Eine Sonnenfinsternis konnte man schon vor über 3000 Jahren voraussehen. Aber noch immer rührt sie etwas in uns an. Was ist, wenn die bekannte Ordnung gestört wird? Worauf können wir uns verlassen?
Sendetext:
Das größte Ereignis dieser Woche war für mich die Sonnenfinsternis. Am Mittwochabend konnte man zusehen, wie es dunkel und dunkler wurde – bis der Mondschatten die Sonne fast vollständig verdeckte, bis schließlich nur noch der Lichtkranz, die Corona, erstrahlte,- ehe es noch einmal hell wurde, ehe dann die leuchtende Sonne in roten Wolken unterging. In Spanien war die Sonne sogar vollkommen überschattet. Kein Wunder, dass die Strandhotels auf Mallorca komplett ausgebucht waren und die Menschen am Strand dicht an dicht standen. Wer hierzulande keine Schutzbrille mehr bekommen hatte, konnte dem Astrophysiker Harald Lesch und Jasmin Neudecker live im TV zusehen, wie sie das Geschehen von Mallorca aus erklärten.
Die totale Sonnenfinsternis dauerte kaum zwei Minuten. Aber an diesem Abend drehte sich alles darum - wie sich ja auch sonst alles um die Sonne dreht. Sonnenaufgang und Sonnenuntergang bestimmen unsere Tage so selbstverständlich, dass wir das leicht vergessen. Wenn dann aber alles aus dem Takt gerät, wenn es vor der Zeit ganz finster wird, dann werden wir wachgerüttelt. "Störungen haben Vorrang", ist eine der Regeln in der Gruppendynamik. Und diese Woche war die kosmische Ordnung gestört. Auch wenn Wissenschaftler solche besonderen Ereignisse seit mehr als 3000 Jahren berechnen und voraussagen können – die Irritation bleibt.
"Mich beschäftigt, was passieren würde, wenn die Planeten sich einmal nicht mehr nach Plan bewegen", sagte ein Journalist am Mittwochmorgen. Und was passiert, wenn die Sonne nicht zurückkehrt? Das mögen sich Menschen vor ein paar tausend Jahren gefragt haben. Ich denke, sie haben große Angst gehabt. Für die meisten vorchristlichen Kulturen war die Sonne eine göttliche Kraft. Quell des Lebens, unbesiegbar. Was, wenn sie plötzlich von der Dunkelheit verschluckt wird? Kann denn das Licht seine Kraft verlieren? Kann die Gottheit auf den Menschen so wütend sein?
Für uns ist die Sonne längst keine Gottheit mehr. Für Christinnen und Christen ist Christus das Licht der Welt. Das feiern wir zu Weihnachten und auch in der Osternacht, wenn die Osterkerze in die dunkle Kirche getragen wird. "Lumen Christi", singt der Liturg- das Licht Christi. Und wenn das Kerzenlicht dann in den Bänken weitergegeben wird und die Gesichter erhellt, wenn die Morgendämmerung durch die bunten Fenster leuchtet und die Orgel zum ersten Mal wieder spielt – das sind Gänsehaut-Momente.
Auch deshalb, weil die Tage vor Ostern so dunkel waren. Die Kirchen ohne Kerzenlicht , das Kreuz unter schwarzem Tuch verdeckt, Stille im Gottesdienst. Die Angst, dass das Dunkel sich durchsetzt, dass das Licht nicht wiederkehrt, diese Angst kennt die christliche Kultur auch. Die Osterliturgie mit ihren Ritualen fußt ja auf der historischen Erfahrung, dass Jesus gestorben ist, gekreuzigt wurde und begraben. Und dass da plötzlich nur dunkle Leere ist. Auferstehung – das ist ein Wunder! Erwartet hat das keiner.
Der Mystiker Johannes vom Kreuz hat von der "dunklen Nacht der Seele" gesprochen. Von den Tagen und Nächten, die von Angst überschattet sind. Den Zeiten, in denen von Gottes Nähe nichts zu spüren ist. Ich kenne solche Zeiten, in denen ich nicht mehr glauben kann. Wenn ich nicht sicher bin, ob Jesus wirklich auferstanden ist. Wenn ich nicht vertrauen kann, dass hinter den Schatten noch immer die Lebenskraft Christi leuchtet. Dass die Tage wieder hell werden –wie in der Osternacht. Ich kenne die Tage, an denen ich mich im Dunkeln alleingelassen fühle. Die dunkle Nacht der Seele.
Der Mittwochabend- für mich hat er eine Botschaft. Dass die Sonne scheint, auch wenn es so aussieht, als ginge sie vorzeitig unter. Es wird nicht finster bleiben.
Es gilt das gesprochene Wort.
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