Gemeinfrei via Fundus/ Rolf Oeser
Siehst du mich?
Wie Menschen mit Behinderung wahrgenommen werden
08.09.2026 06:35

Warum werden manche aggressiv, wenn sie Menschen mit einer Beeinträchtigung sehen?

Sendetext:

Sehen und gesehen werden. Davon redet die Bibel oft. Gott ist einer, der sieht, Menschen ansieht. Sie achtet und beachtet. Ihnen Aufmerksamkeit schenkt. Gott sieht. Und fordert Menschen auf, es ihm gleichzutun.

Andere zu sehen. Sehen – gesehen werden hat elementar mit dem Mensch-Sein zu tun. Siehst du mich? Als einen Menschen? So, wie ich bin. Mit einer eigenen Geschichte? Eigenarten. Vorlieben. In Beziehung mit anderen Menschen. Fähig zu Freude und Zuneigung. Der gerne tanzt. Die mit besonderem Genuss Latte Macchiato trinkt.

Wie ist das, wenn der Mensch, den ich sehe, anders aussieht als gewohnt? Zum Beispiel eine Beeinträchtigung hat. Fixiert sich darauf mein Blick? Schiebt sich so in den Vordergrund, dass das Menschsein ganz in den Hintergrund tritt.

Es gibt Menschen, die sehen lediglich die Beeinträchtigung. Und die macht sie aggressiv. So aggressiv, dass sie hässliche Kommentare abgeben. Manches davon stammt in Denkweise und Diktion aus der Zeit des Nationalsozialismus: Es ist ein Blick der Verachtung und eine Sprache, die andere reduziert und entmenschlicht.

Was macht manche wütend darüber, wenn Menschen mit einer Beeinträchtigung sich zeigen und in den Mittelpunkt gerückt werden? Warum wollen sie nicht sehen, was sie sehen? Ich vermute, es hat mit einem Bild vom Menschen zu tun, das alle ausschließt, die scheinbar anders sind oder die Hilfe brauchen. Mit anderer Hautfarbe. Oder sehr alt, langsam und gebrechlich. Vielleicht ist es auch Angst. Denn tief im Inneren wissen sie, dass wir alle nur einen Wimperschlag von einer Beeinträchtigung entfernt sind.

Knapp acht Millionen Menschen in diesem Land haben eine Schwerbehinderung. Eine, einer von zehn. Das ist ganz schön viel! Die allerwenigsten Behinderungen sind angeboren: Nur drei Prozent. Alles andere entsteht im Lauf eines Lebens. Durch Unfälle, Krankheiten, Alter.

Manche dieser Beeinträchtigungen sind auf den ersten Blick sichtbar: Trisomie 21. Schwere Gendefekte, die eine intensive Begleitung nötig machen, damit diejenigen so autonom und selbstbestimmt leben können wie nur möglich.

Vieles allerdings sieht man nicht: Menschen mit schweren Hirnschädigungen nach einem Unfall oder einer Krankheit sind oft dermaßen auf Hilfe angewiesen oder bettlägerig, dass sie nicht in der Gesellschaft auftauchen. Sie sind unsichtbar.

Menschen mit psychischen Erkrankungen – gerade mit schweren – sind auch häufig unsichtbar. Weil sie Angst haben. Sie trauen sich einfach nicht aus dem Haus. Sie igeln sich ein. Sie richten ihr Leben so ein, dass sie möglichst wenig anderen Menschen begegnen.

Andere zeigen sich oder ihre Krankheit nicht, weil sie befürchten, deswegen stigmatisiert zu werden. Wer kein Gespür für psychische Belastungen hat, ist oft schnell mit Vorurteilen. Das drückt sich aus in Sätzen wie: "Mit ein bisschen gutem Willen und Zähne zusammenbeißen wird das schon recht schnell wieder besser!"

Dabei ist eine Depression keine Frage der inneren Disziplin. Und die Stimmen bei einer Schizophrenie lassen sich nicht einfach abschalten, so als sei einem gerade die Fantasie durchgegangen. Das wiederum kann für andere natürlich beängstigend sein: Wie umgehen mit einem Menschen, der etwas sieht oder hört, was lediglich in seinem oder ihrem Kopf stattfindet? Das ist nicht leicht. Einige können das besser. Anderen fällt es schwer.

Siehst du mich? Kannst du mich sehen, wie ich bin? Ein Mensch mit Wünschen und Vorlieben. Stärken und Schwächen. Mit einer Beeinträchtigung oder ohne.

Sehen können. Menschen sehen können. Es so machen wie Gott. Der alle sieht. Freundlich ansieht. Mit den Freuden und Nöten. In ihrer Eigenart. Gott sieht und achtet alle. Ohne Ausnahme. Für ihn gehören alle dazu.

Siehst du mich? Wie schön, wenn jemand zu mir sagt: Ja, ich sehe dich. Du gehörst dazu.

Es gilt das gesprochene Wort.

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