"Lieber Gott" – so beten viele. Aber diese vertraute Anrede macht Gott zu klein. Ein Knuddelbär in der Sofaecke hilft nicht weiter, wenn das Leben aus den Fugen gerät.
Sendetext:
"Das ist ein ganz lieber Mensch." Würde ich so etwas über mich gerne hören? Ja, schon. Aber nicht nur. Denn da schwingt noch etwas anderes mit: Ein lieber Mensch ist zwar sympathisch – aber er gilt auch als harmlos, als allzu sanft. Ein Knuddelbär eben.
Lieb – diese Eigenschaft wird auch Gott zugeschrieben. "Lieber Gott" ist vielleicht die gängigste Anrede in Gebeten. Aber sie ist heikel. Ich fürchte: Sie verharmlost Gott. Im Extremfall wird der liebe Gott zu einer Art Knuddelbär. Den haben viele gerne dabei – aber an einer Stelle, wo er sich gut macht und nicht weiter stört. Ich stelle mir seinen festen Platz in einer Sofaecke vor, zwischen den Kissen, vielleicht noch umgeben von ein paar anderen Plüschtieren. Da kann er ganz gut sehen, was in der Wohnung los ist. Im Vorbeigehen wirft man einen Blick auf ihn und denkt: "Ach wie schön, er ist noch da." Und schon geht es weiter im Alltagsgeschäft.
Die Rede vom lieben Gott ist lieb gemeint. Aber sie greift zu kurz. Sie droht Gott zu verzwergen. Und das wäre fatal – denn das wird ihm nicht gerecht. Außerdem fehlt Gott dann genau dort, wo er dringend gebraucht wird: bei den großen Fragen des Lebens. Die verzwergen nämlich nicht. Die bleiben groß. Welchen Sinn hat diese großartige und komplizierte Schöpfung? Was tröstet mich, wenn mir etwas Lebenswichtiges aus dem Herzen gerissen wird? Was schützt davor, im Leben unterzugehen?
Solche Fragen reichen weit über den eigenen Horizont hinaus. Da bekommt man es zu tun mit Schicksalsmächten. Die können reinschlagen wie ein Blitz, das normale Leben wegfegen wie ein Tsunami. Mit denen kommen viele alleine nicht zurecht. Der liebe Knuddel-Gott in der Sofaecke kann dabei kaum helfen. Dafür ist er zu klein.
Wer bietet dann Schutz und Hilfe? Viele suchen sie woanders: beim Staat, bei Versicherungen, bei Sicherheitstechnik. Das sind feine Errungenschaften. Sie helfen in Not und bieten manche Sicherheit. Aber ihr Schutz hat Grenzen und Lücken.
Die aktuellen Umbrüche setzen noch weitere Sorgen oben drauf. Derzeit fühlen sich viele besonders verletzlich, unbehaust und schutzbedürftig. Und nicht wenige sind enttäuscht von denen, die sie schützen sollen – denn die liefern nicht den hohen Schutz-Standard, den viele erwarten. Das werden sie auch nie ganz können. Hinter all diesen Schutzschilden stehen am Ende nur normale Menschen mit begrenzten Möglichkeiten.
Könnte Gott helfen, wenn man ihn nicht verzwergt denken würde, sondern groß und allmächtig? Darum bitten Christen seit Jahrhunderten. Zum Beispiel mit dem Konfirmationssegen für Jugendliche. Darin heißt es: "Gott gebe dir Schutz und Schirm vor allem Argen, Stärke und Hilfe zu allem Guten."
Kann Gott diese Bitte überhaupt erfüllen? Nun: Gott kann weder einen Staat noch eine Versicherung ersetzen. Aber Gott umarmt unser Leben, umarmt die gesamte Schöpfung. Aus dieser Umarmung kann man nicht herausfallen. Alles Mögliche mag fallen und zu Bruch gehen – Gottes Liebe nicht. Sie ist unverbrüchlich. Daran kann man sich halten.
Also doch die Liebe? Ja – aber nicht die vom lieben Gott, sondern vom Gott, der Liebe ist. Das ist ein großer Unterschied. Gott ist die Liebe, aber Gott ist nicht immer lieb. Oft lässt Gott Schlimmes geschehen, mutet Menschen Furchtbares zu. Aber er trägt all das mit – solidarisch, in Liebe. Und er schenkt die Kraft, damit umzugehen. Gott ist kein lieber Knuddelbär. Gott ist die Liebe selbst, die sich um alles spannt. Sie zeigt sich jetzt schon an vielen Stellen. Und irgendwann wird sie die Welt ganz durchdringen. Darauf hoffe ich.
Es gilt das gesprochene Wort.
Feedback zur Sendung? Hier geht's zur Umfrage!