Christen dürfen nicht streiten? Von wegen! Auseinandersetzung gehört zur Wahrheitssuche. Aber es geht um wahrhaftiges Streiten, nicht um Krakeelen.
Sendetext:
Es war in einer Rede zur christlich-jüdischen Zusammenarbeit. Da erzählte der langjährige Vorsitzende der jüdischen Gemeinde meiner Heimatstadt Münster einen hinreißenden Witz. Der ging ungefähr so:
Ein Jude erleidet Schiffbruch und rettet sich auf eine einsame Insel. Was macht er dort? Er baut selbstverständlich eine Synagoge. Als er damit fertig ist, stellt er sich hin, betrachtet sie höchst zufrieden und beschließt unmittelbar: "Jetzt baue ich noch eine Synagoge." Gesagt, getan.
Eines Tages kommt ein Schiff, das ihn rettet. Der Kapitän sieht die zwei Synagogen, kratzt sich am Kopf und sagt: "Verrate mir, warum bloß hast du zwei Synagogen für dich gebaut?" "Für mich?", fragt der Jude da entrüstet zurück. "Die eine ist für mich. In die andere würde ich doch nie einen Fuß setzen."
Umwerfend, der Humor und die Weisheit, die in diesem Witz stecken. Das Judentum, auch das Christentum kann nicht ohne Widerspruch und Streit existieren. In der Bibel ist der Streit Heilige Schrift geworden. Jesus hat den Streit nicht aus der Welt geschafft, als er das jüdische Gebot der Nächstenliebe gepredigt und die Feindesliebe hinzugefügt hat. "Du darfst nicht streiten" - das ist eine beliebte christliche Selbsttäuschung, und es ist falsch. Wer die Nächsten liebt, muss mit ihnen streiten.
In der Bibel gibt es deshalb lauter Widersprüche. Lauter paradoxe Aussagen, mal so, mal das Gegenteil. Schwerter zu Pflugscharen. Dann wieder Pflugscharen zu Schwertern. Was denn jetzt? Zwei Versionen, wie Gott die Welt geschaffen hat. Welche stimmt denn nun?
Manche sagen deshalb: "Ich kann das alles nicht glauben. Das kann nicht wahr sein. Das widerspricht sich doch hinten und vorn." Ich sage: Gerade und nur deshalb ist die Bibel glaubwürdig. Nur deshalb interessiert sie mich. Weil da auch die Sicht der Dissidenten, Abweichlerinnen und Andersdenkenden geehrt und aufbewahrt wird. Weil die alte Lesart nicht gelöscht und durch die neue ersetzt wird. Weil da zwei konkurrierende Geschichten nebeneinanderstehen dürfen. Weil da drei Perspektiven eingenommen werden. Weil es vier Evangelien gibt mit kleinen und großen Unterschieden und nicht nur das eine. Dieses Aushalten, diese Würdigung von Widersprüchen widerspricht fundamentalistischen, eindimensionalen und totalitären Weltbildern. Umso mehr entspricht es aber dem Leben überhaupt. Das ist großartig.
Widerspruch und Streit gehören fest zur Wahrheitssuche dazu. Nicht pöbeln, nicht mosern, nicht zoffen. Sondern: wahrhaftig streiten! Mit einem Ernst, der Zähne zeigen kann, und mit einem Humor, der vor Verbissenheit bewahrt. Das ist das Gegenteil von Fertigmachen, Zerfetzen, Krakeelen, Verhöhnen, In-Grund-und-Boden-Schreien. Ich behaupte damit nicht, Streit käme ohne Leidenschaft und Zorn aus. Es darf ruhig mal laut und hitzig werden, es geht ja schließlich um was. Es geht um die Wahrheit, manchmal um Lebens- und Überlebensfragen.
Streit und Dissens sind nicht das Gegenteil von Frieden. Das Gegenteil von Frieden ist Krieg. Streit darf nicht zum Krieg werden, in dem ich den Gegner zum Feind mache, ihn persönlich vernichten, demütigen, seine Existenz, sein Gesicht und seine Würde zerstören will. Ich lebe, und ihr sollt auch leben, sagt Jesus. Das gilt. Und wenn man sich noch so streitet, es muss klar bleiben: Am Ende werden wir uns noch anschauen können, werden wir einander die Hand reichen, weiter miteinander reden und es wagen können, wenn nötig, den nächsten Streit zu führen.
Deshalb verkneife ich mir, wenn es eben geht, das giftige Wort. Ich kann es ja nachher nicht mehr einfangen, und es verätzt zukünftige Gespräche. Ich möchte vertrauen, dass mein streitbares Gegenüber mir nicht schaden will, sondern der Wahrheit dienen will und dem gemeinsamen Ganzen. Und so möchte ich mich auch verhalten. Als Christin. Als Mensch überhaupt.
Es gilt das gesprochene Wort.
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