Da ist der Wurm drin – und das ist gut so! Würmer sind mehr als Bio-Indikator – sie sind Gottes Geschöpfe, nützlich und manchmal störend. Eine Sendung über Ambivalenz, Ökologie und den Platz des Wurms in der Schöpfung.
Sendetext:
Ich freue mich immer, wenn ich einen Wurm im Kohl finde. Das kommt nicht sehr oft vor, sonst würde ich mich vielleicht etwas weniger freuen. Aber kürzlich hat mich wieder ein kleiner Wurm angelacht, als ich einen Kohlkopf aufgeschnitten habe. Ich habe gedacht: Wie gut, dass der Wurm da ist. Dann kann der Kohl ja nicht mit giftigen Pestiziden belastet sein.
So ein Wurm ist ein lebendiger kleiner Störfaktor im Essen. Natürlich stört er – man will ihn ja nicht mitessen. Und wenn mehr als ein Wurm da wäre, fände ich es auch eklig. Aber so ein kleiner Wurm freut mich. Er regt mich dazu an, über seinen Platz in der Welt nachzusinnen. Gott hat die Würmer geschaffen. Viele Menschen ekeln sich vor ihnen. Manche Würmer schaden sogar und übertragen Krankheiten. Aber trotzdem gehört so ein Wurm zum großen Ganzen des Lebens dazu.
Gleichzeitig stört er. Nicht ohne Grund gibt es so viele Pflanzenschutzmittel. Natürlich mussten die Menschen von Anbeginn ihre kostbare Nahrung vor Ungeziefer schützen. Nur – wo hat das hingeführt? Heute werden Gifte eingesetzt, deren gesundheitlichen Schaden ich mehr fürchte als die Würmer selbst. Und darum erfreut mich der Anblick eines lebendigen Wurms, weil ich denke: Wo ein Wurm leben kann, da kann kein Gift sein. Dann bekommt der Spruch "Da ist der Wurm drin" auf einmal einen positiven Klang.
Würmer sind Teil von Gottes Schöpfung. Die Schöpfungsgeschichte in der Bibel erzählt, wie Gott die Würmer ins Leben gerufen hat. Gott sprach:
"Die Erde bringe hervor lebendiges Getier, ein jedes nach seiner Art: Vieh, Gewürm und Tiere des Feldes, ein jedes nach seiner Art. Und es geschah so. Und Gott sah, dass es gut war." (1. Mose 1,24-25)
Gute Geschöpfe Gottes, die Würmer. In anderen biblischen Schilderungen verderben stinkende Würmer Lebensmittel. (2. Mose 16,20)
Auch mit dem Tod werden Würmer in der Bibel in Verbindung gebracht: und zwar mit der wenig angenehmen Aussicht, als Verstorbene von Würmern gefressen zu werden. (Hiob 24,20, Jesaja 14,11)
Nicht besonders schmeichelhaft ist es auch, als Wurm bezeichnet zu werden. "Würmlein" nennt Gott sein Volk Israel, das ins Exil nach Babylon verschleppt worden ist. (Jesaja 41,14)
Noch schlimmer ist es, wenn sich jemand selbst als Wurm bezeichnet. Ein Ausdruck großer Verzweiflung liegt etwa in den Worten des 22. Psalms. Da sagt der Verfasser von sich selbst:
"Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, ein Spott der Leute und verachtet vom Volk."
Wer sich selbst so bezeichnet, muss äußerste Erniedrigung erlebt haben. Gedemütigt, in seiner Menschenwürde angegriffen, entmenschlicht.
Einmal rückt ein Wurm in der Bibel in positives Licht: in der Geschichte von Jona. Das ist der Prophet, der drei Tage im Bauch eines großen Fisches zugebracht hat, bis der Fisch ihn wieder an Land gespuckt hat.
Ohne diesen einen Wurm hätte Jona der großen Stadt Ninive wohl bis zuletzt den Untergang gewünscht. So erzählt die Bibel:
Jona sitzt vor den Toren der Stadt und wartet darauf, dass Gott Ninive dem Erdboden gleichmacht. Eben noch hat der Prophet ihren Einwohnern im Auftrag Gottes verkündigt: "Wenn ihr nicht sofort von euren bösen Taten lasst, wird Gott eure Stadt in den Untergang schicken." Die Strafansage hat gewirkt, die Einwohner von Ninive gelobten Besserung.
Trotzdem wartet Jona auf Ninives Untergang. Aber nichts geschieht. Das gefällt dem Propheten nicht. Er sitzt im Schatten eines Rizinus-Baumes und schmollt.
