Es gibt gute Gespräche, oft zu später Stunde, die lassen die Welt und einen selbst in neuem Licht sehen.
Sendetext:
Ein Abend, wie ich ihn mag seit meiner Studentenzeit. Die Rotweinflasche ist halb leer. Auf dem Teller liegen nur noch ein paar Krümel von Käse und Brot. Ein guter Freund und ich sitzen am Küchentisch wie früher in unserem gemeinsamen Studium. Wir ticken verschieden und streiten über theologische Fragen, über Kirche und Gesellschaft.
Irgendwann zu später Stunde verändert sich das Gespräch. Weniger Diskutieren, Rechthaben, Überzeugenwollen. Es wird persönlich. Wir reden über unsere Partnerschaften, unsere Kinder. Die Frage, ob man im eigenen Leben jemals ankommt. Über Fehler der Vergangenheit, die lange nachhängen. Über das Gefühl, manchmal an sich selbst vorbeizuleben. Am Ende umarmen wir uns.
Ich mag diese Abende. Jedes Mal nehme ich einen Satz mit, der etwas neu sortiert – in meinem Leben und oft auch in meinem Glauben.
Von einem Nachtgespräch erzählt die Bibel: Da kommt spät am Abend ein Mann namens Nikodemus zu Jesus. Die beiden unterhalten sich, bei Dunkelheit, unter vier Augen, weit weg vom Tageslicht und den Rollen, die man tagsüber spielt.
Nikodemus ist religiös und gebildet. Einer, der schon viel geforscht hat und trotzdem weitersucht. Er und Jesus reden über Gott, über die Heilige Schrift, über Angst und Hoffnung. Und dann, mitten in diesem nächtlichen Gespräch, sagt Jesus einen dieser Sätze, die sich festsetzen: "So sehr hat Gott die Welt geliebt."
Was für ein riesengroßer Satz. Und gleichzeitig trifft er etwas ganz Persönliches. Denn wie schwer fällt genau das: die Welt lieben. Das eigene Leben lieben.
Ich merke es bei mir selbst. Der Blick auf das Misslungene ist schnell. Auf das, was ich hätte besser machen können. Der innere Kritiker kennt jede Unsicherheit. Er kommentiert zuverlässig alles: Nicht erfolgreich genug. Nicht klar genug. Nicht diszipliniert genug. Und irgendwann schaue ich mich selbst durch die Augen dieses Kritikers an. Das Schwierige fällt mir schneller auf als das Gute. Der Bruch schneller als das Gelungene.
Jesus weiß um diese Eigenart. Er sagt zu Nikodemus: Die Menschen lieben das Dunkel mehr als das Licht. Das eigene Dunkel, das Dunkel der anderen. Und das Dunkel der Welt. Die Welt ist schlecht, die Welt ist finster – da fallen mir tausend Gründe und Beispiele dafür ein. Die Welt ist nicht in Ordnung. Und mein eigenes Leben scheint auch oft nicht in Ordnung.
Genau dort setzt dieser Satz an: Gott liebt die Welt. Nicht eine ideale Welt, nicht nur einen Teil von ihr. Sondern die Welt, so wie sie ist – hier und heute, mit all ihrem Chaos. Und eben auch die kleine große Welt meines eigenen Lebens. Mit allem, was offengeblieben ist. Mit Fehlern, Brüchen, Widersprüchen. Und mit all dem Unfertigen.
"Das Chaos umarmen". So lautet ein Buchtitel der Theologin Sabrina Wilkenshof. Das Chaos umarmen - das ist eine Formulierung, die mich nicht loslässt, seit ich sie gelesen habe. Gott macht es vor. Vielleicht kann ich das lernen. Das Chaos meines eigenen Lebens umarmen. Mich mit meinem Leben aussöhnen. Nicht ständig gegen mich selbst kämpfen. Nicht dauernd das eigene Leben abwerten. Sondern anschauen, was ist. Das Helle und das Dunkle. Die Freude und die Narben.
Versöhnung mit dem eigenen Leben – das fühlt sich an wie eine Umarmung. Einen Freund umarmen, den man lange kennt, mit dem man viel gestritten hat, der einen kennt wie kaum jemand sonst. Der einfach umarmt werden will.
Diese Momente des Versöhntseins mit dem eigenen Leben sind oft ganz klein: ein gutes Gespräch in der Nacht, ein stiller Morgen, ein Spaziergang, ein Blick, bei dem man plötzlich spürt – das Leben ist gerade gut, genau so. Und die Welt ist geliebt. So sehr.
Es gilt das gesprochene Wort.
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