Migräne. Jahrelang. Darunter hat Hildegard von Bingen gelitten. Es hat sie darin bestärkt, die Heilkräfte von Kräutern und Ernährung zu erforschen. Und es hat ihre Suche nach Gott geprägt.
Sendetext:
Sie war eine der einflussreichsten Frauen des Mittelalters. Eine der frühesten Vertreterinnen der Mystik: die Benediktinerin Hildegard von Bingen. Sie schrieb über Medizin und Ernährung ebenso wie über Religion. Sie komponierte und züchtete Kräuter – eine Universalgelehrte.
Schon als Kind litt sie unter Kopfschmerzen, sah Lichtblitze und hatte Visionen. Sie schreibt in ihrer Autobiographie: "In meinem dritten Lebensjahr sah ich ein so großes Licht, das meine Seele erschütterte." Als zehntes Kind einer adligen Familie wurde sie mit gerade mal acht Jahren in ein Kloster gegeben. Aber ihre Visionen waren auch dort vielen unheimlich. Hildegard schreibt: "Bis zu meinem 15. Jahr war ich jemand, der viele Dinge sah und einfältig aussprach, so dass auch die, welche diese Dinge hörten, verwundert fragten, woher sie kämen."
Mit 14 wurde sie zusammen mit zwei anderen jungen Frauen in die Klause des Klosters Disibodenberg eingeschlossen. Die Gruppe wuchs, Hildegard wurde zur Magistra gewählt und geriet schon bald mit den Oberen in Konflikt: Sie lockerte die Speiseregeln, kürzte die Gebetszeiten und wollte schließlich mit ihrer wachsenden Gemeinschaft ein neues Kloster gründen.
Dabei berief sie sich immer wieder auf ihre Visionen, die jetzt, in der Mitte ihres Lebens noch stärker, ja unwiderstehlich wurden. "Ich weigerte mich lange, sie niederzuschreiben", sagt sie später, "aus Zweifel und nicht aus Eigensinn, weil ich der Demut folgte, bis ich ins Krankenbett fiel. Dann endlich gab ich meine Hand dem Schreiben anheim. Und erhob mich so selbst von der Krankheit durch die Stärke, die ich empfing."
Jahrelang hat sie gelitten und gekämpft. Es sei eine schwere Migräne gewesen, vermutete später anhand ihrer Beschreibungen der Neurologe und Psychiater Oliver Sacks. Hildegard rang mit ihren Schmerzen, den Selbstzweifeln und der Sorge, sie könne sich das alles nur einbilden. Aber wenn sie dann ihre Texte sah, wusste sie: Das sind nicht einfach meine eigenen Worte, sie kommen aus einer anderen Wirklichkeit.
Mit einer Freundin und ihrem Sekretär begann sie nun, ihre theologischen Einsichten niederzuschreiben, ihre inneren Bilder zu zeichnen. So entstand in sechs Jahren ihr Hauptwerk Scivias, "Wisse die Wege". Als sie schließlich die Erlaubnis erhielt, Scivias zu veröffentlichen, stand sie längst mit vielen bekannten Persönlichkeiten in Kontakt. Jetzt endlich durfte sie auch ein eigenes Kloster gründen. Das Kloster Rupertsberg wuchs schnell. Immer im Kampf mit dem Bischof, dem Neid anderer Äbtissinnen.
Und es gab manches zu neiden: die Pracht des Klosters, das Selbstbewusstsein der Schwestern, die Tabulosigkeit ihrer medizinischen Texte. Hildegard scheute sich nicht, auch über Lust und Zeugung zu schreiben. Und bei Festgottesdiensten erschienen die Klosterfrauen mit weißen Kleidern, offenen Haaren und Goldschmuck. Auch Hildegard selbst trug eine Nonnenkrone aus weißen Bändern und Seidenmedaillons mit Gold und Silber.
Kloster Rupertsberg wurde im Dreißigjährigen Krieg zerstört. Aber in Hildegards Texte kann man sich noch heute versenken. Ihre Bücher sind Verkaufsschlager. Das gilt vor allem für die Klostermedizin und ihre Kräuterbücher. Im Netz suchen viele nach der Hildegardis-Medizin, nach Tipps für ein gesundes, langes Leben.
Hildegard selber wurde 81. Am Ende ihres Lebens bekam sie als erste Frau die Erlaubnis, öffentlich zu predigen. Sie predigte in Mainz, in Würzburg und Bamberg, reiste nach Metz und Trier. In Margarethe von Trottas Hildegard-Film mit Hanna Schygulla sehen wir sie zu Beginn ihrer letzten Predigtreise, wie sie in den Sattel steigt und das Kloster hinter sich lässt. Sie hat alles erreicht. Es sind vor allem ihre Schriften, die ihr Leben ausmachen. Alles dreht sich um die Vision, die sie immer neu buchstabiert hat. Scivias. Wisse die Wege. Das buchstabiere ich immer wieder neu für meine Vision von Gott und für mein Leben.
Es gilt das gesprochene Wort.
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