Und da schickt Gott einen Wurm. Der sticht den Rizinus, dass dieser verdorrt. Der Wurm zerstört den Baum, der Jona Schatten gegeben hatte. Der Prophet sitzt nun in der prallen Sonne und ärgert sich.
Da sagt Gott zu Jona: "Du trauerst dem Baum nach, den du doch gar nicht gepflanzt hast, nur weil du jetzt unter Hitze leiden musst. Kannst du dir nicht vorstellen, wie ich der Stadt Ninive nachtrauern würde, wenn ich sie denn tatsächlich zerstören würde?"
Eine lehrreiche kleine Geschichte. Gott lässt mit Hilfe eines Wurms einen Baum verdorren, damit Jona zur Besinnung kommt und lernt, Mitleid zu haben.
Ein bedeutsamer Wurm ist der Regenwurm. Eine Bauernweisheit sagt: "Der liebe Gott weiß, wie man fruchtbare Erde macht, und er hat sein Geheimnis den Regenwürmern anvertraut."
Als Eingeweihter in die Geheimnisse Gottes hat sich der Regenwurm dieser Auszeichnung als würdig erwiesen. Wo es Regenwürmer gibt, lebt der Boden. Denn der Regenwurm frisst die Erde, durch die er sich gräbt - und verwandelt sie. Was durch seinen Körper hindurchgeht, wird als ausgesprochen nährstoffreicher Wurmhumus ausgeschieden. Ein Düngemittel bester Qualität, gerade für die Landwirtschaft.
Die Würmer verwandeln die Erde in organischen Dünger und fördern damit die Fruchtbarkeit. Ihr unterirdisches Gängesystem lockert den Boden auf. Wir verdanken den Regenwürmern 6,5 Prozent der weltweiten Getreideernte. Im südlichen Afrika gehen gar zehn Prozent der Getreideerträge auf Regenwürmer zurück. (1) Dank dieser Würmer können Länder des globalen Südens auch ohne teuren Kunstdünger einen höheren Ernteertrag erzielen.
Wurmhumus ist für die langfristige Bodengesundheit in der Regel besser als mineralischer Dünger. Außerdem vertragen Regenwürmer konzentrierten Mineraldünger schlecht. Sie können dadurch geschädigt und vertrieben werden. Wo viel Kunstdünger verwendet wird, verschwindet der Wurm aus dem Ökosystem. Mit schwerwiegenden Folgen. Der Boden verarmt. (2)
Regenwürmer wirken in vielerlei Hinsicht nutzbringend, im Erdreich ebenso wie als Teil der Nahrungskette. Sehr proteinhaltig ist der Regenwurm, ein kleiner konzentrierter Eiweißhappen. Das weiß die Amsel, die ihn aus dem Gartenboden zieht - ebenso wie der Fisch, der sich von einem Wurm am Angelhaken überlisten lässt.
Mittlerweile ist auch die Hemmschwelle überwunden, Würmer als Nahrungsmittel für Menschen zu nutzen: So wird zwar nicht der Regenwurm, aber dafür der Gelbe Mehlwurm getrocknet und zu Pulver vermahlen. Er wird bereits in verschiedenen Lebensmitteln verarbeitet. Damit sind Hoffnungen für die Ernährung der Welt verbunden.
Der Blick auf den Wurm ergibt ein ambivalentes Bild. Einerseits ist es schädlich für das ganze Ökosystem, wenn ein einzelnes Lebewesen verlorengeht – durch Überdüngung, Pestizide oder sonstige Gifte. Wo Regenwürmer aus dem Erdreich vertrieben werden, verarmt der Boden.
Andererseits gibt es Würmer, die weniger segensreich wirken. Denn so nützlich der Regenwurm für die Fruchtbarkeit des Bodens, so schädlich ist der Spulwurm für die Gedärme und der Drahtwurm für den Kohl.
Nach menschlichen Maßstäben werden Würmer, wie auch andere Lebewesen, in nützliche und schädliche eingeteilt. Daraus ergeben sich ethische Fragen. Ist es richtig, dass Menschen andere Lebewesen derart kategorisieren?
In der Umweltethik werden zwei Perspektiven voneinander unterschieden. Die anthropozentrische, also menschenzentrierte Ethik einerseits und die physiozentrische, also naturzentrierte Ethik andererseits: unterschiedliche Perspektiven, auch auf den Wurm.
Die anthropozentrische Sicht beurteilt ihre Umwelt danach: Was ist nützlich oder schädlich für den Menschen? Der Mensch nimmt in diesem Weltbild eine Sonderstellung ein. Andere Lebewesen haben sich seinen Bedürfnissen unterzuordnen. Eine vielfach eingenommene und gleichzeitig kritikwürdige Haltung. Denn es führt zur Ausbeutung der Natur, wenn der Mensch in ihr lediglich einen Selbstbedienungsladen für eigene Bedürfnisse sieht.
