Was verlieren wir, wenn durch Künstliche Intelligenz alles möglich, aber nichts mehr echt ist?
Sendetext:
Mirko will seiner hochbetagten Mutter eine Freude machen. Er sucht Bilder aus ihrer früheren Heimat heraus. Das Haus, in dem sie groß geworden ist. Die Straße, in der sie als Kind gespielt hat. Die Stadt, in der sie zur Schule gegangen ist. Die Fotos bearbeitet er mit KI, also Künstlicher Intelligenz. Er oder besser die KI kriegt es hin, dass es auf den Bildern so aussieht wie früher in den 50er und 60er Jahren, als seine Mutter dort gelebt hat. Das Ergebnis kann sich sehen lassen.
Mirko ist ganz stolz, was er mit KI erreicht hat. So präsentiert er die Fotos seiner Mutter und erklärt ihr dazu, wie er das gemacht hat. Die bald 90-jährige Mutter schaut sich die Bilder an – und bricht in Tränen aus. Mirko denkt, ein voller Erfolg! Sie ist eben so gerührt und freut sich. Dann aber sagt sie: "Nichts ist mehr echt. Das ist so furchtbar." Deshalb muss sie weinen.
Intuitiv hat Mirkos Mutter begriffen, was das wunderbare Werkzeug KI mit uns Menschen macht. Alles erleichtert die sogenannte Künstliche Intelligenz. Sie übertrifft sich andauernd selbst und wird immer besser. Dabei ist sie uns Menschen gegenüber immer freundlich zugewandt, ganz dienstbar und hilfsbereit. Es macht Spaß. Damit zu spielen, ist sehr verführerisch.
Doch aus dem Spiel ist längst Ernst geworden. Die Künstliche Intelligenz drängt sich in fast alle Lebensbereiche. Dort überflügelt sie uns Menschen schnell und ist längst mehr als ein Hilfsmittel. Sie kopiert alle kreative menschliche Leistung, imitiert sie und flugs ist sie besser als jeder Einzelne. Ihre Ergebnisse sind gut, verteufelt gut. Sie lassen die menschliche Leistung verblassen. Was sind wir daneben noch? Was ist noch echt?
Mich erinnert das an die Geschichte von Faust, der mithilfe von Mephisto alles bekommt, was er will. Mephisto ist immer freundlich zugewandt und hilft, wo er kann. Nur der Preis, den Mephisto verlangt, ist eben kein Geld, sondern Leben und Würde, Vertrauen und Echtheit.
Auch in vielen Märchen gibt es unlösbare Aufgaben, die Menschen dennoch lösen müssen. Möglich macht es dann oft eine Figur in Menschengestalt, die erscheint und ihre Hilfe anbietet. Den Menschen gelingt dann alles, nur müssen sie leider dem Helfer ihre Seele versprechen. Denn in Wahrheit ist der freundliche Helfer in den Märchen der Teufel.
Ich möchte Künstliche Intelligenz nicht einfach verteufeln. Sie hat ihre guten Seiten. Aber über ihre wahren Kosten müssen wir offen diskutieren. Und mit den wahren Kosten meine ich nicht die paar Euro mehr für eine noch leistungsfähigere Anwendung. Was kostet KI die Menschen und die Umwelt wirklich? Das müssen wir endlich mitbedenken und mitkalkulieren. Wie kann ich KI verwenden, ohne dass Würde und Echtheit verloren gehen?
In den alten Märchen und Geschichten steckt – wie in den Religionen auch – die Lebenserfahrung und Weisheit der Menschheit. Sie hatten früher natürlich von Künstlicher Intelligenz und deren Technik noch keine Ahnung. Und doch sollten wir unbedingt auf ihre Lehren hören, wenn wir eine menschliche und gute Zukunft gestalten wollen. Ihre Botschaft: Goethes Faust und auch die Märchen gehen nur für die gut aus, die ihre eigene Begrenzung erkennen und anerkennen. Und die zugleich die wahre Natur des Helfers durchschauen und sich nicht länger von ihm alles diktieren lassen. Das müssen wir auch bei KI hinbekommen.
Es gilt das gesprochene Wort.
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