Wenn Glaube Angst macht, ist er falsch. Wahrer Glaube eröffnet Menschen weiten Raum zum Leben. So hat das der evangelische Theologe Jürgen Moltmann nicht nur gelehrt, sondern selbst erlebt.
Sendetext:
Gott befreit. Das ist die Grunderfahrung des christlichen Glaubens. Und das ist die Urerzählung Israels. Gott hat die Israeliten aus der Sklaverei geführt, aus Ägypten befreit und ins gelobte Land gebracht.
Diese Befreiungserfahrung kleidet Psalm 31 in das Bild: "Du, Gott, stellst meine Füße auf weiten Raum." (Psalm 31,9)
Wenn Religion nicht befreiend wirkt, stimmt etwas nicht. Wenn Glaube einengt, klein macht, unten hält oder vor allem dazu dient, Hierarchien zu rechtfertigen, ist etwas faul. Gott macht frei. Wer Angst hat oder Panik, bekommt zu wenig Luft, atmet zu oberflächlich, hyperventiliert vielleicht sogar. Wenn man tief Luft holt, tritt Ruhe ein, weitet sich der Brustkorb. Angst kommt von Enge. Gott holt aus der Enge und aus der Angst.
Gott, du stellst meine Füße auf weiten Raum. Weiter Raum kann so vieles sein. Weiter Raum heißt, gehen zu können, wohin man will, oder einen eigenen Raum zu haben mit genug Platz. Und Gott schenkt nicht einfach weiten Raum, sondern stellt des Beters Füße auf weiten Raum. Das tut Gott nicht, damit man wie angewurzelt stehen bleibt. Füße im weiten Raum heißt: Bleib in Bewegung, körperlich und geistig! Weite Räume sind nicht dazu da, unbekannt, unerforscht und gleichgültig zu sein. Sie wollen entdeckt werden.
Andererseits hat das auch Grenzen. Es ist ja sehr faszinierend, den Weltraum zu erkunden. Wenn es allerdings dazu führt, dass man den eigentlichen Lebensraum, unsere Erde, am liebsten verlassen will und sich nicht richtig um sie kümmert, geht es schief.
Zu viel Enge bedrängt. Zu viel Weite und Freiheit kann aber auch bedeuten, dass man sich orientierungslos und verloren fühlt. Gott will uns Menschen vor dem einen wie vor dem anderen bewahren und an unserer Seite stehen. Und Gott geht es nicht nur um physische Räume. Die Bibel ist durchzogen von Geschichten, in denen Gott für herrschaftsfreie Räume sorgt, also für Zonen, in denen Menschen vor Willkür geschützt sind. Länder, in denen Gerechtigkeit und Friede sich küssen. Familien, in denen Menschen füreinander da sind. Gesellschaften ohne Unterdrückung.
Heute wäre der evangelische Theologe Jürgen Moltmann 100 Jahre alt geworden. Seine "Theologie der Hoffnung" prägte Befreiungsbewegungen rund um den Globus und ganze Theologengenerationen hierzulande. "Du stellst meine Füße auf weiten Raum" war Moltmanns Lieblingsstelle aus der Bibel. So hatte er Gott erfahren. Als 17-Jähriger im Zweiten Weltkrieg hat er den Hamburger Feuersturm 1943 an einem Flakgeschütz ganz knapp überlebt. Mit Kriegsende kam er in englische Gefangenschaft. Als er in schwere Depression verfiel, fing er an, in der Bibel zu lesen, und erlebte Gott als befreiend, als einen, der Hoffnung schenkt.
Für Moltmann hat diese Befreiungserfahrung sein ganzes Leben geprägt. Er hat sie theologisch durchdacht und seine Theologie der Hoffnung entwickelt, nicht weltflüchtig, sondern weltzugewandt, kritisch und politisch. Hochbetagt ist er vor knapp zwei Jahren gestorben.
"So reißt Gott auch dich aus dem Rachen der Angst in einen weiten Raum, wo keine Bedrängnis mehr ist; und an deinem Tische, voll von allem Guten, wirst du Ruhe haben." (Hiob 36,16)
Es gilt das gesprochene Wort.
Feedback zur Sendung? Hier geht's zur Umfrage!