Es fällt mir im Hinblick auf den Wurm allerdings schwer, die anthropozentrische Perspektive ganz abzulehnen. Es gibt für Menschen tatsächlich schädliche und nützliche Würmer: Darmparasiten müssen bekämpft werden. Ebenso Würmer, die Lebensmittel schädigen.
Schützenswert sind hingegen nützliche Würmer, die auch für Menschen nahrhaft sind oder die den Boden fruchtbarer machen.
Die naturzentrierte Ethik dagegen räumt allen Lebewesen einen eigenen Wert ein. Der Mensch hat keine Sonderrolle, sondern muss die Interessen der Natur berücksichtigen. Es kann nicht allein um die menschlichen Bedürfnisse gehen, sondern um die Natur in ihrer Gesamtheit. Das klingt einleuchtend und wünschenswert. Im Hinblick auf Spulwurm und Drahtwurm fällt es mir allerdings schwer, mich für ihre Interessen einzusetzen. Ich sehe, so sehr ich der naturzentrierten Position den Vorzug geben möchte, auch ihre Grenzen.
Für mich bleibt ein Dilemma. Ich finde es wichtig, dieses auszuhalten. Das Nachdenken über Würmer im Ökosystem gibt kein eindeutiges Bild. Es gibt schädliche und nützliche Würmer, und es gibt nicht den eindeutig richtigen Weg. Was nicht hilft, sind radikale Meinungen. Davon gibt es leider genug, und sie verhärten nur die Positionen. Ich halte es für wichtig, Maß zu halten: im Umgang mit Würmern, mit der Ernährung, mit landwirtschaftlichen Maßnahmen wie Düngen und Schädlingsbekämpfung. Sowohl die Interessen der Menschen als auch die der übrigen Natur müssen berücksichtigt werden. Auch mit dem Gedanken: Gottes Schöpfung ist uns anvertraut und verlangt uns einen verantwortlichen Umgang ab.
Im großen Lobgesang des 148. Psalms wird die ganze Schöpfung zum Lob Gottes aufgerufen.
"Halleluja! Lobt den Herrn vom Himmel her, lobt ihn in den Höhen. Lobt den Herrn, ihr auf der Erde."
Aufgefordert werden unter anderem Engel, Gestirne, Bäume, Tiere, Menschen und auch die Würmer. Alle gemeinsam sollen sie Gott loben, auch der Wurm.
Wie lobt ein Wurm Gott? Wohl - als Teil von Gottes großartiger Schöpfung - einfach durch sein Dasein. Würmer erfüllen ihre Funktion im Ökosystem. Und zwar fraglos: Wie alle Geschöpfe loben sie Gott, indem sie tun, was ihre Aufgabe ist.
Menschen dagegen sind aus theologischer Sicht Kreaturen, die zwischen Gut und Böse unterscheiden können. Für Menschen ist das Lob Gottes also nicht so ungebrochen möglich wie für Würmer und alle anderen Tiere. Der Mensch muss sein Dasein in der Welt reflektieren, mit allen Brüchen und Zerrissenheiten.
Und doch fordert dieser Psalm auf, mit den Würmern und allen anderen Geschöpfen und Elementen gemeinsam einzustimmen in das Lob Gottes. Alle Würmer sollen Gott loben. Und wir Menschen auch. Ohne das Dilemma zu leugnen. Sondern Gott in seiner Schöpfung zu loben, so gut wir es eben können. Zu der menschenzentrierten und der naturzentrierten Sichtweise auf die Welt gesellt sich damit eine dritte: die auf Gott zentrierte, von dem als Schöpfer der Welt alles kommt. Und es ist gut, mit allen anderen Kreaturen Teil von Gottes Schöpfung zu sein. Das löst keine ethischen Probleme, aber es wirft einen anderen Blick auf die Welt: als Gottes Welt.
Es gilt das gesprochene Wort.
Musik dieser Sendung:
1. Dario, Cinematic Guitar Works / Vol 1 - 19 Sek.
2. Coro de Saudade, Cinematic Guitar Works / Vol 1 - 11 Sek.
3. Etude Op. 35 Nr. 22, Cinematic Guitar Works / Vol 1 - 15 Sek.
4. Lagrima, Cinematic Guitar Works / Vol 1 - 10 Sek.
5. Melancholy blue A, Pianospheres and Atmospheres - 12 Sek.
6. Helping each other, Emotional Piano - 45 Sek.
Literatur dieser Sendung:
1. https://www.spektrum.de/news/destruenten-regenwuermer-produzieren-140-millionen-tonnen-nahrung/2184399
2. https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/regenwuermer-in-gefahr