Blättern im Fotoalbum: Das bin ich mit zwei Monaten, mit 13, bei meiner Hochzeit. Ich bin seither eine andere geworden. Was hält mich und mein Leben zusammen?
Sendetext:
Die Haare! Warum bloß schaut man immer zuerst auf diese unmögliche Frisur. Das Mädchen unter dieser Föhnglocke ist mit seinen damals 13 Jahren längst nicht erwachsen. Aber dieser Tag fühlt sich ein bisschen so an. Der Konfirmationstag. Er ist einer von denen, die du nicht vergisst. Die Aufregung. Die Geschenke. Die große Feier. Da blinzeln die Gäste alle in die Sonne, schön im Garten aufgestellt, das Mädchen vorn in der Mitte. Sie strahlen dich an. Puh, so viele, die schon lange nicht mehr sind.
Ein paar Seiten vorher im Album ganz andere Frisuren, die Farben etwas verschossen. Wieder das Mädchen. Ein weißes Spitzengebirge, aus dem ein Babygesicht schaut. Taufe. Wieder Fotos im Garten. Das Mädchen mit den stolzen Eltern. Das Mädchen mit Oma und Opa. Das Mädchen mit Patin. Es ist erst zwei Monate alt, den ersten davon hat das Frühchen in der Kinderklinik verbracht.
Heute ist mein Konfirmationstag, der 23. April, und das Mädchen bin tatsächlich ich. Wenn ich mir die Fotos von früher anschaue, brauche ich immer einen kleinen Moment, mich darin zu sehen: Der Säugling da bin ich. Keine eigene Erinnerung mehr an den Brutkasten und jenen Zustand, der vor allem aus Schlafen und Saugen besteht. Ist vielleicht auch ganz gut so. Das 13-jährige Mädchen mit der unmöglichen Frisur: Das bin auch ich. Oh ja, das weiß ich noch. Aber heute bin ich doch eine ganz andere. Wie oft habe ich mich gehäutet seitdem. Zum Glück.
Was hält dieses Leben zusammen, das jetzt gut sechs Jahrzehnte währt? Was ist es außer Fotoalben, die seinen Lebenslauf dokumentieren, und Genen, die es prägen? Der Tauftag und der Konfirmationstag sind Schwellentage in meinem Leben. Sie zeigen einen Übergang und verdichten ihn: den Übergang in dieses Leben überhaupt, als ich frisch geboren war, und den Übergang in die Mündigkeit, als ich Teenagerin war.
Es gibt weitere solche Schwellentage in meinem Leben: meine Hochzeit. Mein Ordinationstag, als ich zur Pastorin ins Amt berufen und gesegnet wurde. Hätte ich Kinder, würde ich jetzt weitermachen mit ihren Taufen und Konfirmationen und so weiter. Und nicht zu vergessen: Die Beerdigung meines Vaters, auch die.
An solchen Schwellen steht das Leben auf dem Spiel. Tatsächlich! Auch an heiteren wie einer Taufe, einer Konfirmation, einer Trauung ist die Frage im Raum: Und jetzt? Es wird jetzt ganz anders. Wie geht es weiter? Das macht den tiefen Ernst der Schwellentage aus. Deswegen fließen fast immer Tränen in den Gottesdiensten zu diesen Anlässen.
Noch einmal: Was hilft dem Leben über die Schwellen hinweg, was hält es zusammen? Für mich ist es das: "Gott segne dich und behüte dich." Ich bin froh, dass das dem Frühchen ganz am Anfang seines Lebens bei der Taufe versprochen wurde. Und auch seinen Eltern, als sie verkraften mussten, dass manches anders kommt als erhofft. Ich bin froh, dass es dem Mädchen mit der unmöglichen Frisur bei seiner Konfirmation versprochen wurde, als es ziemlich unsicher und nicht besonders selbstbewusst war. Ich bin froh, dass es dem Hochzeitspaar gesagt wurde, als es sich das lebenslange Jawort gab. Und ich bin froh, dass es mir auch für die Ewigkeit gesagt werden wird, bevor ich auf den letzten Weg gebracht werde. "Gott behüte deinen Ausgang und deinen Eingang von nun an bis in Ewigkeit."
Das sind nur Worte, ja. Es sind dies aber Worte, die mächtiger und wirksamer sein können als viele Taten. Sie brechen das Hier und Jetzt auf. Sie öffnen es für das, was, unsichtbar und unverfügbar, meinen kleinen Horizont übersteigt. Sie bekräftigen: Du sollst leben! Sie sind eine Bestärkung in glücklichen Momenten. Sie protestieren, wenn das Leben bedroht oder beschädigt wird. Gott meint es gut mit dir.
Der 23. April ist mein Konfirmationstag. Ein Feiertag für mich, egal mit welcher Frisur.
Es gilt das gesprochene Wort.
Feedback zur Sendung? Hier geht's zur Umfrage!