Inspiration, Begeisterung – das ist Pfingsten. Für unseren Autor dürfen da die Lieder von Paul Gerhardt nicht fehlen. Denn sie sind ein Pfingsterlebnis für sich.
Sendetext:
Pfingsten. Das Fest des Heiligen Geistes. Geist, das ist Inspiration, himmlische Einfälle, Begeisterung, neuer Mut im Herzen, der Funke Hoffnung, der wieder lebendig werden lässt, so dass man sich wie neu geboren fühlt. So besingt den Heiligen Geist der Kirchenliederdichter Paul Gerhardt in seinem bekanntesten Pfingstlied:
Zieh ein zu deinen Toren:
1. Zeuch ein zu deinen Toren,
sei meines Herzens Gast,
der du, da ich geboren,
mich neu geboren hast.
o hochgeliebter Geist
des Vaters und des Sohnes,
mit beiden gleichen Thrones,
mit beiden gleich gepreist.
"Zieh ein zu deinen Toren, sei meines Herzens Gast": Über das Wesen und die Wirkung des Heiligen Geistes weiß Paul Gerhardt viel zu sagen. 16 Strophen hat sein Pfingstlied, von denen sich immerhin noch 13 im Evangelischen Gesangbuch finden (EG 133). Paul Gerhardt meint, Gottes Geist schenkt Kraft in Situationen, die ich für aussichtslos halte. Gottes Geist lehrt beten, wenn mir die Worte fehlen, und lässt mein Gebet zum Himmel aufsteigen. Im Leiden ist Gottes Geist ein "Trostes Licht". In Trauer öffnet er die Tür der Seele, durch die neben dem Schmerz auch wieder andere Gefühle wie Freude hereinkommen können. Geistesgegenwart, die wünscht Paul Gerhardt in seinem Lied der Polizei, den Fürsten, den Alten, der Jugend, dem Volk im ganzen Land.
Paul Gerhardt starb vor 350 Jahren, am kommenden Mittwoch jährt sich sein Todestag. Schon zu Lebzeiten war der Pfarrer und Dichter sehr beliebt. Heute werden seine Lieder in allen christlichen Konfessionen rund um den Globus gesungen. 26 stehen allein im Evangelischen Gesangbuch. Seine Texte und Lieder begeistern Menschen seit Jahrhunderten. Den meisten ist er als Dichter speziell von Kirchenliedern bekannt. Seine Dichtung aber befand sich auf der Höhe seiner Zeit. Seine Verse brauchen den Vergleich mit anderen Barockdichtern wie Andreas Gryphius oder Paul Fleming nicht zu scheuen.
Die güldne Sonne voll Freud und Wonne
bringt unsern Grenzen mit ihrem Glänzen
ein herzerquickendes, liebliches Licht.
Mein Haupt und Glieder, die lagen darnieder;
aber nun steh ich, bin munter und fröhlich,
schaue den Himmel mit meinem Gesicht.
Geboren wird Paul Gerhardt am 12. März 1607 in dem kleinen Ackerbürgerstädtchen Gräfenhainichen in der Nähe der Lutherstadt Wittenberg. Sein Vater ist Wirt und jahrweise Bürgermeister des kleinen Fleckens. Als Paul zwölf Jahre alt ist, stirbt sein Vater, zwei Jahre später auch die Mutter.
Im folgenden Jahr 1622 kommt Paul auf die Evangelische Fürstenschule nach Grimma und erhält eine solide humanistische Ausbildung. Zu ihr gehört auch die Aufgabe zu dichten.
Christian Bunners:
"Wir wissen, dass es dort zum Regelunterricht gehört hat, dass die Schüler in Latein Verse anfertigten, meistens orientiert an antiken Vorbildern, die sie dann irgendwie umwandeln mussten, oder gewisse Themen, die sie dann im Sinne der klassischen Poetik zu formen hatten."
erzählt Christian Bunners, der Gründer und langjährige Präsident der Paul-Gerhardt-Gesellschaft im Interview, das ich mit ihm vor einigen Jahren geführt habe. Bunners ist vor zwei Jahren gestorben. Er war einer der besten Paul-Gerhardt-Kenner in unserer Zeit.
Paul Gerhardt will auch nicht Dichter werden, sondern Pfarrer. Deshalb beginnt er 1628 mit dem Theologiestudium in Wittenberg. Viele lutherische Theologen seiner Zeit zog es an die Wirkungsstätte und Universität Luthers. Gerhardt bleibt dort 14 oder 15 Jahre, ein ungewöhnlich langes Studium, das er zum Teil als Hauslehrer finanziert. Ob er auch schon dichtet, weiß man nicht, aber die entscheidenden Weichen dürften hier gestellt worden sein. Zum einen studiert er gründlich die lutherische Theologie, zum anderen bildet er sich auch in Poetik fort.
