet sich eine Aussage, die einem öfter begegnet; hier in der Version der Journalistin und Schriftstellerin Gabriele von Arnim: 

Abschied und Zukunft gehören fast immer zusammen. Jeder Aufbruch – egal wohin – ist auch ein Abschied. Und fast jeder Abschied – egal wovon – ist auch ein Aufbruch. (5)

In dieser Übergangswoche der Sommersonnenwende und des Johannisfestes tut sich der Raum dafür auf, Tschüs oder Adieu zu sagen zur ersten Jahreshälfte und Hallo oder Willkommen zur zweiten. Der Sommer kann kommen.  

Ausschau halten nach sommerlichen Zeiten und mit Vorfreude in sie hineingehen -

dabei lasse ich mich gerne begleiten von passender Musik und von Liedern, die mich munter machen. Da gibt es ganz verschiedene Stile und Farben. Der Klassiker von Paul Gerhardt gehört unbedingt dazu, "Geh aus, mein Herz, und suche Freud". 

Das Lied ist für sehr viele Menschen tatsächlich immergrün, ein Evergreen, in der bekannten Melodie ebenso wie im Text. Der Dichter selbst hat seinem Liedtext damals, im Jahr 1653, die Überschrift "Sommer-Gesang" gegeben. Das heißt nicht nur, dass es ein Lied über den Sommer ist; oder eins, das man im Sommer singen soll. Es bedeutet noch mehr: Ich kann damit den Sommer sozusagen herbeisingen.

Und irgendwie singt der Sommer selbst in mir; ich muss nur mitschwingen und einstimmen.

Das kann mein Herz manchmal gut gebrauchen, dass ich es freundlich anstupse, dass ich an das appelliere, was in ihm steckt und was es tun kann: Geh raus, mein Herz, suche Freude, schau dich um, sieh gut hin! So viel Schönheit wartet darauf, von dir entdeckt zu werden. Heb mal den Kopf und lass deine Blicke nach oben schweifen, Richtung Himmel. Wenn dort keine Lerche ist, sind es vielleicht ein paar Mauersegler, die sich durch die Lüfte schwingen. Und wie die quietschen - sicher nicht so vielfältig wie die Gesänge der Nachtigall, aber einfach wunderbar. Hör gut hin, mein Herz, spitz deine Ohren, filtere den Klang heraus, der dich zum Lächeln bringt!  

Es gibt jede Menge zu erkunden und zu bestaunen, wenn das Herz einem die Sinne öffnet. Oder noch besser, wie Paul Gerhardt selbst es dann formuliert: wenn des großen Gottes großes Tun mir alle Sinne[n] erweckt. (6)
Das steht genau in der Mitte des Liedes, in der 8. Strophe. Ja, insgesamt sind es 15; der Dichter "fordert lächelnd einen langen Atem". (7) Das sagt die Kirchenmusikerin und Musikwissenschaftlerin Christa Reich, die sich intensiv mit Paul Gerhardts Sommer-Gesang beschäftigt hat. 

"Die achte Strophe wendet sich sprachlich und inhaltlich zurück zur ersten: Wieder spricht das Ich; ‚Gottes Gaben‘ heißen jetzt ‚Gottes großes Tun‘, und über dem Singen finden Ich und Herz zusammen. Aus der Schau entsteht der Lobgesang. Er verbindet das singende Ich mit dem Leben ringsum - ‚alles singt‘." (8)

In den sieben Strophen davor hat Paul Gerhardt jede Menge Leben ausgemalt und zum Klingen gebracht: Bäume voller Laub und Blumen, die sich schön angezogen haben; Berg, Hügel, Tal und Felder; den schnellen Hirsch und das leichte Reh; die unverdrossene Bienenschar; den Weinstock und den Weizen. In all dem erkennt er "die große Güte des, der so überfließend labt und mit so manchem Gut begabt das menschliche Gemüte". (9)

Dieses ganze bunte Leben findet im großen Garten Gottes statt und ist dort zuhause. Ja, der Dichter beschreibt und besingt die vielfältige Schöpfung als wunderbaren Garten, in dem Gott sich voll entfaltet hat. Und sein Schöpfungsgarten erstreckt sich weit über diese Erde hinaus. Er umfasst auch den Himmel und das Leben der kommenden Welt. (10) Davon erzählen die weiteren Strophen. Sie bebildern die Hoffnung über den Tod hinaus, das andere Leben, das sich jenseits der Grenze auftun wird. 

