Große Bühne, große Themen – und einige, die sich groß aufspielen. Diesen Eindruck kann man von der UN-Vollversammlung in New York gewinnen. Dabei verlangen die aktuellen Krisen nach echter Größe. Nur wie sieht die aus?
Sendetext:
Da sagte ihnen Jesus: "In dieser Welt unterdrücken die Herrscher ihre Völker, und rücksichtslose Machthaber lassen sich als Wohltäter feiern." (Lukas 22,25)
Starke Worte von Jesus: "Sie lassen sich als Wohltäter feiern."
So kommen mir manche Machthaber vor, wenn ich in diesen Tagen nach New York blicke. Die UN-Generaldebatte läuft. 193 Mitgliedsstaaten sind dort vertreten. Den Mächtigen dieser Erde gehört das grüne Marmor-Rednerpult. Sie halten große Reden auf großer Bühne über große Themen: Klimawandel und der steigende Meeresspiegel, das Recht auf Entwicklung, Pandemievorsorge, nukleare Abrüstung, Künstliche Intelligenz. Und: Wie lassen sich die Kriege beenden?
Einzelne Mächtige tun in ihren Reden so, als wären sie allmächtig. Die UN als Ganze wirkt eher hilflos. Meine Erwartungen an diese Vollversammlung der Vereinten Nationen sind eher gering. Ein ernüchterndes Gefühl, das schnell in ein Gefühl der Ohnmacht umschlagen kann: Ich sehe die Krisen, und wir bräuchten so dringend gemeinsam gestaltete Antworten und Lösungen.
Der UN-Generalsekretär Guterres hat dazu zum Auftakt treffende Worte gesprochen. Er warnte vor den tiefen Rissen in unserer Welt und rief den Staatschefs zu: Die Supermächte müssten endlich erkennen, "dass ihre Macht gar nicht so super ist". (1) Und trotzdem wollen sie als die großen Retter und die Wohltäter dastehen.
"Sie lassen sich als Wohltäter feiern." Diesem Satz von Jesus vorausgegangen war ein Streit unter seinen Jüngern darüber, wer von ihnen wohl der Wichtigste sei. Wer hat den besten Platz? Wer hat das meiste Sagen?
Selbst im engsten Kreis greift dieser Reflex nach Geltung: Ich will oben stehen.
Jesus stoppt diesen Streit. Er verweist darauf, wie die Herrscher und Machthaber sich aufspielen. Aber er bleibt bei seiner Kritik an den Herrschenden nicht stehen. Er dreht den Maßstab um. Er sagt zu seinen Jüngern: "Bei euch soll es nicht so sein! Sondern der Größte unter euch soll werden wie der Jüngste, und der Führende wie der Dienende."
Das ist ein radikaler Satz. Jesus stellt die Pyramide der Macht auf den Kopf. Echte Größe, sagt Jesus, misst sich nicht daran, wie viele Menschen unter mir stehen oder wie groß meine Bühne ist, wie sehr ich an dem Rednerpult auftrumpfe. Echte Größe zeigt sich in der Demut, den eigenen Einfluss zu nutzen, um anderen zu dienen.
Jesus spricht die Einzelnen an, den Kreis seiner Jünger. Aber was heißt das angesichts der großen Themen unserer Zeit? Wenn ich auf den Klimawandel blicke, auf Kriege oder Künstliche Intelligenz, stellt sich bei mir ein Gefühl der Machtlosigkeit ein: Was kann eine Einzelne schon ausrichten?
Genau in dieses Gefühl hinein hat die Psychoanalytikerin Ruth Cohn einen befreienden Satz gesprochen: "Ich bin nicht allmächtig. Ich bin nicht ohnmächtig. Ich bin teil-mächtig."
Das holt mich aus meiner Machtlosigkeit. Ich habe meine eigene Verantwortung genau dort, wo ich stehe. Im Rahmen meiner Möglichkeiten kann ich mich einbringen und muss dabei nicht die Welt retten.
Das gilt auch für die Weltpolitik in New York: Eine Supermacht ist eben nicht allmächtig. Und sie zeigt ihre Stärke nicht, wenn sie anderen droht oder Zusammenarbeit blockiert. Stattdessen liegt echte Größe in der Demut, die eigene Teilmacht für das Wohl aller einzusetzen und gemeinsam nach gerechten Lösungen zu suchen.
Wir sind teil-mächtig. Wir sind den Krisen nicht machtlos ausgeliefert. Wir haben Teilmacht in den Räumen, in denen wir leben: im Beruf, in der Familie, in der Gemeinde, im Verein, in unseren Beziehungen. Unser Alltag ist die Bühne unseres Mikrokosmos, auf der sich entscheidet, wie wir miteinander umgehen. Teilmächtig sein heißt im Alltag für mich: Aufmerksam zuhören. Den ersten Schritt zur Versöhnung wagen. Eine Aufgabe übernehmen, für die es keinen Applaus gibt.
Wir sind nicht allmächtig. Wir sind nicht ohnmächtig. Wir sind teil-mächtig.
Es gilt das gesprochene Wort.
Literatur zur Sendung:
(1) Vereinte Nationen: Guterres wirbt bei UN-Generaldebatte für internationale Kooperation | DIE ZEIT)
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