Christian Bunners:
"Relativ unbestritten ist inzwischen, dass er in Wittenberg bei dem damals führenden Poetologen, also Professor für Dichtkunst August Buchner studiert haben wird. Dieser August Buchner war verbunden mit Opitz, Leute, die sagten: Wir müssen eine eigenständige deutsche Poesie entwickeln. Und Gerhardt hat also zu ihnen Kontakt gehabt und hat diese ganz neuen Regeln des Dichtens aufgegriffen – etwa die Forderung von Opitz und Buchner, dass der Takt in einem Vers mit der natürlichen Sprachbetonung zusammenfällt."
Auf Deutsch zu dichten, war zu Paul Gerhardts Zeit noch wenig verbreitet, die literarischen und poetischen Formen noch recht neu und nicht voll ausgeprägt. Paul Gerhardt hat viele ausprobiert und sie meisterlich mitgestaltet. Der natürliche Sprachfluss in Gerhardts Lyrik zeigt sich auch darin, dass man seine Texte so gut behalten kann.
1642 oder 43 geht Paul Gerhardt nach Berlin. Er wird dort Hauslehrer. Und hier in Berlin beginnt seine Karriere als Dichter.
Christian Bunners:
"Fakt ist, dass er von dem Berliner Musiker Johann Crüger entdeckt worden ist als Dichter. Johann Crüger war seit 1622 in Berlin an der Hauptkirche St. Nikolai in Berlin-Mitte und Kantor bis 1662. Paul Gerhardt kam nach Berlin 1642/43 und das erste deutsche Gedicht erscheint 1643. Und man kann vermuten, dass in dieser Zeit sich sehr schnell ein Kontakt zwischen Crüger und Paul Gerhardt hergestellt hat. 1640 aber bereits war ein Gesangbuch von Johann Crüger erschienen. Als dann die zweite Ausgabe des Gesangbuchs erscheint 1647, stehen in dieser Ausgabe die ersten 18 geistlichen Lieder von Paul Gerhardt. 1653 in der 5. Auflage sind es bereits 82 Lieder. Von dieser gemeinsamen Arbeit von Crüger und Gerhardt her muss man davon ausgehen, dass Paul Gerhardt von Anfang an die meisten seiner Texte für den Gebrauch in der Gemeinde geschrieben hat."
Lobet den Herren:
Verse 10, Geistesgegenwart
Lobet den Herren alle, die ihn ehren;
lasst uns mit Freuden seinem Namen singen
und Preis und Dank zu seinem Altar bringen.
Lobet den Herren!
Der unser Leben, das er uns gegeben,
in dieser Nacht so väterlich bedecket
und aus dem Schlaf uns fröhlich auferwecket:
Lobet den Herren!
Dass unsre Sinnen wir noch brauchen können
und Händ und Füße, Zung und Lippen regen,
das haben wir zu danken seinem Segen.
Lobet den Herren!
O treuer Hüter, Brunnen aller Güter,
ach lass doch ferner über unser Leben
bei Tag und Nacht dein Huld und Güte schweben.
Lobet den Herren!
Gib, dass wir heute, Herr, durch dein Geleite
auf unsern Wegen unverhindert gehen
und überall in deiner Gnade stehen.
Lobet den Herren
So klingt für mich Pfingsten! Und Paul Gerhardt hat Grund zum Loben und zum Danken. Er wird in Berlin und darüber hinaus als Dichter bekannt und schreibt ein Lied nach dem anderen. 1651 wird er Propst im brandenburgischen Mittenwalde und gründet 1655 eine Familie. Doch diese freudigen Ereignisse im persönlichen Bereich sind eingebettet in den Dreißigjährigen Krieg und seine Folgen. Eine Zeit solcher Katastrophen, dass man sich wundert, wieso es dem Dichter eigentlich nicht die Sprache verschlagen hat. Um seine Lieder in seiner Zeit zu verstehen, muss man sich vorstellen, so Christian Bunners:
"Wie Berlin darniederlag, wie das ganze Land Brandenburg, also sein Umfeld schwer geschädigt worden war durch den Dreißigjährigen Krieg. Auch seine erste Pfarrstelle, in die er kam in Mittenwalde südlich von Berlin und Berlin selbst, waren reduziert um große Teile ihrer Bevölkerung, die Häuser zerstört, die Wirtschaft kaputt."
"Befiehl du deine Wege / Und was dein Herze kränkt, / Der allertreusten Pflege / Des, der den Himmel lenkt!"
Angesichts der Schrecken seiner Zeit trat Paul Gerhardt in seinen Texten die Flucht nach vorn an. Er flüchtete sich in die Arme Gottes.