"Welch hohe Lust, welch heller Schein wird wohl in Christi Garten sein! Wie muss es da wohl klingen… 
Mein Herze soll sich fort und fort an diesem und an allem Ort zu deinem Lobe neigen.
Verleihe, dass zu deinem Ruhm ich deines Gartens schöne Blum und Pflanze möge bleiben."
(11)

So lasse ich mich gerne hineinbegleiten in den Sommer.
Manche Menschen können ja nicht so gut mit dieser Zeit im Jahr. Sie sind mehr der Frühlingstyp oder lieben den Herbst oder den Winter. Wie gut, dass es vier verschiedene Jahreszeiten gibt, in die man sich hineinbewegen kann! Welche Freude sie an diesem fließenden Wechsel hat, beschreibt eine andere große Dichterin, Mascha Kaléko, in ihrem Gedicht Sozusagen grundlos vergnügt. Darin heißt es:  

Ich freu mich, dass am Himmel Wolken ziehen
Und dass es regnet, hagelt, friert und schneit.
Ich freu mich auch zur grünen Jahreszeit,
Wenn Heckenrosen und Holunder blühen.

Ich freu mich, dass der Mond am Himmel steht
Und dass die Sonne täglich neu aufgeht.
Dass Herbst dem Sommer folgt und Lenz dem Winter,
Gefällt mir wohl. Da steckt ein Sinn dahinter,
auch wenn die Neunmalklugen ihn nicht sehn.
Man kann nicht alles mit dem Kopf verstehn!

Ich freue mich, dass ich mich an das Schöne
Und an das Wunder niemals ganz gewöhne.
Dass alles so erstaunlich bleibt, und neu!
Ich freue mich, dass ich… Dass ich mich freu. (12)


Das wäre doch eine feine Sache: sich dieses Lebensgefühl anziehen, die Daseinsfreude teilen beim Hineingehen in diesen Sommer. Und möglichst etwas davon mitnehmen in die Tage, die jetzt kommen. Oder besser gesagt: sich ab und an aufs Neue da hineinziehen lassen. Schönen Mittsommer, guten Johannistag und reichlich Segen für die zweite Hälfte des Jahres!
 

Musik dieser Sendung:
1. Geh aus, mein Herz, und suche Freud - Andi Weiss (instrumental)
2. The Party / Hoppsa – Soundtrack Film Wie im Himmel 
3. Here Comes the Sun - The Beatles 
4. Here Comes The Sun – Nina Simone
5. I Can See Clearly Now – Jimmy Cliff
6. Geh aus, mein Herz, und suche Freud, Strophen 1 und 3 
7. Geh aus, mein Herz, und suche Freud, Strophe 8
8. Geh aus, mein Herz, und suche Freud, Strophe 10 
9. Geh aus, mein Herz, und suche Freud – SacreFleur

Zitate dieser Sendung:
1. Matthäus 3,2
2. Matthäus 11,10; Maleachi 3,1
3. Lukas 3,16 
4. Johannes 3,30
5. Gabriele von Arnim, Abschied leben. Tagebuch eines Zeitgefühls, Hamburg 
   2026, S. 14
6. Evangelisches Gesangbuch 503, Strophe 8
7. Geistliches Wunderhorn. Große deutsche Kirchenlieder, hrsg. von Jürgen Henkys, Christa Reich u.a., München 2001, S. 264
8. Geistliches Wunderhorn, S. 268
9. Evangelisches Gesangbuch 503, Strophe 7
10. Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel, Evangelisches Gesangbuch 805
11. Evangelisches Gesangbuch 503, Strophen 10, 12 und 14 
12. Mascha Kaléko, Mein Lied geht weiter. Hundert Gedichte, hrsg. von Gisela Zoch-Westphal, München 2007, S. 89f.