Befiehl du deine Wege,
Und was dein Herze kränkt,
Der allertreusten Pflege
Des, der den Himmel lenkt!
Der Wolken, Luft und Winden,
Gibt Wege, Lauf und Bahn,
Der wird auch Wege finden,
Da dein Fuß gehen kann.
"Der Wolken, Luft und Winden / Gibt Wege, Lauf und Bahn": Kann man diese Verse heute noch anstimmn angesichts der Klimakatastrophe? Klingt das nicht verwegen oder weltfremd? Man weiß heute zumindest: Paul Gerhardt durchlebt selbst eine Klimakatastrophe, eine kleine Eiszeit nämlich, in der die Agrarindustrie damals fast ganz zum Erliegen kommt. Die Welt ist für ihn ungeordnet, ja, sie droht im Chaos zu versinken. Sogar die Natur und die Jahreszeiten sind durcheinander. So richtet Paul Gerhardt den Blick ganz auf die göttliche Ordnung, denn ihm fehlt der Glaube, dass die Menschen das in den Griff bekommen und alles besser wird.
Seine Botschaft an die Überlebenden eines jahrzehntelangen Krieges ist lupenreine lutherische Theologie. Die betont: Es kommt allein auf Gottes Gnade an. Das kann man sich an drei Strophen aus dem Lied "Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich" vor Augen und Ohren führen.
1. Vers
Ist Gott für mich, so trete
Gleich alles wider mich,
Sooft ich ruf' und bete,
Weicht alles hinter sich.
Hab' ich das Haupt zum Freunde
Und bin geliebt bei Gott,
Was kann mir tun der Feinde
Und Widersacher Rott'?
Dieses Lied ist – sehr typisch für Paul Gerhardt - eine Nachdichtung biblischer Verse, in diesem Fall aus dem Römerbrief. Gott ist für den Menschen. Das ist das Entscheidende überhaupt, denn wäre Gott gegen ihn, nützte ihm auch aller Erfolg nichts. Der Mensch wäre in Ewigkeit verloren. Zugleich macht der Gottesglaube stark und überwindet diese Welt. Das erfährt der Mensch, so oft er ruft und betet – und: singt.
2. Vers
Die Welt, die mag zerbrechen,
Du stehst mir ewiglich,
Kein Brennen, Hauen, Stechen
Soll trennen mich und dich,
Kein Hungern und kein Dürsten,
Kein' Armut, keine Pein,
Kein Zorn der großen Fürsten
Soll mir ein' Hindrung sein.
Paul Gerhardt zählt die Übel konkret auf, die ihm und seinen Zeitgenossen widerfahren. Sie schrecken aber nicht, denn die Welt ist dem Glaubenden zweitrangig. Der Glaubende erträgt die Leiden aber nicht mit stoischem Gleichmut, nein, er kann sich in dieser Welt freuen. Die Welt selbst bietet ihm dazu kaum Anlass, der Himmel dafür umso mehr. So ist der Mensch ein "Gast auf Erden" und noch dazu ein fröhlicher. Und es mag sein, dass diese Fröhlichkeit dann sogar diese Welt ein Stück verwandelt.
3. Vers
Mein Herze geht in Sprüngen
Und kann nicht traurig sein,
Ist voller Freud' und Singen,
Sieht lauter Sonnenschein.
Die Sonne, die mir lachet,
Ist mein Herr Jesus Christ;
Das, was mich singen machet,
Ist, was im Himmel ist.
Paul Gerhardt hat ein klares Bild vom christlichen Leben, das von Gott geschenkt wird und am Ende auch bei Gott endet. Dabei ist Paul Gerhardt nicht moralinsauer. Er glaubt nicht, dass sich der Mensch durch gute Taten den Himmel verdienen kann. Wer sich von Gott geliebt weiß, gibt diese Liebe automatisch weiter. In seinen Liedern ist sehr viel Verständnis für die Mühsal des Lebens und viel seelsorgerlicher Trost.
Doch wie tröstet man sich selbst, wenn die eigenen Kinder sterben? Paul Gerhardts erstes Kind, die Tochter Maria Elisabeth wird im Mai 1656 geboren und stirbt bereits acht Monate später. Weitere Verluste folgen. Von den fünf Kindern überlebt nur eines, die anderen sterben als Säuglinge. Direkte Zeugnisse, wie der Dichter den Tod der eigenen Kinder verkraftet hat, fehlen. Für Freunde, die ein Kind verloren hatten, schrieb Paul Gerhardt die sogenannten "Kindertotenlieder". In einem von ihnen lässt er das gestorbene Kind selbst aus dem Jenseits die Eltern trösten:
Mein herzer Vater, weint ihr noch?
Und ihr, die mich geboren?
Was grämt ihr euch? Was macht ihr doch?
Ich bin ja unverloren.
Ach, ihr sollt sehen, wie mir‘s geht,
und wie mich der so hoch erhöht,
der selbst so hoch erhoben;
ich weiß, ihr würdet anders tun
und meiner Seele süßes Ruhn
mit eurem Munde loben.
"Was grämt ihr euch, was macht ihr doch, ich bin ja unverloren", sagt das Kind. Ja, es meint, die Eltern könnten das süße Ruhen seiner Seele bei Gott sogar loben. Kann man Eltern, die ein Kind verloren haben, so etwas zumuten oder verhöhnt man gar ihre Trauer und nimmt sie in ihrem Schmerz nicht ernst? Paul Gerhardt stellt sich vor: Das Kind sitzt im Schoße Gottes. Es geht ihm jetzt endlich gut, im Gegensatz zu allen, die hier im irdischen Jammertal noch ausharren müssen.
Man kann schnell einwenden: Das ist nur ein Trick, man macht sich selbst was vor. Paul Gerhardt trauere nicht genügend und stelle sich nicht dem Schmerz. Aber wie soll man einen solchen Schmerz überhaupt aushalten?
Ein Freund von mir hat jahrelang trauernde Eltern begleitet. In seinen Kursen hat er die trauernden Eltern gebeten, Briefe so zu schreiben, als ob ihre Kinder aus dem Jenseits ihnen diese Briefe schreiben würden. Das Ergebnis: Die Briefe hatten überraschenderweise alle den Tenor: "Grämt euch nicht mehr, seid nicht traurig, mir geht es gut." Die Eltern waren selbst verwundert, dass sie solche Briefe überhaupt schreiben konnten. Sie waren erstaunt über die Zuversicht, die ihnen da aus der Feder geflossen ist.
Das ist die bleibende Kraft in den Texten Paul Gerhardts: Er konnte Gefühle und Gedanken, tiefsten Schmerz und größte Hoffnung in ansprechende Bilder und Verse kleiden.
Alles vergehet, Gott aber stehet
ohn alles Wanken; seine Gedanken,
sein Wort und Wille hat ewigen Grund.
Sein Heil und Gnaden, die nehmen nicht Schaden,
heilen im Herzen die tödlichen Schmerzen,
halten uns zeitlich und ewig gesund.
Das Geheimnis oder - salopp gesagt - das Erfolgsrezept der Wirkung Paul Gerhardts ist ein doppeltes. Zum einen findet er für die zentralen Themen der Theologie und des Glaubens stimmige, fröhliche und tröstliche Bilder. Die andere Seite des Geheimnisses seines Erfolges ist seine durchgeformte, kunstvolle Art der Poesie.
Christian Bunners:
"Er hat in seinen - zurzeit kennen wir etwa 139 deutsche Lieder und Gedichte - hat er etwa 50 verschiedene Strophenformen verwendet und von diesen etwa 50 Strophenformen sind etwa sieben Strophenformen, die er selbst zum ersten Mal geschaffen hat, also die vorher in der deutschen Dichtung überhaupt nicht vorkamen. Auch das zeigt seine geniale dichterische Fähigkeit."
Der Pfarrer Paul Gerhardt steht als Dichter in der ersten Reihe der deutschen Barocklyrik. Das ist sein unbestrittener literarischer Rang. Für Christinnen und Christen aber hat Paul Gerhardt noch eine weitere Qualität, und deshalb gehört er zu Pfingsten. Seine Lieder sind durchdrungen von Zuversicht. Sie trösten und tragen in den schönsten und den schwersten Stunden. Im Neuen Testament sind das alles Eigenschaften des Geistes Gottes. Jesus hat so vom Heiligen Geist gesprochen: als Tröster. Als göttlicher Beistand.
Paul Gerhardts Lieder sind insgesamt ein Pfingsterlebnis. Sie begeistern im wörtlichen Sinn. Egal ob an Weihnachten, Ostern oder das ganze Jahr über. Mit Paul Gerhardt ist eigentlich immer Pfingsten, weil seine Verse so geist-reich sind. Sie berühren das Herz und lassen Gottes frohe und befreiende Botschaft fühlen.
Es gilt das gesprochene Wort.
Musik dieser Sendung:
1. Zieh ein zu deinen Toren von Paul Gerhardt (1607 – 1676)
2. Die güldne Sonne, Wach auf, mein Herz, und singe
3. Lobet den Herren
4. Befiehl du deine Wege
5. Ist Gott für mich so trete
6. "Mein herzer Vater, weint ihr noch",
7. Die güldne Sonne, Wach auf mein Herz und singe
8. Chaconne (Bläser), CD Windsbacher Lobe den Herren